Mein Tunesien – das Meer und die Violine

Es war einer dieser ganz grandiosen Tage, der für mich allerdings mit einer ziemlichen Peinlichkeit endete, die mir auch nach Jahren noch nachhängt.

Nach einem knappen Frühstück im Hotel machte ich mich auf den Weg und marschierte über die Uferpromenade direkt am Meer entlang bei wundervollem Wetter in Richtung Mahdia Altstadt. Ich liebe diesen Ort über alles; auf einer Landzunge gelegen, ruht er auf einem starken Fundament einer Geschichte, die nicht Jahrhunderte, sondern Jahrtausende zählt. Nur zu sagen, Mahdia sei ein hübscher, malerischer Ort, wäre viel zu tief gegriffen. Die Altstadt besteht aus zumeist weiß gestrichenen Häusern, die sich um schmale, saubere Gassen drängen. Das Schönste aber für mich, der Gipfel des Tages, ein unverzichtbares Vergnügen ist ein Gläschen frischen Minztees auf dem Kairo-Platz. Ich kenne keinen schöneren Ort als diesen. Beschattet von gepflegten Bäumen, durch deren Blattwerk eine Ahnung der Sonne dringt und bestanden von vielleicht dreißig Tischchen mit Stühlen liegt der Platz sehr zentral und wird von vielen Menschen zum Schwatz genutzt.

Meine diesmalige Rundreise durch den Ort sollte mindestens einen halben Tag dauern; ich hatte mir den großen Friedhof zur Besichtigung vorgenommen und wollte die antiken Ruinen direkt am Strand genauer betrachten. Es war ein Wetter wie aus dem Bilderbuch; die Sonne brannte erbarmungslos und der landauf gehende, frische Wind riss jede Hitze mit sich fort. Natürlich hatte ich als weißhäutiger Europäer Sonnencreme aufgetragen. Und was sollte schon groß passieren? Ich bin schon durch eine mehr als fünfzig Grad heiße Wüste gestapft und bilde mir Erfahrung ein. Aber genau daraus resultierte meine Peinlichkeit, die meine ganze Familie bis heute frotzeln lässt: ich fing mir an diesem Tag einen tiefen, schmerzhaften und blutigen Sonnenbrand genau auf der Nase ein.

Auf meinem Weg zur Altstadt begegnete mir ein Pärchen. Sie waren offenbar in tiefen Gesprächen und schienen wichtige Dinge zu besprechen, als sie ganz plötzlich innehielten, ja stehenblieben und gemeinsam etwas auf dem Boden betrachteten. Leise, beinahe wortlos, setzten sie ihren Weg fort und als ich an diese Stelle kam, fand ich, was sie still gemacht hatte: ein Fleck. Man muss einen solchen Flecken schon gesehen haben um zu erkennen, woraus er bestand. Es war Blut. Nicht wenig Blut war da geflossen. Zusammen mit einigen wenigen Gebäuden in Mahdia, die schwarz eingefasste, große Löcher aufwiesen, erzählte dieser Fleck von der Revolution. Selbst still geworden, ging ich weiter.

Tunesien ist eigentlich ein sehr fröhliches Land. Seine Menschen haben einen festen Platz in meinem Herzen und was manche Besucher misstrauisch stimmt, genieße ich in vollen Zügen und versuche jedesmal, zusammen mit diesem wundervollen Volk in den gleichen Takt zu kommen. Das ist nicht leicht; als Europäer muss man sich öffnen, zutrauen, zulassen. Ein junger, lustiger Mann in beinah unmöglich buntem T-Shirt gesellte sich zu mir, als ich auf einem Stein sitzend kurz verschnaufte und die Szene an einer Einfallstraße zur Altstadt für die Dauer einer Zigarette auf mich wirken ließ. Er strahlte mich an und testete gleich vier oder fünf unterschiedliche Begrüßungsformeln an mir aus. Bei jeder einzelnen lächelte ich immer ein Stückchen breiter. Wie das nunmal in Arabien so ist, entspinnt sich natürlich auch sofort ein Schwatz. Er sei Schüler, erfuhr ich, würde mit Botendiensten ein wenig hinzuverdienen und wolle auf Biegen und Brechen eines Tages in Europa leben. Ob denn da alle so seien wie ich. Seine Augen wurden groß. Viele von uns seien so verschlossen, mürrisch, betrunken oder böse – es gäbe wohl keinen Spaß bei uns zuhaus? Wie oft habe ich solche und ähnliche Fragen schon gestellt bekommen und rang daraufhin um Antworten? Hundertmal? Öfter?

