Ägypten – kein Niqab an Universitätskrankenhäusern

Die Welt ist weder schwarz noch weiß. So schwer es auch fällt, in manchen Regierungsentscheidungen mancher Länder auch Positives, Produktives zu finden, gelingt es ja manchmal doch – und wer sich (vor sich selbst) nicht buchstäblich krankhafter Einäugigkeit schuldig machen will, der hat auch solche Punkte zu finden.

So halte ich es für ein außerordentlich gutes Zeichen, dass Israels Ehud Olmert etwa eine Zelle bezieht und eine Gefängnisstrafe abbüßen muss, die seinem Tun angemessen erscheint.

Und auch aus Ägypten gibt es etwas Gutes zu berichten: der Präsident der Universität Kairo, Gaber Nassar, dem die Universitätskrankenhäuser ebenfalls unterstehen, hat den Niqab per Edikt aus seinen Krankenhäusern entfernt.

Im Allgemeinen bin ich durchaus sehr für alle Freiheit in Kleidungsfragen. Sowenig, wie es Muslimen zusteht, westliche Nacktheit zu verdammen, sowenig steht es Europäern zu, Muslimas per Gesetz mit Gewalt das Kopftuch herunterzureißen. Beide haben vor ihren eigenen Haustüren genug zu kehren, niemand darf mit dem Finger auf andere zeigen.

Der Niqab ist verhüllungstechnisch die Zwischenstufe zwischen dem einfachen Kopftuch und der Burka, die sich als einteiliges Kleidungsstück vom Kopf bis an die Füße über den ganzen Körper erstreckt und von diesem lediglich einen schmalen Sehschlitz freilässt. Viele Niqab– und Burka-Trägerinnen bevorzugen dazu Handschuhe.

Nassar entschied in der Tradition der Al-Azhar-Moschee in Kairo, die ja bekanntlich die höchste Authorität in sunnitischen Glaubensdingen darstellt. Sie ist hinsichtlich ihrer Kompetenz zwar mit dem Vatikan vergleichbar, besitzt jedoch in der muslimischen Welt außer der Richtlinienkompetenz keine Entscheidungs- und erst recht keine Verurteilungsgewalt. Der Amtsvorgänger des heutigen Leiters der Al-Azhar, Dr. al-Tantaoui, hat in einem beispielgebenden Fall bereits vor gut zehn Jahren sowohl den Niqab, als auch die Burka auf dem Moscheegelände vollständig verboten. Dr. Al-Tantaoui hatte beide Kleidungsstücke als „zweifellos unislamisch“ betitelt und ihre Proklamation somit innerhalb des Islams einem schweren Vorwurf ausgesetzt: der „Hinzufügung“.

Damit gemeint sind alle Vorgänge, die eine unzulässige Verschärfung, Verhärtung der quranischen Gebote darstellen. An verschiedenen Stellen werden wir von Allah im Qur’an dazu aufgefordert, nicht zu verbieten, was Allah selbst nicht verboten hat und es darf nicht geboten sein, was Allah nicht durch den Qur’an und den Verehrten Propheten geboten hat. Diese Sichtweise ist für einen modern gelebten Islam essentiell. Wie sehr leicht weltweit beobachtet, halten sich in manchen islamischen Gemeinden seit Jahrhunderten z.T. merkwürdige, ja sogar abstoßende, unislamische Gebräuche. Wir dürfen weder als Muslime, noch als Europäer oder, schlimmer noch, als muslimische Europäer zwingend und kritiklos fortschreiben oder übernehmen, was über die Ge- bzw. Verbote des Qur’an hinausgeht. Darunter fällt beispielsweise auch zweifellos die Genitalverstümmelung von Frauen, die nichts als ein vorislamischer Brauch ist, keinerlei (!) Entsprechung im Islam besitzt und nur eine Bestialität, eine unvorstellbare, menschenverachtende Grausamkeit darstellt.

