Bin ich konservativ ….. ?

Gestern fiel mir bei einer TV-Doku auf, das ich angesichts eines optisch hervorragend arrangierten Tellers, der von einem hochklassigen Restaurant präsentiert wurde, reflexhaft unwillig schnaufte.

Abgesehen davon, dass die angebotene Portion eher das Kunstvolle und weniger das Sättigende befriedigen wollte, bestand sie aus sehr ungewohnten Kombinationen von Spezialitäten, wie man sie höchstens für viel Geld im Feinkostladen vorfindet.

Dagegen habe ich ja nichts – eher im Gegenteil.

Mein eigener Vater war nicht nur Küchenmeister, sondern stand auch einer weit über ihre Region hinaus bekannten und häufig ausgezeichneten Küche vor. Ich darf sagen, dass er neben hochrangigen, asiatischen Delegationen (Politiker und Wirtschaftler) und diversen (!) deutschen wie europäischen Konzernkapitänen einmal auch den schwedischen König bekocht hatte. Er hatte uns als seine Familie jedes Mal schon Monate zuvor zu Testessern gemacht; wir hatten recht häufig das Vergnügen, qualitativ nicht feinste, sondern allerfeinste Küche zuhause zu genießen.

Bei uns sagt man: „Wat de Buer nich kennt, fritt er nich.“ (Übersetzt für Nichtwestfalen: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“)

Die Chance zur Verweigerung hatte ich nie. So wuchs ich zwangsläufig und unfreiwillig mit einem geschärften und verwöhnten Geschmackssinn, allerdings ohne jedes Ressentiment gegen Unbekanntes heran.

Nächste Szene:

Seit Jahren beabsichtige ich – und vielleicht gelingt es dies Jahr tatsächlich – die Besichtigung der Documenta. Ich will mich den Exponaten stellen und erst sie und dann mich fragen, ob sie mir etwas zu sagen haben. Die kurzen Ein- und Überblicke durch Nachrichten und Zeitungsartikel verwirren grundsätzlich mehr als sie informieren. Bis jetzt habe ich mich mit der künstlerischen Aussage der dort aufgebauten Exponate bzw. Installationen (noch) nicht tiefer befasst – weil ich sie eigentlich auch innerlich ablehne.

Warum?

Weil Kunst für mich nur „Kunst“ ist, wenn sie sich von dem, dem sie dienen will, zu weit entfernt. Eine Installation, ein Bild, ein (lyrisches?) Gedicht, dass sich der breiten Masse der Bevölkerung entzieht und sich seinem Betrachter nur nach absolviertem Kunst- bzw. Philosophiestudium erschließt, hat den Schulterschluss zu den Menschen verloren und fliegt abgesprengt durch die Kunstlandschaft.

Ich habe diesem Grundsatz eigentlich immer selbst Rechnung getragen. Vor vielen Jahren gründete ich mit einem weiteren Autoren, einem Musiker und einer Malerin eine Künstlerformation; wir hatten aus dem Repertoire eines jeden Stücke ausgewählt und miteinander kombiniert. Ich habe aus meinem Fundus nur das gewählt von dem ich annehmen konnte, dass sich die darin befindliche Aussage sicher im Publikum manifestiert und mit großer Bestimmtheit erschließt. Meine eigenen Versuche, Gedanken über dies Maß hinaus immer weiter zu sublimieren, zu abstrahieren, ließ ich zuhaus in der Schublade. Literarisch kann ich das selbst auch: zwei Stücke Holz auf eine Eisenschwelle legen und das Ganze „Sommermond“ nennen. Die Frage ist doch nur: wer kann damit etwas anfangen? Und wenn dies kaum noch jemand kann: ist dann die Grenze zwischen Kunst und „Kunst“ überschritten? Etwas gehässig könnte ich auch sagen: was nutzt es dem Künstler, wenn in einem großen Auditorium nur ein oder zwei Leute klatschen weil sie die einzigen sind, die mein Ding verstanden haben … ?

Wenn ich keinen Vorteil oder Sinn darin erkennen kann, dass die Textilmenge an Frauen schmilzt wie Schnee vor der Sonne …. macht mich das „konservativ“?