Er begleitete mich noch ein Stückchen bis kurz vor das mächtige Stadttor, strahlte noch so breit, dass seine Zähne mit der Sonne um die Wette blitzten, lachte, winkte und verschwand. Habib habe ich leider nicht angetroffen. Sein üblicher Platz war leer und Umstehende wussten mir nichts über seinen Verbleib zu berichten. Mit den Geschichten aus seiner Jugend im Kopf, die er mir anlässlich einer etwas speziellen Besichtigungstour erzählt hatte, streifte ich durch die Gassen. An dem Hamam vorüber, in dem er als Kind regelmäßig gebadet hatte, bis ihn sein Ingenieursstudium erst nach Tunis und dann nach Essen im Ruhrpott geführt hatte – und er anschließend den Weg zurück in die Heimat fand.

Mein Highlight, mein Minztee auf dem Kairo-Platz stand nun auf dem Programm und ich verbrachte, diesmal allein, gut zwei Stunden dort und zehn hätten wohl nicht ausgereicht, das ganze Panorama gehörig zu würdigen. Eine liebevoll gepflegte und mit Ornamentiken an den Holzgitterfenstern versehene Moschee umsteht ihn und zwei der unvermeidlichen Touristenkioske, die sich in uralte Häuser einquartiert und damit einen ganz besonderen Charme haben. Mopeds, Scooter umknattern den Platz und beständig wechselt die Szene; Menschen spazieren vorüber, winken, rufen einander Albernheiten zu.

Von dort aus ging es wieder Richtung Strand.

Eine junge Frau im Kopftuch saß auf der niedrigen Mauer und blickte aufs Meer. Mein Blick traf zufällig auf sie und sie wäre nichts als Kulisse gewesen, wenn sie nicht aus einer Leinentasche eine Violine gezogen hätte. Völlig versunken setzte sie das Instrument an und eine ganz kleine, leise Melodie klassischer Musik stieg auf. Sie schaffte es kaum und manchmal gar nicht, das Rauschen, Wispern des Windes zu übertönen und von meinem Platz aus gelangten nur ab und zu virtuose Akkorde zu mir. Nichts blieb für die Frau von ihrer Umwelt übrig; auch wenn sie ihre Musik dem Meer zu schenken schien, trat es genauso in den Hintergrund wie die malerische Kulisse um sie herum.

Ich war hingerissen. Mehr als sonst, weil gelebte und geübte Kunst für mich ganz grundsätzlich immer ein sensibler, feiner, wichtiger und verletzlicher Moment ist. Hier vermählten sich viele Strömungen, Gefühle, Gedanken und Bilder. Es war kein arabisches Stück, das sie spielte – und vor allem so hingebungsvoll spielte. Feine Töne stiegen mit ihren Schwingen über den Wind und machten die Szene ein wenig bunter. Ich saß gut sechs, acht Meter von ihr entfernt und hätte mich aus tausend Gründen niemals gewagt, näher zu rücken. Um nichts in der Welt wollte ich ihr Spiel stören und den feinen Moment vernichten, den sie schuf.

Seufzend, drei Stunden später als eigentlich gedacht, machte ich mich wieder auf den Weg ins Hotel. Beladen mit abertausend Bildern, entsetzlichen Gerüchen, feinsten Düften und dem Blick auf dutzendfaches Lächeln und Freundlichkeiten kehrte ich zurück.

Ich überantwortete mich dem Abend – und es gibt nichts auf der Welt, was einem Abend in Tunesien gleichen könnte.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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