Ich habs satt. Wirklich satt.

Es reicht.

In den siebziger Jahren habe ich meine Schulausbildung abgeschlossen. Meine Lehrer waren zu nicht geringem Teil ältere Kräfte; sie hatten selbst den Krieg als Kinder miterlebt oder doch auf jeden Fall ihre Jugend noch unter dem Eindruck der unglaublichen Zerstörungen verbracht. So wie ich auch noch.

In meiner Kindheit gab es in meiner Heimatstadt noch einige Kriegsruinen. Wir stolperten durch verkohlte Holzstämme von ehemaligen Fachwerkhäusern und häufig fanden sich darin noch zwischenzeitlich vergammelte, kleine Dinge von denen, die nicht mehr da waren. Ich hatte das ganz unverschämte Glück, einen Sozial- und Wirtschaftskundelehrer zu haben, der zwar erzkonservativ, dennoch ein gründlich überzeugter Demokrat neuen Zuschnitts war. Er hat mir das Hinschauen, das Prüfen, das kritische Hinterfragen beigebracht und mich zusammen mit meinem Vater gegen allzu einfache Lebens- und Lösungsrezepte immunisiert.

Es konnte ja gar nicht anders kommen: längst noch keine zwanzig Jahre alt, war ich bereits vollständig politisiert. Ich habe den damaligen Kampf vieler Studentenverbände gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ sehr bewusst mitverfolgt.

Ich bin wachgeworden. Wenn mir als Kind noch nicht klargewesen war, was das bedeutete, wenn Nachbarn zusammenstanden, tuschelten, heimlich jemanden benannten und noch leiser hinterhergeschoben hatten: dat isse ne Jutt, hat mich die Erkenntnis geradezu erschüttert als ich verstand, was damit gemeint war. Innerlich entfernte ich mich von der Welt meiner Kindheit wie eine Rakete von der Erde.

Erst einer, dann, nach innerlicher Korrektur, einer anderen Partei beigetreten. Mit klammen Fingern Plakate geklebt. Die Füße an Infoständen plattgetreten. Für eine Parteizeitung geschrieben. Allerlei, auch höher angesiedelte Versammlungen, Parteitage, Gremien besucht. Posten innegehabt. Als Kandidat auf Wahlzetteln gestanden. Nächte durchdiskutiert. Schwere, körperliche Angriffe überstanden; streckenweise durch schieres Glück größeren Verletzungen entkommen. Demonstrationen besucht. Vor schwarzen Sturmhauben und Polizeiknüppeln geflohen. Prügeleien mit Rechtsradikalen, die sich auf Türken stürzen wollten, als Sieger überstanden. Ich staunte sehr über den Polizisten, der den am Boden liegenden Schwachkopf betrachtete und mich grinsend fragte, ob ich Strafanzeige wegen Körperverletzung stellen wolle. Auf meine Frage, weshalb, zeigte er auf meine Fingerknöchel: der ist doch so hart in Ihre Faust gerannt, dass er Sie verletzt hat.

…. Hab ich was vergessen … ?

Ach ja: keine einzige Wahl in meinem Leben verpasst.

Zusammen mit meiner Frau haben wir aus unseren vier Kindern Lehrbuchbeispiele von Friedfertigkeit, Demokratie und sozialer Solidarität gemacht. Keines unserer Kinder erträgt Radikalismus, egal welcher Art.

Dann: konvertiert.

Aus allem, oben Gesagten nie ausgestiegen. Nichts davon relativiert. Warum auch? Als toleranter Demokrat, ausgesprochener Fan des Grundgesetzes, friedensorientiert und mit, wie ich immer sage: grünen und roten Flecken auf der Seele war ich immer gut im Islam aufgehoben.

Nun ist ziemlich alles dahin.

Wenn ich mich immer gegen Dummheit, Aggressivität und Intoleranz gestellt hatte und dabei dachte: es kann ja nur besser werden, hat sich alles nur noch immer weiter verschlimmert. Heute kriechen dicke Ströme verblödeter Rechtsradikaler aus ihren Gullys, aus jetzt mittelständischen Familien und die Reihe der Kämpfer, die sich dem entgegenstellen, wird immer dünner. Die blöde Schreierei hat Konjunktur bekommen. Übergriffe, Kriege, Terrorakte suchen die Welt in immer kürzeren Wellen heim – mittlerweile erreichen uns täglich Nachrichten von schweren Anschlägen, Bombardierungen, hungernden Zivilisten, Seuchenepedemien in Notlägern.

Unsere eigene Gesellschaft hat sich von ihren Zielen längst verabschiedet. Das Mantra, es handele sich bei uns um aufgeklärte, moderne, gebildete und sozial empfindende Nationen, ist hohl und leer geworden. Schießen ist geiler als reden – und dem jeweiligen Gegenüber muss endlich einmal ein großes Loch mit einem Argumentationshammer in den Schädel geschlagen werden damit endlich die Erkenntnis dort einsickern kann, dass derjenige unterlegener, schlechter, rückständiger ist als man selbst.

