Saudi-Arabien, unislamisch.

In den nächsten ein oder zwei Tagen werde ich das neue Buch von J. Todenhöfer („Inside IS“) ausgelesen haben – und schreibe wegen der noch fehlenden, ein oder zwei Kapitel heute noch keine Rezension.

Aber soviel entnehme ich dem Buch und meiner eigenen Beobachtung bereits heute: Daesh („IS“) liefert sich einen blutigen Wettstreit mit dem Königreich Saudi-Arabien um die bizarrste, furchtbarste Interpretation des Islam. Mittlerweile gibt es gar Hitlisten, welcher von beiden mehr köpft, kreuzigt, auspeitscht.

Ein nur offenbar wenig kultiviertes Nomadenvolk erhielt durch die Machtgelüste Großbritanniens plötzlich einen „Staat“ und damals konnte noch niemand ahnen, dass sich dieser auf einem Ölsee befindet. Die Briten versprachen dem Stammesführer der Saud für dessen militärische Hilfe die Inthronisation als Herrscher über ein Gebiet, welches die Saud auch nach mehreren Attacken auf das Osmanische Reich nie erringen konnten. England hat sich um die religiöse Ausrichtung des Stammes nicht geschoren; die Zielrichtung des eigenen Tuns war einzig auf das Erreichen kurzfristiger Kriegsziele gegen das Kaiserdeutschland ausgerichtet – und da man die politische Achse Istanbul-Berlin auseinanderbrechen wollte um das Osmanische Reich als Freund und Verbündeten Deutschlands zu zerstören, nahm man sich den unbedeutenden Stamm der Saud zur Hilfe.

Ibn ʿAbd al-Wahhāb (* 1702, +1792) zeichnet als Entwickler der bizarrsten und brutalsten Religionsausrichtung des Islam verantwortlich. Er machte aus dem Glauben einen fiebrigen Traum von Gewalt, Schmerz, Leid, Verzicht und Traurigkeit. Seit den Tagen, als sich die Saud seinem Irrsinn angeschlossen hatten und ihm die Treue schworen, rollen die Köpfe wie am Fließband von den Schultern der Menschen.

Ohne das Öl wären die Saud schon seit Generationen auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet; sie wären heute nichts mehr als eine furchtbare Erinnerung an ein gescheitertes, falsches und verwerfliches Experiment. Eine handvoll versponnener Kameltreiber wären sie bis heute; statt für Milliarden Waffen zu kaufen (und einzusetzen!) zögen sie bis heute von Oase zu Oase, würden ihre Kamele treiben und sich über Armut und Unverständnis beklagen. So wäre es richtig.

Die überwältigende Mehrheit aller Muslime von heute lehnt den „Wahhabismus“ (zumeist schaudernd) rigoros ab. Demzufolge kann eine in Arabien einige Haltung gegen den Iran niemals bedeuten, dass Muslime den Wahhabismus der Shia des Iran vorzögen. Wenn sich aus der augenblicklichen Spannung tatsächlich, was ich für sehr gut möglich halte, ein Krieg entwickelt, dann entspringt dieser rein machtpolitischen Interessen und hat Geld – aber nicht den Islam zum Inhalt.

Man muss sich beeilen festzustellen, dass sich Iran angesichts der Hinrichtung von Sheikh al-Nimr in einer schwerst prekären Situation befindet, dennoch eher besonnen reagiert. Die Drohung mit „der Rache Gottes“ ist reine Rhetorik; parallel spezifizierte Teheran seine Absicht zum Handeln sehr genau und reduziert seine Antwort auf diplomatische, kulturelle und politische Handlungen. Expressis verbis verzichtet der Iran klar erkennbar auf jede Kriegsrhetorik. Man darf nicht vergessen, dass seit der Antike (!) von Iran noch nie ein Krieg ausgegangen ist. Ich halte die Idee, dass sich Iran aus fundamentalen Gründen gegen Krieg jeder Art wendet, für akzeptabel. Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass sich die Aggressivität Irans auf zivile Projekte und Pläne konzentriert. Seine Unterstützung der Houthis im Jemen ist nur dem Umstand geschuldet, dass einige arabische Länder die religiöse Ausrichtung der Shiiten nur zum populistischen Anlass nehmen, um die Vorherrschaft in der Region westlich ausgerichteten, vollends korrumpierten Despotien zu erhalten.