Vielfach verwechseln oder vermischen Europäer ohne tiefere Einsicht in den Islam Bräuche, die von Muslimen geübt werden mit dem Islam. Das ist ihnen nur wenig vorzuwerfen – es ist oder wäre Sache moderner Muslime, mit dem Unsinn der Totalverhülllung oder der Folter der Genitalverstümmelung ein für alle Male Schluss zu machen. Hier muss jedoch differenziert werden: während wohl keine einzige, junge Frau selbst und ohne jede Not danach verlangen würde, ohne jede Betäubung mit denkbar unhygienschsten Mitteln in einem extrem blutigen Eingriff Teile ihres Körpers verlieren zu wollen, existiert durchaus eine nennenswerte Freiwilligkeit und Selbstbestimmung im Tragen von Niqab und Burka. Viele Frauen fühlen dadurch den Ausdruck ihrer Selbstbestimmung, sie empfinden eine starke Schutzfunktion und häufig den Stolz, ihrem Glauben durch das Tragen dieser Textilien Gewicht, Ehre und Würde zu verleihen.

Über diesen letzten Aspekt existiert erstaunlicherweise kein Disput. Die westliche Welt unterstellt in ihrer maßlosen Arroganz und Ignoranz, dass sämtliche Frauen durch diese Textilien starkem Zwang, Druck und Unterdrückung ausgesetzt wären, was vermutlich in Einzelfällen auch tatsächlich so ist. Westliche Hysterie aber hat keine Lust auf Differenzierung – und so sinnt man auf Gesetze, die auch starke und bewusste Frauen (be-) schädigen und ihnen selbstverständliche Freiheiten beschneiden wollen. Kopftuch = Schändung. Basta. Was für ein Unsinn.

Der Universitätspräsident Nasser aber pflegt einen ganz anderen, höchst vernunftgeleiteten und nüchternen Ansatz für sein Verbot: an die Aussage der al-Azhar angelehnt unterstellt Nasser Niqab und Burka ein (unzulässiges?) „Plus“ an Vorschriftsgläubigkeit, eine Übererfüllung und lässt den Bedürfnissen der Patienten in seinen Krankenhäusern, das ihn behandelnde Personal identifizieren zu können, den Vorrang.

Dieser Sichtweise schließe ich mich persönlich an.

Generell ist die Wahl einer (angemessenen?) Kleidung allein Sache der Frau. Da sie ihre eigenen Rechte und damit auch Verpflichtungen vor Allah besitzt, hat sie auch die Frage ihrer Kleidung ganz für sich selbst zu entscheiden. Man(n) kann sie beraten – mehr nicht.

Andererseits gibt es, und da sind wir wieder im Herzen des Islam, für Menschen auch die Rechte anderer Menschen zu beachten und die Gemeinschaft hat abzuwägen, wessen Recht unter welchen Umständen ein anderes Recht beschneiden kann  oder muss. Und der Präsident hat Recht: ein Gesicht unter Niqab und Burka kann nicht identifiziert werden, der Patient hat aber einen gerechtfertigten Anspruch darauf, denjenigen, der ihn mit möglicherweise gefährlichen Substanzen oder Materialien behandelt, sicher erkennen zu können.

Dieser Anspruch existiert im sonstigen, öffentlichen Raum eher nicht. In Europa wäre im Gegenteil sogar ein solches Textil eher eine zusätzliche Identifikationsmöglichkeit, weil es hier nur wenig Verbreitung findet. Nach meiner Überzeugung muss sich eine Frau, die sich in dieser Weise verhüllt, sicher, frei, unbelästigt und unangetastet in der Öffentlichkeit bewegen dürfen. Wenn die Allgemeinheit oder diese Frau meine persönliche Meinung zu ihrer Kleidung hören wollte, so würde ich mit meiner Ablehnung keineswegs hinter dem Berg halten. Ich halte sowohl Niqab als auch Burka für durchaus unangebracht und unislamisch. Allerdings halte ich auch so manches westliche, eher präsentierende als verbergende Textil für durchaus unangebracht – und auch in diesen Fällen verzichte ich darauf, nach Gesetzen zu verlangen, halbnackte Frauen auf der Straße anzupöbeln oder ihnen Befehle erteilen zu wollen.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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