Es mag ja einmal eine Zeit gegeben haben, in welcher eine Frau tatsächlich in der schwindenden Länge ihres Rocks wachsende Freiheit erkennen konnte. Sowenig ich im muslimischen Raum Burkas als aufgezwungene Totalverhüllung schätze, sowenig kann ich heute im Westen noch Freiheit in der Nacktheit finden. Ich finde beides vollkommen übertrieben und beides ist unter Umständen sogar gefährlich. Die Burka setzt ihre Trägerin Anfeindungen und heute tatsächlich einer Strafverfolgung aus – und der verschwindende Rock produziert aufgrund seiner Gesellschaftsdynamik und der daraus resultierenden Zwänge Unfreiheit im Namen der Freiheit. Eine junge Frau, die heute weder körperbetont noch halb nackt herumläuft, ist entweder dick, hässlich, arm oder verrückt. Ob jede von ihnen wirklich glücklich damit ist, dass jeder ihr zuerst auf den Hintern, dann auf die Brüste und womöglich fokussiert noch ganz woanders hinschielt, bevor er ihre Augen sieht und ihre Worte hört, wage ich zu bezweifeln. Und ob jede …. sagen wir: etwas fülligere Frau solche Kleidung schätzt, weil sie sich zu arg körperbetonter Kleidung gezwungen fühlt, vermag ich nicht zu sagen.

Ich habe in den zurückliegenden Jahrzehnten so manch hart erkämpfte Position räumen und mühsam errungene Postulate aufgeben müssen – den Kindern sei dank. Eigentlich halte ich mich für einen umtriebigen, interessierten, aufmerksamen und zuhörenden Menschen. Ich betreibe ein top-modernes Smartphone, gleich mehrere Rechner, höre meinen Kindern sehr aufmerksam zu (schon damit sich meine eigene Ausdrucksweise mitentwickelt!) und befasse mich mit tausenderlei Dingen unserer Gegenwart. Dankenswerterweise habe ich auch einen Beruf, der mich parallel genau dazu auffordert und eine Kollegenschaft, die in größten Teilen weitaus jünger ist als ich.

Verboten habe ich meinen Kindern grundsätzlich nie etwas. Ich habe ihnen immer nur empfohlen, nie befohlen. Und so schlimm kann ich im täglichen Betrieb nicht sein: die Freunde unserer Kinder freuen sich immer, wenn sie mich sehen und sie sitzen häufig genug bei uns zuhaus am Tisch (weil sie sich, wie sie häufig sagen, bei uns wegen unserer „Ungezwungenheit“ und „Freiheit“ so wohl fühlen).

Konservativismus …. wenn dies heißen kann, das man nicht alles von den Werten, die sich bewährt haben, reflexhaft wegen neuer Moden und Denkweisen über Bord wirft – dann bin ich wohl konservativ.

Erst vor wenigen Tagen, als ich mich mit meiner Frau über ein sehr ähnliches Thema unterhielt, sagte ich ihr, dass ich aller Wahrscheinlichkeit nach ohne sie und die Kinder ein alter, menschenfeindlicher und ganz sicher insgesamt unangenehmer Nöckergreis geworden wäre, der mit dieser unserer Zeit nichts anzufangen wüsste. Ich sehe das wirklich so und bin demzufolge meiner Familie tatsächlich unter anderem auch dafür dankbar, dass sie mich davon ferngehalten hat. Alle zuhaus wissen das auch sehr genau – und treiben nicht selten ihren Spott damit.

Aber vielleicht ist „Konservativismus!“ auch gar kein Schimpfwort und bezeichnet womöglich gar nicht eine Ecke des Daseins, in der man sich niemals wiederfinden sollte. Mein Vorbild jedenfalls kann so schlecht nicht gewesen sein: alle unsere Kinder stehen mit beiden Beinen fest in der Zeit. Sie haben alle ihren Job, ihre Ausbildung und gestalten ihr eigenes Leben ganz nach ihrem Geschmack. Sie sind alle ausnahmslos eher extrovertiert, laut und lebhaft. Und doch finden sich keine Röcke, die kurz unterm Hintern enden, mit Ausnahme von ein paar sparsamen und sehr dezenten Piercings und Tattoos keine Altmetall- oder Gemäldesammlungen am Körper und im Gesicht. Und sie alle arbeiten.

Ich grinse immer sehr, sehr breit. Manchmal treibe ich meinen bösen Spaß damit. Mein Äußeres lässt kaum auf einen modern eingestellten Vogel mit bunter Innenausstattung schließen und so irren sich die weitaus meisten Menschen, die mich neu kennenlernen, erheblich. Vielleicht bin ich mit meinem Konservativismus, der Werte beinhaltet, die zum guten Teil aus jahrhundertealter Quelle stammen, viel moderner als mancher Zeitgenosse. Wer mich kennenlernt muss eigentlich nur wissen, dass ich viele dieser Werte sehr konsequent lebe und vertrete.

Wie habe ich vor einiger Zeit mal einen konservativen Politker sagen hören?

Konservativismus heißt nicht, Asche aus der Vergangenheit vor dem Wind unserer Zeit zu beschützen, sondern die Flamme in die Zukunft zu tragen.

Wohlan denn ….. was es auch sei … ob konservativ oder nicht: ich werde mich wohl nicht mehr verändern.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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