Ein aufmerksamer Beobachter schrieb unlängst, dass Iran auf dem Wege der Infiltration, schleichender Zunahme von Einfluss und wirtschaftlichem Interesse wettmacht, was ihm an militärischer Aggression abgeht und zu bedrohlich erscheint. Dieser Politik ist die dramatische Zunahme shiitischer Enklaven auf der ganzen Welt geschuldet, die nicht unerheblich personell und finanziell von Teheran ausgestattet werden.

Ich persönlich glaube weniger daran, dass Saudi-Arabien die Vereinnahmung muslimischer Staaten für einen Krieg gegen Iran gelingen wird – dafür sind die Ressentiments überall gegen die wahhabitische Vernagelung, Brutalität und Engstirnigkeit zu groß. Mich selbst treibt die augenblickliche Entwicklung keinen Millimeter von Shiiten fort; ich finde sogar ganz im Gegenteil, dass sich ordentliche Muslime „grenzüberschreitend“ füreinander zu interessieren und miteinander gegen diesen Keil zu organisieren haben. Denn der Streit zwischen den Strömungen ist ebenso grotesk wie verrückt: nach den verflossenen Jahrhunderten sollte es angesichts der aktuellen Realität vollkommen unerheblich geworden sein, ob damals die richtige Herrschaftsnachfolge geherrscht hatte.

Aus dem damaligen „Endkampf“ resultierte letztendlich ziemlich genau die innere Haltung von Shiiten, die ihnen heute von der damaligen Gegenpartei vorgehalten wird: sie pflegen ein inbrünstiges Gedenken an die Vertreter ihrer Partei und leiden bis heute an den Vorbedingungen und insbesondere am Ausgang der damals geführten Schlacht. Manche Sunniten werfen ihnen „Anbetung“ ihrer damaligen Herrschaft vor – was in der Tat eine erhebliche Verfehlung im Sinne des Islam wäre.

Mir persönlich sind Shiiten spirituell ganz wesentlich näher als die Wahhabiten Saudi-Arabiens, deren Strömung ich mit wenigen Ausnahmen vollständig ablehne. Politisch wurde die Situation durch das jahrzehntelange, blinde Hofieren des Öllieferanten Saudi-Arabiens nicht nur nicht besser, sondern hat die völlige Verzerrung des Islam nur betoniert und mit schier unüberblickbaren Mitteln ausgestattet. Schon die erste Waffenlieferung der allerersten Gewehrpatrone in diese unkultivierten, unzivilisierten Hände war ein schwerer Fehler und hätte nie passieren dürfen. Auch die deutsche Bundesregierung hätte bereits vor dreißig, vierzig Jahren auf enge Kooperationen mit dem Königreich verzichten müssen.. Weil deren Politik aber auf nichts als die geographische Erweiterung von US-Politik gründet, keine eigenen Ideen, Pläne und Einsichten hat und verfolgt, war der Weg des blinden Ölsaufens vorgezeichnet.

Die Königsfamilie strauchelt nach dem Machtwechsel enorm; das Land ist von mehreren Familienzweigen und ihren Machtinteressen völlig zerrissen. Es gibt, wie ich höre, bereits vier mehr oder weniger „offizielle“ Warnschreiben, dass das Land an diesen internen Kämpfen zerbrechen bzw. vollends destabilisiert werden könnte. Mitglieder diverser Familienzweige „verschwinden“ ganz plötzlich, Intrigen häufen sich und so scheint es leicht möglich, dass der amtierende König Salman einen groß angelegten Krieg gegen den alten Erzrivalen Iran zum Ersticken inländischer Opposition begrüßen – oder gar herbeiführen will. Ein solcher Krieg hätte für ihn schlagende Vorteile: er festigt seine Herrschaft, er erstickt inländische Opposition und er sichert die saudische Führerschaft in der Region.

Ich halte einen womöglich großen Krieg Saudi-Arabiens gegen den Iran für recht wahrscheinlich; die Welt und die Region müssten schon sehr viel Glück und Geschick haben, ihn zu vermeiden oder zu verhindern. Das Ausrüstungspotzenzial der Saudis ist recht gut bekannt (es stammt ja größtenteils aus unseren Waffenschmieden!), dass des Iran eher nicht. Der Ausgang dürfte also fraglich sein. Wo Iran qualitativ in seinen Waffensystemen hinterherhinkt, dürfte er in den Köpfen seiner Soldaten jedoch eine um Potenzen größere Motivation neben der schieren Masse an Material vorfinden. Wer statt einer exakt treffenden Rakete ein ganzes Bündel schlechter navigierender Waffen auf das gleiche Ziel abfeuert, erzielt den gleichen, womöglich sogar erheblich größeren Zerstörungseffekt. Und wer tausend wütende und topmotivierte Kämpfer schreiend auf ein Ziel anrennen lässt, schlägt einige hundert modern bewaffnete und nur schlecht motivierte Kämpfer leicht in die Flucht.

