Israel – Endzeit für Extremisten

Wieviel Weltuntergangsankündigungen ich schon er- und überlebt habe, kann ich kaum noch zählen. Alle paar Jahre geschieht es wieder und hunderte oder sogar viele tausend zerreißen sich die Gewänder, verkaufen all ihr Hab und Gut, setzen sich am Vorabend des eingeplanten Weltunterganges hin und sehen ihrem baldigen Ende entgegen. Und jedesmal noch sind sie alle am nächsten Morgen wieder aufgestanden, rieben sich ihre verwunderten Äuglein und begannen zu verstehen, dass ihnen einmal mehr ein gewaltiger Bär aufgebunden worden war. In einigen dieser Fälle ging es nicht so harmlos aus. Da kam es zu Massenselbstmorden.

Jede Religion hat ihre Weltuntergangsprediger; manche davon haben aus ihren Ansichten erst eine Religion gemacht.

Seit Jahrhunderten ziehen Muslime mit erhobenem Zeigefinger durch die Weltgeschichte und teilen uns mit, dass wir den nächsten Morgen nicht mehr erleben werden. Christen halten sich damit ebenfalls nicht zurück – und Juden auch nicht:

Rabbi Chaim Kanievsky ist ein weißhaariger, offenbar steinalter Mann. Sein Bild strahlt Ruhe und die Souveränität überlegenen Wissens aus. Er gilt als Stütze der jüdischen Gemeinschaft und genießt hohen, wenn nicht höchsten Respekt. Der wird ihm aufgrund seiner lebenslangen Studien sicherlich auch zustehen. Rabbie Kanievsky jedenfalls wurde eine Ausarbeitung von Rabbi Yitzchak Ben Tzvi aus der Stadt Bnei Brak gegeben, er hat sie aufmerksam studiert und gefordert, dass diese Schrift schnell unter allen Juden verteilt werden soll.

Die Abhandlung, nun von Rabbi Kanievsky prominent unterstützt, ruft alle Juden der Welt zur Aliyah auf, was wohl am besten mit „Versammlung in Israel“ übersetzt werden sollte. Es ist der Stoß ins Horn, der die Scharen versammeln und für den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang vorbereiten soll. Der Rabbi lässt seinen Worten und Überzeugungen Taten folgen; er rät Israelis wegen der nun sehr bald zu erwartenden Ankunft des Messiah dringlich ab, das Land zu verlassen.

Wie stark die Unruhe ist, die der Rabbi dadurch verbreitet hat, entzieht sich einerseits meiner Kenntnis und andererseits daher auch jeder Einschätzung – darauf geht meine Quelle auch nicht ein.

Das ist aber auch völlig unnötig, die Sache scheint nämlich bereits ausgestanden: auf Befragen gab der Rabbi an, das Ereignis würde sich direkt am Ende des Sabbatjahres abspielen. Nach meinen Informationen aber endete das (spirituelle) Sabbatjahr am 29. Tag von Elul, was, in unseren Kalender übertragen, der 12. September 2015 gewesen wäre.

Ganze Heere von Menschen haben sich in den vergangenen Jahrhunderten über ihre Schriften gebeugt und diese ausgelegt. Die weitaus meisten sind an dieser Aufgabe grandios gescheitert, einige von ihnen hatten tatsächlich eine verborgene, ganz anders inspirierte, manchmal politische Agenda hinter ihren Exegesen. Es hat sich auch immer gezeigt, dass solche Weltuntergangstheorien und die dazugehörigen Phobien zwar mit religiösen Schriften begründet, allerdings direkt durch ein schwieriges, bedrohliches und angsteinflößendes Umfeld angetrieben worden sind.

Wohl kaum jemand auf der Welt dürfte ein größeres Problem mit der neuerlich ereignislos verlaufenen Weltuntergangsankündigung haben als der Rabbi selbst. Sein Fehlschluss ist keine Schande und auch keineswegs grotesk oder lächerlich. Er ist das Ergebnis einer wohl lebenslang, aufrichtig und ernsthaft betriebenen Studie.

Mir zeigt dies Ereignis nur, wie weit der Mensch noch vom durchdringenden Verständnis seiner Heiligen Schriften entfernt ist. Der Schlüssel zur Erkenntnis liegt in unseren Händen; wie aber der Qur’an uns mitteilt, können wir nur verstehen und erkennen, wozu die uns gegebenen Sinne taugen. Jeder Versuch, Aussagen zu treffen wie die, die der Rabbi gewagt hatte, muss fehlgehen. Ein Datum zu nennen, Fakten postulieren zu wollen, deren Grund, Ursache und Sinn wir nicht verstehen können, ist Vermessenheit. Die Schöpfung, der Mensch, wird nie seinem Schöpfer vorauseilen und ihm vor dem Ablauf der Dinge sagen, geschweige denn befehlen können, wie sie vonstatten zu gehen haben.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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