Auf einmal stehen sie in Meuten auf den Straßen. Die, die sich in ihrem Urlaub schon mal ein minderjähriges Mädchen kaufen. Die, die überall auf der Welt Werte mit der Wucht ihres Geldes niedertreten. Diese ganzen, beschissenen Glatzköpfe mit ihren schwarzen Klamotten und dem ganzen Erbrochenen im Kopf. All diesen Leuten ist gar nicht klar, dass sie ihre Unversehrtheit nur dem Umstand zu verdanken haben, dass bis jetzt noch immer beinahe alle der 1,5 Milliarden Muslime an ihrer Friedensidee festhalten. All diese behinderten Idioten von der rechtsradikalen Front leben noch, weil mit mir auch hier im Land Millionen manchmal zähneknirschend und mit versteckten Fäusten daran festhalten, dass ihnen seitens ihres Glaubens Gewalt untersagt ist und unter Strafe steht.

Ich beginne, mich zurückzuziehen.

Trotz aller Frustration bleibe ich nämlich noch immer, nüchtern und wirtschaftlich betrachtet, der Sieger. Der Gewinner. Ich sitze auf dem absoluten Peak der Absicherung und kann in nicht allzu ferner Zukunft grinsend (vorzeitig! Jahre vor dem „offiziellen Lebensarbeitszeitende“!) in meine Rente eintreten. Meine Ansprüche sind ganz hervorragend und werden mir Einkünfte gewähren, die sich möglicherweise sogar leicht oberhalb dessen bewegen, was ich heute netto verdiene. Und dieser Verdienst reiht mich in offiziellen Tabellen unter die „Besserverdienenden“ ein. Seit mehreren Jahrzehnten arbeite ich für den gleichen Arbeitgeber und habe mir eine höchst stattliche Zusatzpension erwirtschaftet. Ich gönne mir, gedanklich all diesen behinderten Verlierern unter den Glatzen eine Zunge herauszustrecken und sie „Verlierer“ zu nennen – denn das sind sie, samt und sonders. Zu blöd für Frieden, zu blöd zum Arbeiten, zu blöd zum Lernen.

Meine Frau denkt ähnlich. Wir können nicht mehr. Wir haben uns immer und auf jeder Ebene des Daseins angestrengt. Wir ertragen es nicht mehr, dass wir uns nicht nur weiterhin, sondern gar schlimmer als je zuvor auf den Straßen fürchten müssen.

Ich jedenfalls halte es nicht mehr aus.

Vor beinah dreißig Jahren flüchteten wir als Familie angstvoll von Plätzen, wenn Rechte dort aufmarschiert sind, weil wir wegen des nicht sonderlich arischen Aussehens unserer Kinder Angriffe zu befürchten hatten. Wir haben uns damals gesagt: ein bisschen warten noch, es wird schon noch besser werden. Bloß nicht aufgeben. Tapfer bleiben.

Es wurde nie besser.

Deshalb ziehe ich mich zurück – aus der Gesellschaft und Öffentlichkeit. Ich halte die Hilf-und Hoffnungslosigkeit einfach nicht mehr aus. Und da ich bis an mein Ende nicht zur Gewalt greifen werde, entziehe ich mich ganz einfach diesem Schrecken. Menschen, die in Not geraten und meinen Weg kreuzen, werden immer Hilfe und Zuwendung von mir erhalten; ich werde auch weiterhin Fliehenden und jedem anderen helfen, der schuldlos unter Druck gerät.

Aktiv aber werde ich nicht mehr. Diese Gesellschaft hat mich auf ihrem Weg ins Dunkle, in die Schreierei, in die Verblödung und Wut verloren.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Ich habs satt. Wirklich satt.

  1. Ich kann das verstehen, lieber … Denn: Der Stein des Sisyphus rollt immer wieder bergab.
    Aber besteht unser Menschsein nicht darin,
    dass wir ihn auch immer wieder den Berg hinauftragen,
    damit er nicht unten liegen bleibt?
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    • echsenwut schreibt:

      Ja …. generell gebe ich Dir recht. Ich merke aber, dass ich mich in den letzten paar Jahren innerlich überanstrengt habe; seit fast dreißig Jahren trage ich für viele Menschen hohe Verantwortung und bin nun tatsächlich (!) zu der wenig spaßigen Einsicht gelangt, dass meine inneren Kräfte schwinden. Ich habe bereits körperliche Symptome davongetragen – und da muss ich das Blinken der inneren Alarmlampe endlich zur Kenntnis nehmen. Ich habe keine Lust, viel zu früh in die Kiste zu wandern und mir eines Tages selbst sagen zu müssen: du hast es ja gesehen, die ganzen Jahre gesehen und das haste jetzt davon.
      Zudem bin ich selbstbewusst genug um zu erkennen, dass ich für diese Gesellschaft und das Land genug getan habe. Ich habe mich riskiert. Weit aus dem Fenster gelehnt und selten den Platz in der ersten Reihe gescheut, wenns auch brenzlig wurde. Ein paar Leute habe ich erreicht; ich habe einige Menschen nachdenklich gemacht, einigen Schreiereien abgewöhnt, meine Frau und ich haben eine ganze Familie (!) tatsächlich vor dem Tod gerettet, ich habe mit meinem Glauben ein paar innerlich geknickte, verzweifelte Muslime zurück in die Moschee und in den Qur’an geschleppt.
      Das wird nicht das Ende sein und es wird mehr Menschen geben, deren Not meinen Weg kreuzt und die ich ja doch nicht alleinlassen kann. Ich werde auch weiterhin mein Kreuz bei Wahlen machen ….. aber eine aktive Beteiligung an irgendwelchen Organisationen, Parteien, Demonstrationen oder gar Kämpfen ist für mich nun ausgeschlossen.

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