Deutschland – wie weit sind wir … ?

Ein kleines, kurzes Ereignis war es nur …. eine Petitesse, unter normalen Umständen wenige Augenblicke später vergessen, vom Wind der Zeit wie ein winziger Nebelstreif mitgerissen und aufgelöst:

Ein erkennbar älterer Mann als ich steht etwa drei Meter von mir entfernt an einem Bankautomaten. Er nestelt an seiner Brieftasche, scheint etwas zu suchen. Unbemerkt von ihm stiehlt sich seine Bankkarte zwischen seinen Fingern hindurch und segelt lautlos auf die Erde.

Wir sind umgeben von lärmigem Treiben; Dutzende von Menschen ziehen an uns vorüber.

Um nicht gegen den Lärm anrufen zu müssen, gehe ich drei, vier Schritte auf die Karte zu, um sie für den Mann aufzuheben, der den Verlust noch immer nicht bemerkt zu haben schien. Er hatte es aber doch mitbekommen, bückt sich, hebt die Karte auf und lächelt mich sehr freundlich an.

„Hab ich gemerkt! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

Ich winkte lächelnd ab.

„Ist doch selbstverständlich. Ihnen einen schönen Tag noch!“

Im Fortgehen begann ich mich zu fragen, ob er wohl genauso reagiert hätte wenn ihm bekannt gewesen wäre, dass ich Muslim bin … ?

Ob er vielleicht ein Pegida-Anhänger sein könnte, der abfällig in meine Richtung geknurrt hätte, wenn ich nur ein fremdländisches Aussehen oder islamische Kleidung getragen hätte? Oder mit Akzent spräche?

Oder ob es ihm, wenn er denn ein solcher gewesen sein sollte, zu Denken aufgegeben und gezeigt hätte, dass Muslime in Wirklichkeit „gar nicht so“ sind?

Und wenn das alles gar nicht stimmen würde? Was, wenn er selbst Muslim wäre oder als Christ meinen Glauben akzeptiert und respektiert – und ich vollkommen überreagiere?

Habe ich zwischenzeitlich Angst? Ich glaube eher nicht. Ich bin ganz bestimmt weit unsicherer, verunsicherter als je zuvor – hege aber noch immer keine Ressentiments und übe womöglich noch immer zuwenig Vorsicht.

Vorsicht? In meinem eigenen Land?

Ist Vorsicht angebracht? Kann ich nicht mehr so unbeschwert leben wie zuvor? Sollte ich vielleicht Angst haben – oder doch zumindest entwickeln?

Wo sind wir eigentlich hingekommen … ?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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