Deutschland – Xenophobie und Intelligenz

Mir fällt es ausgerechnet in den letzten ein, zwei Jahren wiederholt und zwischenzeitlich sogar massiv auf: bei meinem Arbeitgeber ist Fremdenfeindlichkeit oder gar Fremdenangst vollkommen unbekannt.

Unser Konzern ist global tätig und betreibt zwischen den Polkappen unseres Planeten mindestens ein Dutzend großer und riesiger Produktionsanlagen. Die Mitarbeiter, von denen ich einer bin, zählen satt fünfstellig und der Konzerngewinn nach Steuern zehnstellig. Wir sind in unserer Branche ein international ernstgenommenes Schwergewicht und in Europa belegen wir einen der ersten unter den führenden, fünf Plätzen.

Meine Mittagspausen, wenn ich sie denn in unserer Großkantine an unserem Hauptstandort wahrnehmen kann, bieten mir jedesmal faszinierende Szenen: da steht ein Türke an der Kasse und führt einen Dialog mit einer Vietnamesin, während ein Nigerianer einem Chinesen am Tisch sein Produkt erklärt.
Fremdenfeindliche Ansagen, Pöbeleien gibt es bei uns nicht. Ganz im Gegenteil. Treffen Kontinente bei uns aufeinander, wird es immer sehr spannend, zumeist heiter, engagiert, fröhlich und zwischenmenschlich grundentspannt.

Ich führe das darauf zurück, dass wir mit unserem Durchschnitt quer durch alle Konzernkollegen natürlich keinen repräsentativen Durchschnitt des Volkes darstellen. Bei uns hält sich ausschließlich nur auf, was über einen zumindest zufriedenstellenden, mittleren Schulabschluss verfügt. Das ist die absolute Untergrenze – Realschüler findet man auch bei den „leichteren“ Berufen bei uns durchaus, sie haben dann allerdings Bestnoten in ihren Abschlusszeugnissen. Der Anteil an Akademikern bei uns ist geradezu umwerfend hoch (das ist der Natur unserer Branche geschuldet). Ich selbst arbeite in einem Team von zwanzig Kollegen und wir haben lediglich zwei Nichtakademiker unter uns – selbst unsere Vorzimmerdame hat einen beachtlichen, akademischen Grad.

Intelligenz schützt vor (Fremden-) Angst. Soviel ist sicher.

Hinzu kommt, dass unser eigener CEO in der „Flüchtlingsdiskussion“ der erste seiner Gattung in ganz Europa war, der ganz öffentlich von der Verpflichtung zur Aufnahme von Fliehenden in Europa und Deutschlands sprach, sich persönlich in etlichen Interviews und Talk-Shows entsprechend äußerte und Konzerngelder zur Unterstützung und Ausbildung von Fliehenden lockermachte. In all unseren Standorten wurden bereits vor vielen Jahren entsprechend scharfe Verhaltensrichtlinien herausgegeben.

Vielfalt statt Einfalt!

In Dutzenden von quadratmetergroßen Plakaten prangt dies Firmenmotto überall in Deutschland an unseren Werkstoren und auf unseren Gebäuden. Keine einzige Publikation verzichtet auf die Darstellung mehrer Kollegen – und jedesmal findet man auf diesen Fotos die ganze ethnische Vielfalt der Welt versammelt.

Fremdenfeindlichkeit, Feindseligkeit, Ablehnung, „Angst“ – all das ist ganz einfach, schlicht und ergreifend bei uns verboten. Wer dagegen verstößt weiß, dass er dem Firmeninteresse massiv schadet und seinen eigenen Arbeitsplatz riskiert. Xenophobische An- und Übergriffe werden ganz einfach nicht geduldet und werden ganz offiziell seitens der Konzernspitze als Zeichen massiver Dummheit verstanden. Es handelt sich hierbei keineswegs um eine Aktion in Richtung Publicity – wer das glaubt und denkt, er könne sich zumindest insgeheim dennoch bei uns ausleben, der irrt gewaltig. Unsere Unternehmensspitze nimmt das sehr, sehr ernst. Und es funktioniert. Man wird unter den Blöden von Rechts wohl kaum Kollegen von mir wiederfinden, denn der entspannte Arbeitsalltag bei uns lässt jeden erleben, wie es sich unter Abwesenheit destruktiver Gedanken einfach und produktiv arbeiten und sogar zusammenleben lässt. Bisher habe ich (noch) nicht erlebt, dass sich jemand innerlich gegen diese Verhaltensmaßregeln stellt. Wie auch.

Der Erfolg gibt uns Recht: weil wir keine Grenzen und Schranken kennen, entwickeln sich unsere Geschäfte und internationalen Beziehungen sehr lebhaft, sehr produktiv. Ich höre es in unserer Kantine sehr häufig lachen und meist sitzt irgendeine fremde Ethnie dabei und lacht mit. Es essen zur Kernzeit mindestens zwei- bis dreitausend (!) Kollegen gleichzeitig in dieser Kantine und mindestens (!) zwanzig Prozent davon stammen von irgendeinem anderen Kontinent.

Wer mich fragt, der hört in Bezug auf meine politische Ausrichtung immer: „Naja. Ich habe ein paar rote Punkte auf der Seele.“. Ich bin weder rot noch links – dennoch ein scharfer Kritiker des Kapitalismus. Mein eigener Arbeitgeber ist von den Schlechten definitiv noch einer der Besten; auch wenn er sich wie alle auf Gewinne konzentriert und fokussiert, hat er die Menschlichkeit nie aus den Augen verloren. Möglicherweise, weil er gelernt hat, dass mit größerer Menschlichkeit langfristig auch größere Gewinne winken.

Ohne große Hoffnung auf Antwort hatte ich vor vielen Monaten unserem CEO eine dankbare Anerkennung für sein politisches Vorgehen zugesandt; meine eigene Position im Unternehmen ist beileibe nicht hoch genug, um mir seiner Aufmerksamkeit sicher zu sein. Mir war es aber wichtig, hinsichtlich unserer Unternehmenspolitik persönlich Wirkung zu zeigen und die kleine Wahrscheinlichkeit, dass er meine Zeilen selbst lesen würde, war mir gleichgültig. Tatsächlich aber erhielt ich eine sehr persönlich gehaltene Antwort aus seiner Hand und von seinem Tablet – seine Zeilen ließen verraten, dass es ihn seinen ganzen Willen und seine ganze Überzeugungskraft kostet, diesen positiven Stil durchzusetzen. Alhamdulillah hat er diese Überzeugungskraft und diesen Willen – möge ihm Allah beides erhalten!

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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