Ägypten – Der Abgesang auf den Diktator wird schon komponiert

Die Choreographie, denke ich, folgt später.

In den letzten Monaten wendet sich das Blatt; der Diktator hat auf der ganzen Linie versagt und nicht nur dort, wo es für den Westen augenfällig ist. Zwischenzeitlich hängt das Land vollständig an der Finanznadel diverser Golfstaaten. Die eigene Wirtschaft, die bereits unter Mubarak lahmte, unter Dr. Mohammed Mursi nur ungenügend Fahrt aufnahm, liegt nun unter der Diktatur mehr oder weniger vollständig am Boden. Alle erdenklichen Güter des täglichen Bedarfs werden aus den üppigen Leihgaben aus den Golfstaaten bezahlt, die eigene Volkswirtschaft hat nicht mehr genug Kraft, für das tägliche Brot zu sorgen.

Nach dem verheerenden Anschlag auf das Flugzeug von Sharm El-Sheikh hat sich das Outstanding des Diktators unter den Geldgebern noch einmal dramatisch verschlechtert.

Der Kronprinz von Abu Dhabi, Mohammed bin Zayed al-Nahyan, hat sich von seinem Expertenteam eine Analyse vorbereiten lassen. Nach deren Lektüre befindet er ebenso trocken wie hart:

Ich gebe, aber unter meinen Bedingungen. Und wenn ich gebe, regiere ich.

Der Unmut steigt – zumal sich im Nahen und Mittleren Osten unter den Golfstaaten ein Umbruch abzeichnet. Ein Umbruch, der nichts weniger als eine Zeitenwende einläutet. Das saudische Königshaus verliert sich in internen Macht- und Familienkämpfen. In dem undurchschaubaren Geflecht von Beauftragten, Verwandten, Assoziierten, Höflingen, Speichelleckern, Antreibern und Intriganten wütete schon im Vorfeld der Inthronisierung ein beinahe tödlicher Machtkampf. Verschiedenste Strömungen in Saudi-Arabien stellen sich gegen die königliche Familie.

Ist aber der Leitwolf in der Meute krank, überlegen sich die anderen, ob sie ihn zum eigenen Vorteil töten könnten oder sollten. Und so entspannen sich Rivalitäten unter den Golfstaaten. Das Triumvirat zwischen Abu Dhabi, Kuwait und Saudi-Arabien droht unter diesen Umständen und unter der zusätzlichen Spannung eines strauchelnden Ägyptens, das immer neue, frische Milliarden nachfragt, ins Schlingern zu geraten.

Der Kronprinz kann diesen beständigen Aderlass in Richtung Kairo weder menschlich noch wirtschaftlich für sein Land ertragen, ohne ein Ende dafür zu finden – oder herbeizuführen. Ganz Krämerseele, murmelte er bereits:

Der Kerl muss erfahren, dass ich kein  Geldautomat bin.

Die Performance des Diktators sei erbärmlich, stellt das Papier aus Abu Dhabi fest. Ohne die menschenrechtliche oder demokratische Position Ägyptens überhaupt zu erwähnen, fokussiert es sich allein auf die Militärpolitik und die wirtschaftliche Leistung des Diktators. Und noch nicht einmal auf diesem Feld kann er Verbesserungen vorweisen – oder auch nur einen realistischen Plan. Es gibt keine Projekte, Visionen, Vorhaben, Ziele oder Pläne zur wirtschaftlichen Gesundung Ägyptens. Es gibt nur die Nadel, die der Diktator für anhaltende Geldflüsse den Emiraten in die Ader schiebt.

Es bleibt ernüchternd festzustellen, dass nach einer Regierungsumbildung im Fernbedienungsmodus durch die Emirate auf keinen Fall politische oder humanitäre Verbesserungen angedacht sind. Die Menschen sind den Bankern aus den Emiraten völlig egal.

Die Riege der Nachfolger wird bereits jetzt schon mit Namen besetzt:

Da böte sich Sami Anan an, der unter dem vorherigen Feldmarschall Tantaoui einmal die Nummer 2 des ägyptischen Militärs und von Mohammed Mursi buchstäblich in die Wüste geschickt worden war. Er galt Mursi, und die Einschätzung aus Abu Dhabi gibt ihm nun recht, als gefährlich. Der Siebzigjährige steht nahe zu den USA, wo er sich auch zur Zeit des Umsturzes gegen Mubarak aufgehalten hatte.

Dann wäre da noch Murad Muwafi, der unter Mubarak als Geheimdienstoffizier in der Armee gedient hatte und wie Anan von Mursi aus der Politik und dem Militär entfernt worden war. Ihm werden schwerste wie systematische Menschenrechtsverletzunge neben einer vollkommenen Gewissenslosigkeit im Dienst für seinen (jeweiligen) Herrn nachgesagt.

Die Liste der begehrtesten (Marionetten-) Kandidaten der Emirate endet mit Ahmed Shafiq, ebenfalls General unter Tantaoui.

In Ägypten selbst sind alle drei dieser Kandidaten wegen ihrer Brutalitäten, korrupten und speichelleckerischen Haltung vollständig verbrannt – keiner von ihnen wird je eine Wahl gewinnen können. Da es aber auf Wahlen in Ägypten nicht ankommt, wird es wohl entweder Shafiq oder Muwafi auf den Thron Ägyptens hieven, denn beide gelten als loyal gegenüber den Emiraten. Das revoltierende Ägypten seinerzeit schüttelte die Faust gegen jeden der Genannten, speziell Muwafi sollte damals nach lauten Protesten und vielen Demonstrationen der Prozess gemacht werden. Gegen ihn war in diesem Fall die Todesstrafe wegen seiner systematischen Grausamkeiten gefordert worden.

Es wird vermutlich irgendwie ganz schnell gehen. Entweder stirbt der Diktator plötzlich bei einem „Anschlag“ von „Islamisten“, oder er verhandelt im Vorwege, für sich lukrativ, und demissioniert öffentlich aus „Gesundheitsgründen“. Dafür wird man im Vorfeld einen oder alle drei Kandidaten nach Ägypten bringen und die Öffentlichkeit neu an ihre Gesichter gewöhnen.

Dann ist da noch das Häuflein recht verzweifelter „Politiker“ in Ägypten, die ihre augenblicklich höchst prekäre Situation bei der Gegenrevolution im Juni 2013 selbst herbeigeführt hatten. Aboul-Foutuh, heutiger „Oppositions“-Führer, beklagte jüngst bei einem Interview in etwa die gleiche Schieflage und forderte schnelle Präsidentschaftswahlen, um die Unglücksfigur des Diktators schnell politsch-demokratisch aus der Macht zu entfernen. Dieser Versuch ist noch nicht einmal mehr lächerlich. Aboul-Foutuh ist eine der jämmerlichen Gestalten, die sich dem neuen Diktator mit atemberaubender Geschwindigkeit angeschlossen – und untergeordnet hatten. Andere, wie der ehemals einmal ehrenwerte Dr. Mohammed El-Baradei, hatten noch viel weniger Mut, beteiligten sich zunächst an den Massakern und tauchten dann bei Nacht und Nebel einfach ab. Ohne die Verantwortung für das eigene Tun zu tragen und dadurch das Land durch dieses Versagen noch tiefer ins Elend zu schicken.

Die blutige Diktatur der Putschisten ist an ihrem Ende. Sie wird einer neuen Platz machen und willig den Fäden folgen, an denen sie hängen und die von den Emiratis gezogen werden.

 

 

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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