Wie beredt ist ein Lächeln?

Ich greife nach der Tasse Kaffee; weil es abends ist, ist er süß und hell.

Mit dem Daumen scrolle ich die Nachrichten durch, rufe einen Artikel auf, finde darin ein Foto.

Und auf einmal ist es Nacht. Wie ich lese, ist es eine Nacht in Krefeld und wie es aussieht, scheine ich auf einem Bürgersteig zu stehen und blicke in einen Wagen. Es ist eine Limousine. Nichts Großartiges, aber teuer und eben immerhin eine Limousine.

Die Wagenbeleuchtung ist an. Sie wirft ein sanftes, etwas gelbliches Licht auf den Fahrer, der sich zu mir gedreht hat. Vermutlich steht die Beifahrertür offen.

Der Mann scheint deutlich über fünfzig zu sein. Dennoch hat er blondes Haar und trägt darunter ein gemütliches Gesicht mit einem leichten Lächeln darin. Eine joviale Lederjacke, durchschnittlich und gutbürgerlich wie die Schonbezüge auf den Autositzen. Der Mann lächelt, als habe er mich soeben verabschiedet. Als hätte ich einen Abend mit gutem Essen zusammen mit ihm verbracht – so lächelt jemand, der sagen will: Mensch, war schön mit Dir.

Im Handumdrehen fielen mir tausend Geschichtchen ein, die ich um einen solchen Mann würde ranken lassen können. Kurze Erzählungen mit ihm als Protagonisten, als sicherlich leidgeprüften Protagonisten, denn auf diese Weise lächelt er. Als habe er viele größere und etliche kleinere Unglücke im Leben überstanden und wäre bei alldem ein gerader Kerl geblieben – beschädigt, aber aufrecht.

Was mich beim Betrachten des Fotos stört, sind die vielen, leisen Schreie. Sie irritieren mich.

Nein … sie haben nichts mit dieser Nacht in Krefeld zu tun. Gar nichts.

Nein, es sind keine Krefelder Kinder, die da schreien. Es sind helle Schreie, die sich um das Lächeln herum aus dem Kopf des Mannes durch sein Auto schleichen, es durch die Beifahrertür verlassen und mich erreichen; mich, der ich an der Krefelder Straße stehe und ihn ansehe, während ich zuhaus in meiner gemütlichen Küche Kaffee trinke.

Zum Teufel mit diesem Lächeln, das die Schreie unterdrücken und fortschaffen will und sich dabei von einem gutmütigem Blick aus sanften Augen unterstützen lässt. Und furchtbar wird dies Bild, das sich mir mit aller Macht aufdrängen und mir die Geschichte aufzwingen will, dass es eine gute Idee wäre, mit diesem Lächeln einen netten Abend mit gutem Essen zu verbringen. Dass dieser Mann mit seinem Lächeln Kindern einen Fußball zurückschießt und ihnen ein freundlicher Onkel ist.

Es sind all diese leisen Schreie, die von ungefähr kommen, nichts mit der Krefelder Nacht zu schaffen haben und mich peinigen. So, wie mich jetzt das ganze Lächeln zu schmerzen beginnt weil ich ahne, wie sehr es lügt. Was es für Geschichten erzählt und mich in seinen Bann schlagen will, damit die leisen Schreie im Nichts verrinnen, unbemerkt bleiben, zur lästigen Kulisse verkommen. An diesem Abend in Krefeld, an dem ich auf meinem Küchenstuhl sitze und am Bürgersteig Kaffee trinke.

Ich weiß es ja. Was ich höre, aber nicht sehe, was ich fühle, aber nicht ertaste, dass sind die vielen Kinder, die die lächelnde Bestie missbrauchen half, während sie sich „Arzt“ schimpft. Sie sind nicht da in dieser Krefelder Nacht, in der mich dieses Lächeln anblickt, anspricht und sich über einen netten Abend mit mir freuen will.

All diese Kinder, die bis heute als längst Erwachsene in der gleichen Nacht wachwerden. Schweißgebadet, voller Schmerz, das Kopfkissen voller Tränen …. wie so oft. Voller Wundschmerz, der keine sichtbare Ursache mehr hat und von Elektroschocks erzählt, von Prügel.

Aber das erzählt mir das Lächeln nicht und wäre nicht das Meer schwarzer, gezackter Linien um das Foto, um diese Krefelder Nacht herum, so würde es mich erfolgreich angelogen haben. All diese Linien, all diese Worte darin, sie bringen mir diese vielen, leisen Schreie nahe, die der Lächelnde vergessen machen will.

 

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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