Israel – wie „Wahrheit“ produziert wird

Nur sehr selten erhält man derart eindrucksvoll serviert, wie Israel Fakten und Wahrheiten produziert.

Hier ist solch ein Fall:

Was war passiert? Ein ziemlich großer Trupp israelischer Agenten betrat in Hebron im Westjordanland (also außerhalb Israels!) ein Krankenhaus. Es gibt ein Video vom Vorfall und schaut man sich das an, staunt man ob der dilettantischen, ja grotesken und lächerlichen Verkleidung der Agenten Bauklötze. Sie haben sich falsche Bärte umgehängt und sich nicht entblödet, einem ihrer Kumpane einen dicken Bauch auszustopfen, ihn in Frauenkleider zu stecken und in einen Rollstuhl zu setzen. Aber sei’s drum; die „Palästinenser“ betraten also das Krankenhaus.

Sie sicherten die Etage, besetzten den Flur und knallten dann einen Palästinenser ab, der dort behandelt wurde. Sie haben ihn einfach erschossen. Ohne Vorwarnung, ohne Gegenwehr, ohne großes Palaver. Peng.

Die englische BBC brachte daraufhin folgende Meldung auf ihrer Website:

BBC-1

(Übers.: „Israelis erschießen Palästinenser bei einem Angriff in Krankenhaus in Hebron“)

Aha. Bis hierher ist niemandem hinsichlich der Berichterstattung etwas vorzuwerfen. Es war eben alles wie üblich: israelische Einsatzkräfte stürmen außerhalb ihres Territoriums irgendwelche Räumlichkeiten irgendwo, knallen Missliebige natürlich ohne Anklage, ohne Verfahren, ohne Verteidiger ganz einfach ab und verschwinden. Alles wie gehabt. Hinrichtung auf israelisch eben. Die Meldung an sich stimmt, sie wird begleitet von einem Standbild der Überwachungskamera und zeigt offensichtlich einen der mehreren Todesschüsse.

Das war den israelischen Sicherheitsbehörden sehr unangenehm. Denn ganz plötzlich veränderte sich die Meldung auf der Website:

BBC-2

(Übers.: „Israelis bei verdecktem Angriff in Krankenhaus in Hebron, ergreifen Verdächtigen“)

Schwupps …. ist der Tote verschwunden. Übrig bleibt der Inhaftierte, der mit dem Erschossenen verwandt ist und mitgenommen worden ist.

Ein Irrtum? Ein lässlicher Fehler?

Wohl kaum. In einem ähnlich gelagerten Fall, mehr als eine Woche zuvor, bemeckerte die Times of Israel im Allgemeinen die Art und Weise, wie gerade die BBC Bericht zu erstatten pflegt:

Die israelische Regierung warnte die BBC, sie könne Strafen für  Nachrichtenüberschriften erhalten, die den Tod eines Palästinensischen Terroristen stärker hervorhebt als den Angriff selbst.

In diesem Bericht wurde ein Palästinenser in Jerusalem erschossen, nachdem er zwei Israelis ermordert hatte.

Die BBC hatte zunächst getitelt:

Palästinenser erschossen, nachdem sein Angriff zwei tötete.

Das hatte einen „bösen“ Brief an den in Israel ansässigen Chef der BBC, Richard Palmer, vom Regierungspresseamt Israels zur Folge. Zusätzlich beschwerte sich die israelische Botschaft in London nicht erfolglos über die BBC und forderte eine Veränderung der Überschrift.

Also durfte der tote Palästinenser nicht sterben – denn die neue Überschrift veränderte sich in:

Jerusalem: Palästinenser tötet zwei Israelis in der Altstadt.

Man bedenke hierbei, dass für gewöhnlich eine Veränderung einer zuvor erschienenen Nachricht als Fußnote notiert wird – dergleichen ist international üblich und wird u.a. auch von einem SPIEGEL sehr aufmerksam umgesetzt. Im vorliegenden Fall ist dies nicht so; man fand das wohl allzu verräterisch. Also ließ man den Umstand der Veränderung „verschwinden“.

Aber irgendwie war Israel noch immer nicht zufrieden:

Israelis in Jerusalem getötet, Palästinenser aus Altstadt ausgesperrt.

Gerade für die westliche Presse ist eine solche Hörigkeit und jeder Kniefall in dieser Richtung vor einer Regierung unappetitlich und wird üblicherweise nicht breitgetreten. Arthur Neslen, der für vier Jahre für die BBC gearbeitet hatte, sagte über das Einknicken der BBC vor Israel:

Sie nehmen israelische Aufrufe sehr ernst und kritische Berichte über Israel werden durch offiziellen Druck und aus Angst vor offiziellem Druck abgeschaltet. Das sind sehr machtvolle Lobbyisten – die Leute wissen, dass ihre Karriere vernichtet werden kann.

Der schwedische Akademiker und Medienexperte namens Leon Barkho sagte dazu:

Ich habe das utnersucht und ich bin davon überzeugt, [BBC-] Politik wird wegen der enormen Empfindlichkeit von oben diktiert … die Nachricht ist: verärgere nicht die Israelis.

…. Bekannt sind diese massiven Einflussnahmen seit vielen Jahren; in letzter Zeit aber scheinen sich diese Eingriffe jedoch zu intensivieren. Es handelt sich aber wohl um letzte Anstrengungen, die Meinungsbildung der Welt zu manipulieren. Zunehmend verliert Israel den Zugriff auf Medien und Presse und auf einmal ist Mord, wo Mord ist.

Zumeist bleibt der Öffentlichkeit der Blick auf den Versuch Israels, weltweit unter dem Schutz seiner „Freunde“ zu manipulieren, zu fälschen und buchstäblich Meinung zu machen, verborgen. Aber hier haben aufmerksame Zeitgenossen einmal rechtzeitig auf den „Screenshotbutton“ gedrückt und recherchiert.

Ist doch eindrucksvoll, oder?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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