Die einen schreien, die anderen husten

 

Manchmal ist es nur ein kurzer Weg vom Leben über die Agonie bis in den Exitus. Manchmal aber ist dieser Weg schier unerträglich lang.

Vor Jahren saß ich auf einem Flur in einem dänischen Krankenhaus. Wir waren in Urlaub, meine Frau war schwanger und völlig unerwartet traten vorzeitig Wehen auf, die wir dort abklären ließen. Ich saß also auf dem Flur; unvorbereitet, ohne mich mit Lesestoff bewaffnet zu haben und tat, was ich ganz gut kann: warten. Schräg gegenüber von meinem Sitzplatz stand eine Krankenzimmertür einen Spalt weit offen. Hätte ich die Chance auf einen Platzwechsel gehabt, ich würde sie ergriffen haben denn kaum etwas stört mich mehr, als die Privatsphäre, schwache Momente im Leben anderer durch meine Anwesenheit zu stören. Die Tür stand offen, weil immer wieder Krankenschwestern und Ärzte hinein- und hinaushuschten, es schien etwas dramatisches vor sich zu gehen mit der sehr alten Dame in ihrem Bett, deren Hand von einer bedeutend jüngeren und tief ergriffenen Frau gehalten wurde. Ich verstand nichts von alledem, was gewispert und geflüstert wurde.

Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre. Es war, als ströme etwas Nichtstoffliches aus dem Flur in das Zimmer. Obschon sich die Temperatur natürlich um nichts verändert hatte, fröstelte ich plötzlich ein wenig. Noch als ich mich fragte, was dieses Gefühl wohl ausgelöst haben mochte, hörte ich aus dem Zimmer ergreifendes Schluchzen, halberstickte Rufe, Verzweiflung und maßloses Nichtbegreifen. Hinzueilende Schwestern und Ärzte brachen keineswegs in Eile aus und ihre Vorsicht vermied viele unangemessene Geräusche – die alte Dame war ganz offensichtlich in diesem Moment verstorben.

Es wurde still. Wohl nicht immer ist das Sterben von soviel würdevoller, zugewandter Stille begleitet. Ähnlich verließ uns unser guter, enger Freund, mit dem uns viele Jahre tiefen Verständnisses und ein gemeinsamer Kampf vereint und verbunden hatte. Nach der Qual einiger durchlittener Monate durfte er die Welt endlich verlassen – er tat es still, ganz still, obschon dies gar nicht seiner Art entsprach.

Erlitten wird der Tod nur selten wirklich still – gefordert wird er ganz grundsätzlich von menschlichem Vieh immer in extremer Lautstärke. Als wüsste das Vieh nichts davon, dass der Tod Stille und Würde braucht. Feuerwerkskörper, Handgranaten werden von diesem Vieh auf Menschen geschleudert, gröhlend Plakate gegen sie hochgehalten und gebrüllt wird so laut es nur geht. In Meuten marschiert das Vieh auf Notunterbringungen von Fliehenden und schreit und knallt und brüllt. Sie fahren sich bedeutsam mit dem Zeigefinger über den Hals, sie schicken Bilder von Galgen an Bürgermeister, sie beschmieren Autos. Selbst ihre still getippten Zeilen schreien noch.

Gleichzeitig beginnen die Menschen in Idomeni das zu tun, was das deutsche Vieh von ihnen verlangt. Aber sie tun es nicht leise.

Heute morgen,

sagt die Radioreporterin,

Heute morgen hört man viele husten.

Die Schreie ihrer Verwandten zuhause, deren Arme, Beine durch Bomben und Maschinengewehrsalven zu den Seiten davonfliegen, begleiten einen würdelosen und lauten Tod – einen, den wir ihnen mit unseren Bomben bringen. Vor diesem unanständigen Lärm des Sterbens beschützen und beschirmen wir uns und unsere sensiblen Nerven, die den Tod fordern, aber nicht ertragen können.

Nein. Das Sterben in Syrien sehen wir nicht. Es geht uns ja nichts an. Wir haben damit nichts zu tun, während wir die Bomben dafür bauen und sie werfen helfen. Nein, das Sterben sehen wir nicht. Wie sollten wir das auch ertragen: Fotos und Filme von Babies unter Trümmern, an denen verzweifelt schreiende Eltern herumziehen und mitansehen müssen, wir ihr Kleines zerquetscht stirbt. Das wollen wir nicht. Oh nein.

Das Husten in Indomeni könnte uns zu quälen beginnen, wenn es zu lange anhält, bevor endlich das Sterben einsetzt.

Es ist heute ein beginnendes, noch kleines Husten.

Aber weil wir ahnen, dass dies Husten lauter und häufiger wird, dass die Fliehenden von Indomeni in dem kalten Sumpf und Dreck noch viel kranker werden, weil die Feuer wegen des Regens verlöschen, deshalb müssen wir uns schnell Gründe ausdenken, warum wir das Husten nicht mehr hören wollen.

Bitte, liebe Presse, bitte bitte: hört auf, uns das Husten vorzuführen. Es würde uns nur an unsere Bomben erinnern und Bilder im Kopf machen von kleinen Kindern, die erst leise, dann laut und häufig und plötzlich gar nicht mehr husten.

Könnte man vielleicht die Videobilder von Indomeni mit klassischer Musik unterlegen? Einfach die Bilder, die Sterbende zeigen, weglassen? Ginge das, liebe Presse?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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