NSU, Zschäpe … ein systemisches Problem

Erstaunlich gut erinnere ich mich an den Moment, an dem alles aufflog und die ersten, balkendicken Meldungen durch die Presse gingen. Man sah auf Fotos ein halb ausgebranntes Haus, die noch rauchende Ruine eines abgefackelten Wohnmobils – und dann die Überschriften.

Als alles herausplatzte, saß ich im Schneidersitz auf meinem Hotelbett in Ägypten. Am späten Abend, als die Wüste ihre Hitze ausseufzte und ich mich in der Kühle und meinem restlichen, halben Glas Cola erfrischte. Es war reiner Zufall, dass ich mich nicht wie üblich mit einer halben Stunde arabischen Fernsehens amüsierte, sondern auf deutsches TV umgeschaltet hatte.

Ich stellte das Glas weg, als diese Nachrichten kamen.

Was dann folgte, empfand ich bis heute als eine einzige, endlose und qualvolle Zeit. Ganz abgesehen davon, dass natürlich keine deutsche Behörde je auf die Idee gekommen wäre, sich bei den Opfern und deren Angehörigen für die angestrengte Konstruktion von irgendwelchen mafiösen Drogengeschäften zu entschuldigen, mit denen man die Mordserie begründen wollte, zu deren Aufklärung der gesamte Apparat vollkommen unfähig war.

Aber war es wirklich „Unfähigkeit“?

Die nächsten Jahre förderten gefühlt tausende von Indizien, wasserdichten Beweisen, Verdachtsmomenten zutage, nach welchen es genau dieser urdeutsche Apparat war, der diese gesamte Mordserie vermutlich erst möglich gemacht hatte. Plötzlich war von geheimnisvollen „Agenten“ die Rede, die natürlich nur „rein zufällig“ unmittelbar vor tödlichen Schüssen knapp zwei Meter neben dem Todesschützen gestanden – und natürlich nichts mitbekommen hatten. Nein, den Schuss, der im gleichen Raum wenige Meter weiter abgegeben wurde, der war natürlich nicht hörbar. Dabei wurde nachweislich noch nicht einmal ein Schalldämpfer benutzt.

Akten verschwanden „rein zufällig“. Andere, von Diensten und Behörden zur Verfügung gestellte Akten sind so großzügig geschwärzt, dass ihnen im Grunde keine Information mehr entnommen werden konnte. Parallel, in anderen Zusammenhängen, wurde bekannt, dass deutsche Behörden bekannt Rechtsradikalen mit großen Summen, vermutlich auch Waffen und Sprengstoffen aufmerksam unter die Arme gegriffen hatten.

Heute bin ich mehr denn je der Meinung, dass sich die deutsche Regierung mit der rechtsradikalen Szene einen „Gegner“ künstlich aufgebaut hatte, der für sie ein anständiges und jederzeit kontrollierbares Feindbild abgab. Eine Regierung mit selbstgemachtem Terror steuert ihr Land mit künstlicher Angst und einem Feind, gegen den es jederzeit bilder- und pressewirksam zu Felde ziehen und Erfolge zeigen kann. Kunststück. Die Terroristen, die man mühsam erst mit viel Geld, Sprengstoff und Waffen zu solchen gemacht hatte, hat man schnell und problemlos beim Wickel.

Was uns Zschäpe heute vorhält, ist eine herausgestreckte Zunge. Sie äfft unser Lebensgefühl nach, hält uns unseren Spiegel vor. Da seht Ihr, sagt sie uns, wie einfach es ist, sich mit der wohlfeilen „Angst“ als unschuldig zu erklären. Sie kann für nichts. Wie denn auch. Wo sie doch gar nichts mitbekommen hatte. Sie lädt es der Geschichtsschreibung und dem Gericht auf, ihr mühsam beweisen zu müssen, dass sie persönlich Schuld an den Morden trägt. Sie selbst beharrt frech bis dahin auf ihre behauptete Unschuld. Die vielen Millionen Nazis, die nach der Kapitulation übrig waren, verwandelten sich ja auch über Nacht in friedvolle Demokraten – und hatten nichts getan. Sie alle hatten ja immer nur „Angst“. Viele, viele Millionen sahen sich unter einer handvoll Nazis geknechtet. Sie erklärten sich alle zu dummen Schafen, die nichts gesehen, nichts gewusst und nichts getan haben wollten. Dass trotzdem so viele Millionen unter ihren Gewehren, Peitschen und in ihrem Gas umkamen – das ist ja nur die Schuld einer hauchdünnen Oberschicht.

Wie können wir Zschäpe verweigern, was wir selbst für uns in Anspruch nehmen?

Wenn ein US-Kommandant förmlich den Verstand verliert, weil er in Dachau Menschen trifft, die ernstlich aussagten, sie hätten von der ungeheuren Vernichtungsaktion wenige Kilometer entfernt im Konzentrationslager nichts gewusst, wie könnten wir dann eine Zschäpe verurteilen, die das gleiche für sich Anspruch nimmt?

Für mich steht die Aussage Zschäpes sozusagen als eigenständige, dicht gewebte Abhandlung der Eigendarstellung und -Empfindung der Deutschen. Niemand kann für etwas. Niemand ist schuld. Niemand hat etwas gewusst. Niemand hat etwas getan – trotzdem sind all diese vielen Millionen Menschen ums Leben gekommen. Millionen von Juden sind durch niemanden gestorben, schrecken bis heute schweißgebadet nachts auf, weil sie wieder und wieder und wieder, jede Nacht, in Konzentrationsläger einziehen, die ja niemand gebaut hatte, von denen niemand etwas wusste und die niemand betrieben hatte. Ich krümme mich bis heute angesichts des Schmerzes, den all diese vielen Millionen Niemande angerichtet haben; der maßlose Schrecken derer, die uns ihre eintätowierten Nummern auf den Armen zeigen, greift mir bis heute ans Herz.

Wir sind ein Volk von Verpissern.

Aber neuerdings teilen wir wieder großzügig den Tod aus. Man muss sich jedoch wirklich beeilen zu betonen, dass niemand hier etwas dafür kann. Niemand ist schuld, wenn die ersten Meldungen eintreffen, wieviel Unschuldige und Unbeteiligte wieder einmal unter deutschen Waffen sterben. Natürlich trägt niemand in Deutschland Schuld an den Toten. Niemand wird eines Tages sagen: „Jawohl. Ich stehe dazu, dass es richtig war, soviele Menschenleben in einem ungewinnbaren Krieg zu opfern und ich trage meinen Teil der Schuld dafür!“

Zschäpe ist niemand.

Das macht sie zu einer vollendeten Schwester von Niemanddeutschland. Das ist das Land, das alles tut – obschon es niemand tut. Niemand weiß. Niemand sieht.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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