Islam – die tierische Moschee

Mit großer Begeisterung bin ich Katzenfan. Wir haben momentan nur einen Stubentiger, es waren schon mal mehr. Unsere alte Dame aber wünscht keine Artgenossen und diverse Vergesellschaftungsversuche sind fehlgegangen. So wird sie bis ans Ende ihrer Tage eine Einzelprinzessin sein und immer exklusiven Zugriff auf mich haben. Nun ist sie auch ein ganz besonderes Vergnügen, denn sie hat ein dreifarbiges, ganz extrem flauschiges Fell und deshalb genießen wir es beide gerade im Winter, wenn ich meine Hände in ihr vergrabe.

Zu Katzen hat es mich weit vor meiner Konversion hingezogen und viele Jahre, bevor ich den Islam annehmen durfte, haben sie mich in ihren Bann gezogen. Auf meinen ersten Nahost-Reisen fand ich es deshalb toll, viele und vor allem meist gut gepflegte Katzen anzutreffen und gerade im Süden Ägyptens leben viele eindrucksvolle, recht große.

Auf Kitchener Island traten einmal drei, vier Katzen aus einem dichten Busch und beäugten mich sehr aufmerksam und neugierig. Sie hatten eine für ausgewachsene, europäische Katzen passende Größe, aber irgendetwas stimmte mit ihnen nicht. Als ich noch überlegte, was das wohl sein konnte, zerteilte sich der Busch und ihre Mutter erschien. Sie war gut doppelt so groß und jetzt erst passte alles für mich zusammen: was ich für ausgewachsene Katzen hielt, waren „nur“ Kinder.

Auch in Kairo leben tausende Katzen und die weitaus meisten von ihnen finden immer eine streichelnde und fütternde Hand, ein Lächeln und einen Schoß, der Kraulen und ein entspanntes Schläfchen verspricht. Eines Tages bemerkte ich einen sehr großen, beinahe grobschlächtigen Ägypter mit fleckigem Gewand und mürrischem Gesichtsausdruck. Er stand an einer Wand und schien auf jemanden zu warten. Sein Blick suchte die vorübereilende Menge ab, zuweilen kratzte er sich seinen mächtigen, pechschwarzen Bart. Aber ganz plötzlich verwandelte er sich in einem winzigen Augenblickchen in ein kleines Kind. Zu seinen Füßen strich ein kleines Kätzchen entlang und das Schwänzchen strich um die Beine des Mannes. Er bückte sich herunter, sein ganzes Gesicht strahlte, er piepste das Tierchen mit einer hohen Kinderstimme an und kraulte es so vorsichtig wie liebevoll mit einem Finger. Der Kerl, mächtig wie ein Bär, grimmig wirkend und eher abweisend, wurde zu einem kleinen Jungen, der mit einem Kätzchen schmust.

Deshalb wundert mich folgende Meldung überhaupt nicht:

Istanbul, Türkei – Fotos und ein Video von einem Imam in Istanbul, der einer Katze aus der Nachbarschaft die Türen seiner Moschee öffnet, damit sie beim kalten Winterwetter eine Unterkunft für ihre Babies findet, verursachten einen Sturm in den sozialen Medien.

Die ganze Geschichte dahinter ist wirklich bewegend. Imam Mustafa Efe ist daran schuld, dass aus „Istanbul“ spaßhaft „Katzanbul“ gemacht wurde und er steht nicht nur dazu, er hat auch wasserdichte, wundervolle Begründungen dafür. Hier sehen wir, wie die Mutter ihre Babies auf die Kanzel der Moschee trägt – und dies mit einem Ausdruck großer Selbstverständlichkeit und tiefen Vertrauens in die Sicherheit des Gebäudes tut:

Mustafa Efe war von der plötzlichen Aufmerksamkeit und Popularität, die den zusätzlichen Bewohnern seiner Moschee zuteil wird, völlig überrascht und betont, dass er das eher etwas unangebracht fände – immerhin täte er nur, was jedem Muslim aufgetragen sei und er erfülle nur seine muslimische und quranische Pflicht.

Katzenmoschee

Die Gläubigen sehen es, wie hier zu erkennen, überaus gelassen und haben gegen die Gesellschaft einer Katze beim Studium des Qur’ans nichts einzuwenden. Eher im Gegenteil, wie man sieht. Das Zusammenleben in der Moschee gestalte sich sehr entspannt, so ist zu hören und da Katzen allgemein eher leise und saubere Tiere sind, stören sie noch nicht einmal beim Gebet.

Katzen sind die unauffälligen Freunde des Menschen; seit Jahrtausenden wählen sie ihre Distanz zum Menschen selbst, sie befreien uns von lästigen wie bedrohlichen Schädlingen, sie warnen uns vor Schlangen und es ist ihr unbändiger Freiheitswillen, ihre Unabhängigkeit, die das Geschenk ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Zuwendung für uns so wertvoll macht. Der Katze auf dem Foto ist die Anwesenheit nicht befohlen worden, sie fühlt sich augenscheinlich wohl und genießt die Umgebung und Zuwendung.

Die Zeit ist reif für diese, solche und ähnlichen Geschichten aus dem Islam und von Muslimen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Islam – die tierische Moschee

  1. doctorsdaughter schreibt:

    Man erkennt, wie ein Mensch wirklich ist, indem man ihn während der Interaktion mit Tieren beobachtet. Auch ich habe zwei Katzen und ich habe kaum mehr Liebe von einem Menschen so sehr erfahren wie von meinen beiden süßen kleinen Stinkerchen.
    Die Menschheit ist erkrankt am Hass-Virus. Es bleibt nur die Hoffnung…

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