Deutschland ./. Arabien – „Freundschaft“ ist billig

Manchmal reißt es Jan Fleischhauer vom SPIEGEL einfach hin. Ab und zu nimmt er seine neoliberale und oft beißend zynische Brille ab. Leider viel zu selten. Aber in diesen wenigen, lichten Momenten gelingen ihm in seiner SPIEGEL-Kolumne Sätze wie dieser etwa, der sich direkt gegen Saudi-Arabien richtet:

Es ist jetzt viel von der Verteidigung unserer Werte die Rede. Vielleicht sollte man damit anfangen, nicht länger mit Leuten zu poussieren, die einen Apartheidstaat am Laufen halten, gegen den Südafrika selbst zu seinen schlimmsten Zeiten eine Vorzeigerepublik war.

Wir wollen Saudi-Arabien keineswegs als Staat wahrnehmen, dessen menschenrechtsverachtendes Wüten womöglich noch schlimmer ist als der des „Islamischen Staats“. Es gibt eine zunehmende Flut an Fakten, deren Wegblenden immer schwieriger wird:

Saudi-Arabien köpft, verstümmelt, quält und foltert schlimmer. Es hat im Jahr 2015 bisher mehr Menschen hingerichtet als der „Kalif“. Die Praxis der Kreuzigung ist originär nicht der verkommenen Phantasie dieses Verrückten entsprungen – sondern geübte Praxis in Saudi-Arabien.

Unsere Bundeskanzlerin aber will Saudi-Arabien als „Freund“ wahrnehmen, weil dies Land eine Schlüsselposition unter den ölfördernden Staaten einnimmt und große, militärische Möglichkeiten hat. Somit stellt das Land einen verlängerten Arm des Westens in der Region dar.

Nebenbei bemerkt ist dieser Umstand beinahe lustig, wenn ich spätestens am Dienstag morgen Fotos von den Pegida-Idioten sehe, die auf ihren lächerlichen Plakaten mit Sprüchen fuchteln, man müsse unsere „Werte“ hochhalten. Nach der Demo fahren sie dann mit ihren Autos nach Hause, in denen saudisches Öl schwappt – mit dessen Kauf sie die nächste, öffentliche Hinrichtung einer Frau oder die Kreuzigung eines Regimegegners in Saudi-Arabien bezahlen. 

Unsere Bundeskanzlerin hat sich aber auch sehr aufmerksam, beinahe liebevoll um die gnadenreiche Aufnahme des ägyptischen Diktators in die Riege der „ehrenwerten“ Staatsmänner bemüht. Unter Außerachtlassung ihres eigenen Moratoriums, sie könne den Diktator erst nach einer Parlamentswahl in Ägypten in Deutschland als Staatslenker empfangen, tat sie dies, als noch nicht einmal die (jetzt jüngst gehabte) unsinnige weil völlig wertlose Wahl stattgefunden hatte.

Der ägyptische Journalist Amr el-Shobaki schreibt (von mir übersetzt):

Niemand versteht, weshalb der 16-jährige Mahmoud Mohamed Ahmed seit 700 Tagen im Gefängnis auf einen Prozess wartet, weil auf seinem T-Shirt  „Ein Land ohne Folter“ und „Januar 25“ auf seinem Schal gestanden hatte.

Natürlich kann das niemand verstehen – und auch Fleischhauer ist gedanklich wegen seines sonst betonharten Neoliberalismus noch längst nicht in Ägypten angekommen, denn auch die deutsche Presse findet die menschenrechtsverachtenden Exzesse in dem (einstmals?) beliebten Urlaubsland unappetitlich. Man möchte sich nicht vorwerfen lassen, Millionen von Touristen die Freude am unbeschwerten Urlaub madig zu machen.

Deshalb interessiert sich in Deutschland auch kein Fleischhauer für das Bild, das sich dem „kleinen“ Saudi und dem „kleinen“ Ägypter zeigt, wenn er von Staatsbesuchen und -Empfängen seiner Folterknechte in den Amtsräumen hoher, europäischer Regierungen erfährt und glanzvolle Bilder vom Lächeln, Applaus und kameradschaftlichem Essen sieht.

Kunststück.

Wenn meine Familie auf offener Straße wegen fabrizierter Anklagen hingerichtet wird, meine Kinder gekreuzigt, ausgepeitscht und die Täter mit offenen Armen von Regierungen empfangen werden, die so oft das Wort der „Werte“ im Maule führen – dann kann ich weder dem einen, noch dem anderen trauen und fühle mich furchtbar alleingelassen.

Und Hunderttausenden, Millionen von Menschen in Arabien geht es genauso. Weder menschlich noch spirituell kann ich Verzweifelte verurteilen, die ihr Leid nicht mehr tragen können – und am Ende genau das tun, was man ihnen angetan hat: blindwütige Zerstörung. Was würde ich einem Vater sagen, der soeben sein Kind an seine „Regierung“ verloren hat, weil es auf einer harmlosen Demonstration von einem Maschinengewehr niedergemäht wurde oder in einem Foltergefängnis landet, aus dem es schwer verletzt und auf immer behindert wieder entkommt – wenn es Glück hatte? Wer beschreibt den Schmerz einer Mutter, die am Fuße eines Kreuzes steht, an dem ihr Sohn hängt? Wer hält sowas aus? Müsste das „christliche“ Abendland da nicht zumindest tief schlucken … ?

Natürlich können wir so weitermachen! Uns wird schon nicht der Himmel auf den Kopf fallen und kein böser Teufel kriecht aus dem Gully, auch morgen wird uns vermutlich kein Jüngstes Gericht dafür zur Verantwortung ziehen, weil wir uns heute sehr bewusst und absichtsvoll unter Mühen blind halten und für uns nach Entschuldigungen suchen. Denn wir wollen auch morgen und übermorgen noch unsere Tanks billig vollmachen und uns einreden, das wir von allem natürlich (wieder einmal) nichts gewusst haben wollen. Und das in Wahrheit wir die „armen Opfer“ sind, weil uns das Ergebnis unseres eigenen Tuns plötzlich in der eigenen Heimat begegnet und auf einmal in Metropolen keine U-Bahn mehr fährt.

Die wenigen Toten, das bisschen Terror, was uns hier in Europa begegnet sind ein sehr kleiner Preis für unser Tun.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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