Syrien – und jetzt alle drauf!

Kaum jemand fasst die verrückte, augenblickliche Situation in der Prägnanz eines Jakob Augstein in seiner SPIEGEL-Kolumne zusammen. Ich zitiere mal:

Wer will noch mal, wer hat noch nicht. In Syrien kämpfen im Moment – ohne Anspruch auf Vollständigkeit: die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Saudi-Arabien, Bahrain, Jordanien, die Nusra-Front, die Türkei, Hisbollah, Iran, die „Freie Syrische Armee“, mehrere kurdische Gruppen, die Syrische Armee und natürlich der „Islamische Staat“.

Wenn man jetzt noch seinen Sammelbegriff „kurdische Gruppen“ auffasert, hat man mehr als zwanzig Gruppen, Staaten und sonstige Schießwütige zusammen, die jetzt zur Bombe greifen – oder eine in die Hand gedrückt bekommen.

Zwanzig.

Zumindest elf davon schicken ihre Flugzeuge; wenn man sich Syrien mal so auf Google-Maps anschaut muss man sich wundern, dass die nicht alle naselang in der Luft miteinander kollidieren. Elf kriegführende Nationen, manche mit vor der Küste geparkten Supervernichtern, die den Bauch voller Flugzeuge und Raketen haben.

Innerhalb von nicht ganz 72 Stunden erreichte der Verlust an unschuldigem Menschenleben durch das französische Höllenfeuer das Doppelte dessen, was in Paris sterben musste.

Okay – das ist schlimm. Wir haben uns sprichwörtlich darauf eingeschossen, diese Verluste auf das hundert- wenn nicht tausendfache von dem ansteigen zu lassen, was Syrien uns angetan hat. Und auch gar nicht angetan hatte, weil die Attentäter von Paris Franzosen waren. Wir töten in Syrien, weil wir von unseren eigenen Leuten angegriffen werden.

Aber noch viel schlimmer ist die vollständige Planlosigkeit. Erstmal soll und muss alles zerschossen und zerstört werden. Aber sollte der Ernstfall wirklich eintreten und auf einmal nichts mehr dasein, auf das man noch würde schießen können, dann gähnt das befürchtete Loch: es gibt keine einzige Idee, wie mit dem dann schlussendlich völlig zertretenen Syrien umzugehen wäre. In der im Irak bewährten Ziel- und Planlosigkeit gilt es erstmal, nur zu töten und zu zerstören.

Da ist nichts und niemand, der in der Lage oder fähig dazu wäre, in Syrien eine (neue) Gesellschaft aufzubauen. Keine der agierenden Kräfte hat eine tragbare, geschweige denn für die westlichen Kriegsherren akzeptable Idee für ein neues Syrien. Unter dem Eindruck des Höllenfeuers, dem sie von rechts durch Assad, von links durch die Koalitionäre und in der Mitte von allerlei verrückten, völlig extremistischen Organisationen ausgesetzt sind, bildet sich nichts Neues.

Die Welt prügelt sinn- und ziellos auf Syrien ein. Unter dem Banner der „Rache!“ richten wir sehenden Auges tausende Unschuldige hin, während sich der „Islamische Staat“ mit eleganten Seitenbewegungen aus dem Fokus der Bomben wegzieht. Heute hier – morgen dort. Im Gegensatz zur Bevölkerung kann der „IS“ binnen Stunden seine Aufenthaltsorte beliebig verändern, tarnen, täuschen. Militärische Fehlentscheidungen, tragische Unglücke, mangelhafte Zielvorbereitungen kosten nicht nur Unbeteiligten und Unschuldigen das Leben – sie produzieren auch Terror.

Es ist verrückterweise heute gemeinsame Sprachregelung aller kriegführenden Nationen, dass der „Krieg gegen Terror“ aus der Luft unführbar, in keinem Fall aber zu gewinnen ist. Das begreift nach kurzem Nachdenken natürlich jeder, der halbwegs klar bei Verstand ist: Terroristen zeigen sich leider nicht als so doof, brav den Aufmarsch und die Vorbereitungen regulärer Armeen abzuwarten und sich in Reih und Glied zur Vernichtung aufzustellen. Sie neigen dazu, sich mit geschickten Winkelzügen wie eine Amöbe aufzuteilen, zu verstecken, in der Menge aufzugehen, sich ganz plötzlich neu zu versammeln, in Zellen organisiert mit loser Kommandostruktur immer genau dort zuzuschlagen, wo grad mal keiner dieser grandiosen „Krieg gegen Terror“-Soldaten hinschaut.

Wir sollten das schon ganz richtig verstehen: niemand sagt, dass der Krieg, so wie wir ihn führen, gewinnbar wäre. Dennoch wird er auf diese Weise geführt.

Diese Vorstellung ist uns unangenehm. Deswegen lassen wir die Konsequenz daraus natürlich nicht zu. Das würde uns den hübschen Massenauftrieb unseres tollen Schießgerümpels in und vor Syrien vermiesen. Wir wissen also, dass wir jetzt und in Zukunft Tausende und Abertausende Unschuldige, Unbeteiligte töten und ihre gesamte Existenz vernichten werden – dennoch tun wir es.

Auf diese Weise ist ein Überleben des „IS“ garantiert. Jeder weiß natürlich, und spricht auch ganz offen darüber, dass diese Art Krieg zu führen Terror produziert. Beinahe kann man den Eindruck gewinnen, dass genau das das Ziel der Koalition ist: die eigenen Bevölkerungen mit einem heroischen Kampf beschwichtigen und den Feind dabei am Leben zu lassen. Es ist einfach viel zu verführerisch, den in der Region versammelten Despotien einen verborgenen, geschickten und hemmungslos brutalen Feind zu erhalten.

„Dividere et Impere!“ – Teile und herrsche!

Wenn die Hammerschläge konzertiert auf die Region niedergehen, reden wir sehr bald nicht mehr von Nationen. Die ersten Auswirkungen sehen wir ja bereits: der „IS“ zerkrümelt die nationale Idee und fasert alle Beteiligten nach anderen Gesichtspunkten auf. Wenn man nur hemmungs- und gewissenlos genug ist, dann ist das derzeitige Wüten der Koalitionäre ein gemäßigter Preis für die dadurch erzeugte Fragmentierung der Region. Bye bye OPEC – darauf läuft es hinaus.

Unsere Toten erheben wir in den Stand beweinter Märtyrer, alle anderen Toten sind …. nunja ….. eigentlich egal. Die decken wir mit einer dünnen Lügendecke einfach zu …. schwupps …. weg sind sie. Der syrische Vater, der durch einen ebenso miserabel vorbereiteten wie schlampig durchgeführten Luftangriff sechs Töchter, sein Heim und jede Zukunft verloren hat, den korrigieren wir einfach mit unserem gedanklichen Radiergummi weg ….. den gibts ja einfach gar nicht! Die zur Rede gestellten Verantwortlichen für diese konkrete Vernichtungsaktion sagen einfach nur „Nö.“ – und drehen sich um. Sie behaupten wörtlich, dass es diese Toten gar nicht gäbe.

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Extremismus, Frankreich, Gesellschaft, Islam, Islamischer Staat, Kultur, Militär, Naher Osten, Presse, Religion, Revolution, Terror, USA, Waffen abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.