SPD – Gabriel und Fromm

Ob der dicke Sigmar fromm ist, weiß ich nicht. Ich glaube eher wohl nicht. Aber mein Fromm aus der Überschrift kommt nicht aus der Richtung von Kirchen- oder Moscheegängern, sondern von Erich Fromm.

Und der hat so einiges geschrieben, was heute hinter unseren Spiegeln steckt.

So errichtete er die These vom „Priester“ und vom „Propheten“. Ein Prophet ist jemand, der ein neues Lebensrezept entwickelt. Der kraft eigener Erfahrung, eigener Arbeit und auch eigenen Verzichts und Leids eine bisher nicht dagewesene Form des Lebens und Glaubens entwickelt – und sich nicht selten damit gegen Majoritäten oder sogar gegen seine Herrschaft stellt. Weil er sie substanziell in Frage stellt und ihnen neu Erdachtes entgegenstellt.

Was das mit Gabriel zu tun hat?

Deutlich wird dies durch die Charakterisierung des Fromm’schen „Propheten“: nachdem der Priester fortgegangen oder gar gestorben ist, errichten die Priester einen Kult, häufig einen Ritus um ihn. Sie fassen die Schriften des Propheten in Gold, legen sie in brokatbeschlagene, juwelenbesetzte Kisten und präsentieren sie der gläubigen Menge unter großem Zinnober, programmiertem Jubel, Kling-Klang, Fanfaren und mächtigen Prozessionen. Dabei tragen sie die (schriftliche? goldene?) Proklamation des Priesters, der die darin enthaltenen Thesen mit seinem eigenen Leid, Blut und Verzicht entwickelt hatte, sie heben sie hoch und behaupten, selbst diesen Ge- und Verboten Folge zu leisten.

Das macht Gabriel zu einem Priester.

Er zelebriert die Sozialdemokratie mit morbidem Charme. Seine Kutte ist ein piekfeiner, sicherlich sündhaft teurer Anzug, seine Reden sind nicht hetzerisch genug, die Fürsten zu verärgern und sein Tempel ist der Parteitag.

Augstein vom SPIEGEL wird wohl kaum an Fromm gedacht haben, als er treffend in seiner Kolumne bemerkte:

Das ist eben das Problem der deutschen Sozialdemokratie: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke, die ist so groß, in die passt sogar Sigmar Gabriel.

Das ist die Wesenheit leerer Priester …. sie deklamieren moralinsauer oder auch emphatisch, schütteln ihre in Gold gewirkte „heilige Schrift“, sie malen die zu erreichenden Ziele in die Wolken und vergessen dies alles, sobald die letzten Weihrauchschwaden der Medien abgezogen sind.

In der Zeit der sozialdemokratischen Regierungsbeteiligung hat die Ungleichheit der Einkommen immer weiter zugenommen – das war vor der Finanzkrise so, dann hatte die Entwicklung kurz angehalten, um sich seit einigen Jahren fortzusetzen. Und für die Verteilung der Vermögen galt ohnehin immer: Deutschland wird beständig ungerechter. Die reichsten ein Prozent der Deutschen besitzen 33 Prozent der Vermögen. Das reichste Promille – das sind 40.000 Haushalte – besitzen mehr als 17 Prozent. Die ärmere Hälfte besitzt gerade mal 2,5 Prozent der Vermögen.

Der Priester regiert mit seinem persönlichen Habitus und es wird immer derjenige Oberpriester, der am überzeugendsten proklamieren kann. Niemand, der die Schriften wirklich lebt und hart damit und daran arbeitet, wird jemals in die Tempelgemächer des Oberpriesters einziehen. Denn es geht ja längst nur noch ums Verkaufen …. weil die, die kaufen, Geld und Macht zur Verfügung stellen. Für den piekfeinen Anzug etwa. Eine schmackhafte Cohiba aus Kuba, teuren Champagner, ein allgemein luxuriöses Leben ohne körperliche Arbeit oder gar Verantwortung.

Gabriel betreibt Marketing – aber keine Politik. So wie ein Priester nur proklamiert – aber nicht glaubt.

Nach dem Parteichef sprach Johanna Uekermann, die Chefin der Jungsozialisten. [ …. ] Uekermann sagte, sie verstehe die Delegierten, die nach Gabriels Rede sagten: „Ja, das war ’ne starke Rede, aber irgendwie kann ich das nicht in Einklang bringen mit dem, was danach immer wieder passiert.“

Gabriel hat sich darüber sehr geärgert. Aber so kompliziert ist das gar nicht. Ein Versprechen, noch dazu ein dauernd wiederholtes, muss irgendwann eingelöst werden. Oder niemand glaubt es mehr.

Machen wir uns doch nichts vor: die Sozialdemokratie ist spätestens seit Helmut Schmidt und Willi Brandt tot. Spätestens. Vermutlich ist sie mit ihren letzten Priestern in Konzentrationslägern ins Gas geschickt worden.

Jedenfalls stünde Gabriels Äußeres, seine illusionsfördernden Reden, die ganzen inhaltsleeren Platitüden einem rechtsreaktionären Unternehmer gut zu Gesicht. Die Sozialdemokratie jedenfalls wird dadurch beleidigt, dass man ihre Inhalte nachäfft, so wie sich ein kleines Mädchen heimlich den Lippenstift von ihrer Mutter mopst und sich nach ihren ungelenken Strichen auf die Lippen vor dem Spiegel als „große Dame“ fühlt.

Ich habe mir schon lange abgewöhnt, diese „S“PD zu wählen.

Ungefähr seitdem die SPD tot ist. Friede ihrem Angedenken.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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