So nahm Daesh wiederholt mit wenigen hundert Kämpfern Orte ein, die von tausenden, irakischen Soldaten beim Angriff Hals über Kopf unter Zurücklassung der gesamten Ausrüstung fluchtartig verlassen wurden.

Wir haben eine zurückgebliebene, verblendete und unkultivierte Nomadenfamilie zu Märchenherrschern mit schier unbegrenzten Mitteln gemacht. Jetzt dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie diese Mittel auch nutzt. Ich befürchte Zehntausende von Toten deshalb.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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8 Antworten zu Saudi-Arabien, unislamisch.

  1. aron2201sperber schreibt:

    „Mir persönlich sind Shiiten spirituell ganz wesentlich näher als die Wahhabiten Saudi-Arabiens, deren Strömung ich mit wenigen Ausnahmen vollständig ablehne.“

    ist die schiitische Scharia spirituell viel schöner als die sunnitische?

    oder gefällt es Ihnen, dass der Iran „Feinde des Islam“ oder „Schwule“ mit modernen Baukränen hinrichtet, statt ihnen primitiv die Köpfe abzuschlagen?

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    • echsenwut schreibt:

      Durch viele und lange Gespräche habe ich den Eindruck gewonnen, dass Shiiten tatsächlich einige Aspekte des Islam schöner, weiser und bewusster leben. Die Shiiten, die ich kennengelernt habe, waren ausnahmslos sehr friedfertige, überaus gastfreundliche und grundfröhliche Menschen – womit sie einige, von mir besonders hochgeschätzte Disziplinen des Islam besser und intensiver leben. Was Ihre „Baukräne“ angeht: das ist wirklich lustig. Ich habe vor Jahren mal, mit einem dieser drastischen Urteile im Hinterkopf, Familienväter gefragt was sie wohl täten, wenn ihre Tochter vergewaltigt und getötet wurde. Huuiii … da habe ich mich aber erschrocken: sie hätten allesamt zu erheblich schlimmeren Urteilen gegriffen als es der Iran tat. Kommen Sie mir nicht mit offiziellen Lippenbekenntnissen westlicher Rechtsphilosophie! Sie wissen sicherlich so gut wie ich, dass die Realität in den Köpfen der Menschen GANZ anders aussieht und ganze Wälder von „Baukränen“ und Kreuzen errichten würden, wenn sie bloß könnten.
      Zudem: zeigen Sie mir ein westliches Land, welches den Angehörigen eines Mordopfers die Wahl überträgt, ob der Delinquent tatsächlich hingerichtet werden soll oder nicht.

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      • aron2201sperber schreibt:

        klar gibt es sympathische Perser, sowie es sympathische Araber gibt – die Tunesier sind Sunniten und es geht wesentlich offener zu als im Iran

        ob ein System falsch und grausam ist wie jenes der Mullahs, sollte man nicht daran messen, ob man persönlich ein paar nette Bewohner kennt

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      • aron2201sperber schreibt:

        im Iran werden nicht nur Vergewaltiger und Mörder auf Baukränen aufgehängt, sondern auch Schwule, Ehebrecher und Feinde des Islam

        das Vergeltungs-Argument kann man bei USA oder Japan verwenden, wo tatsächlich nur Mörder mit dem Tod bestraft werden können, nicht jedoch bei den Saudi-Barbaren oder deinen Mullahs, die nach der Scharia töten

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      • echsenwut schreibt:

        Was soll diese Schärfe? Diese Mullahs sind nicht „meine“ Mullahs – ich habe mit keiner Silbe je gesagt oder geschrieben, dass ich die Verhältnisse im Iran als durchwegs beglückend empfände, das tue ich nämlich keinesfalls. Ich wende mich nur gegen die Hetzerei und Verlogenheit, die aus dem Iran ein Land voller blutsaufender Barbaren machen will – das stimmt ganz genausowenig wie die konturenlose und wahrheitsfremde Verteufelung der USA (z.B.) durch muslimische Extremisten. Soviel Kultur wie jene hat der Iran allemal – ich denke, eher viel mehr davon. Sie sollten sich erst einmal gründlich erkundigen, was „Shariah“ überhaupt meint. Sie scheren ein in die Phalanx derer, denen ein ungefährer Verdacht völlig ausreicht um zu glauben, etwas beurteilen oder gar als Argument verwenden zu können. Soll ich Muslimen im Nahen Osten etwa sagen: „Die USA quälen ihre Todeskandidaten zwei Stunden lang mit ihren Giftspritzen zu Tode – und sie tun das auf Basis der Bibel!“ ? Das wäre auch „irgendwie“ richtig aber „irgendwie“ natürlich auch wieder nicht. Aber Sie würden daraufhin loslaufen und als Muslim durch Ägypten (z.B.) quaken: „Die Amis quälen ihre Verurteilten wegen der Bibel zwei Stunden lang zu Tode!“. Sie arbeiten nicht an einer Lösung – Sie zählen zum Problem.

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      • echsenwut schreibt:

        „ob ein System falsch und grausam ist wie jenes der Mullahs, sollte man nicht daran messen, ob man persönlich ein paar nette Bewohner kennt“
        Selbstverständlich MUSS man an den Reaktionen, Lebensweisen und Glaubensinhalten der Bewohner die Qualität eines Systems messen. Alles andere wäre ja Blödsinn. Niemand kann ein Land und dessen Lebensqualität an ein paar Überschriften messen, die er in seiner (!) eigenen Presse vorfindet. Und selbstverständlich gibt es überall auf der Welt vernageltere und weniger vernagelte Leute – die Frage ist bloß, welche Seite überwiegt. Und im Falle des Iran überwiegt ganz klar und unmissverständlich die der „guten“ Shiiten (wenn wir sie mal so verkürzt betrachten wollen).
        Wir sehen hier von shiitischem Leben kaum etwas anderes als Burkas, Baukräne und schreiende Demonstranten. Uns wird serviert, was wir nachfragen und niemand will Artikel über ein ruhiges und schönes Leben im Iran lesen – geschweige denn kaufen. Ich kenne auch keine Iraner – ich kenne Shiiten. Ich durfte so manch wunderbares Mahl in ihrer Mitte genießen und verbürge mich dafür persönlich, dass die Shia entgegen unserer Wahrnehmung vornehmlich aus friedlichen und fröhlichen Menschen besteht. Wer sie anders darstellt – der hat ein persönliches Interesse daran, Unwahrheiten über sie zu verbreiten. So wie Deutschland damals behauptete, Juden würden christliche Kinder fangen und ihr Brot mit deren Blut backen.

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  2. aron2201sperber schreibt:

    „Eine handvoll versponnener Kameltreiber wären sie bis heute; statt für Milliarden Waffen zu kaufen (und einzusetzen!) zögen sie bis heute von Oase zu Oase, würden ihre Kamele treiben und sich über Armut und Unverständnis beklagen. So wäre es richtig.“

    Achtung Rassimus!

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    • echsenwut schreibt:

      „Rassismus“ kann ich darin nicht erkennen. Die Familie der Saud bildet ja keine „Rasse“! Die gibt es, wenn ich der modernen Biologie folge, im Hinblick auf Menschen GAR NICHT. Es hat in der Menschheitsgeschichte schon sehr viele „versponnene“ Haufen gegeben, die sich selbst mit merkwürdigen „Bekenntnissen“ aus der Mitte der Menschen fortgesprengt haben und zumeist recht zügig damit untergegangen sind (ihr Fehler: sie hatten kein Öl). Niemand würde etwas gegen die Saud haben können, wenn sie mit ihrer Sicht auf die Dinge ihre Umwelt in Frieden und Menschen hinzu oder fortziehen ließen, wie sie es wünschen. So würden sie in Frieden und Freude (ich meine das so!) umherziehen und Allah auf ihre Weise dienen können ohne Unfrieden, Leid, Schmerz und Zerstörung über zehntausende von Quadratkilometern zu bringen.
      Es macht mich ja auch nicht zum „Rassisten“, wenn ich Nordkorea etwa als „von der Wahrheit weggesprengt“ betrachte – deshalb behaupte ich nicht, dass ihre Frauen drei Brüste oder ihre Kinder die Mandelaugen lotrecht im Gesicht stehen hätten.

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