Türkei, Israel – Das bisschen Pressefreiheit

…. ist doch angesichts dessen, was unsere „Freunde“ gleichzeitig so durchziehen, vollkommen verzichtbar. Heute morgen musste ich im Radio eine schier unerträgliche Quengelei von Moderatoren oder „Journalisten“ verfolgen, die dem deutschen Außenamt eine möglichst harsche Reaktion auf das neue Irrlichtern des türkischen Präsidenten abfordern. Der soll, so weiß ich augenblicklich nur vermutungsweise, doch tatsächlich in Deutschland mit der Forderung, die zu dem Zeitpunkt ausgestrahlte Satire gegen ihn zu unterbrechen, anrufen lassen haben.

Das deutsche Außenamt samt der ganzen Bundesregierung hat wahrlich andere Sorgen.

Aber diese eine, die haben offensichtlich weder Bundesregierung noch Außenamt – und das ist die mit Israel. Dort gab es unlängst in jüngster Vergangenheit wieder einmal gleich mehrere Vorkommnisse, gegen die sich Erdogans Wüten gegen vermeintliche „Beleidigung“ beinahe spaßig ausnimmt.

 

Absichtsvolle, vorsätzliche Tötung (gefilmt)

Es existiert ein mitgeschnittenes Video von einem Schauplatz einer der vorgeblichen „Messerattacken“. Zu sehen ist darauf eine Szenerie von unaufgeregten Soldaten und einigen Amubulanzfahrzeugen. Auf der Straße liegt ein Mann. In durchaus maßvoller Geschwindigkeit wird ein Mann mit freiem Oberkörper, der auf seiner Trage sitzt, in eines dieser Fahrzeuge geladen. Man sieht Soldaten plaudern, ganz offensichtlich besteht zum Zeitpunkt der Aufnahme keine Kampfhandlung, keine Bedrohung, keine Aufgeregtheit gleich welcher Art. Nach mehr als einer Minute Laufzeit des Films umgibt plötzlich eine große Lache Blut den Kopf des Mannes, der auf der Straße liegt. Er ist ganz offensichtlich sozusagen en passant von einem der Soldaten in den Kopf geschossen worden. Der Soldat steht vor Gericht – aber natürlich nur vorübergehend. Das Militärgericht befand schon mal, dass die Tötung des Mannes aufgrund des Films (!) „nicht schlüsssig“ erscheine, mehr aber nun auch nicht. Der Richter, Lieutenant Colonel Ronen Shor, gab an, „angesichts der Komplexität der Situation“ würden „berechtigte Zweifel“ an der Schuld des Soldaten bestehen. Deshalb sei der Mann nach zwei weiteren Tagen der Anhörung ohne weiteres wieder zu entlassen.

 

Ausschluss missliebiger, palästinensischer Kabinettsmitglieder

Netanyahu macht nun Nägel mit Köpfen. Seiner Regierung sind arg ungeliebte Begleitumstände dessen, was weltweit unter dem Begriff „Demokratie“ verstanden wird, schon lange ein Dorn im Auge und dagegen muss er nun vorgehen. Angeblich, weil sich drei arabische Kabinettsmitglieder vor einiger Zeit mit der Familie eines von Israelis getöteten, jungen Mannes getroffen haben, sollten sie aus der Regierung ausgeschlossen werden. Das ist natürlich Unsinn, zumal Angriffe auf allen Ebenen des Daseins gegen diese und solche Regierungsmitglieder in Israel seit vielen Jahren beinah zur guten Sitte gehören. Dazu zählen üblicherweise offene Beleidigungen, Ausgrenzungen, Schikanen und auch Morddrohungen gibt es. Bisher hat die israelische Verfassung, die noch immer einige demokratische Aspekte enthält, Netanyahu am Durchgreifen gegen diese Regierungsmitglieder gehindert. Das soll nun anders werden. Auf sein Betreiben hin ist nun eine Gesetzesvorlage auf ihrem Weg, die Kabinettsmitglieder „wegen schlechten Benehmens“ aus der Knesset ausschließen will. Selbst der Dümmste versteht sofort: die Formulierung „schlechtes Benehmen“ ist sowohl auf die Tötung Andersdenkender, als aber auch auf Niesen in der Öffentlichkeit anwendbar. Kabinettsmitglieder, die schon mal Palästinenser in aller Öffentlichkeit und Schamlosigkeit mit Ungeziefer gleichsetzen und schriftlich wie öffentlich über Facebook von Massenhinrichtungen von Arabern träumen, sind damit natürlich nicht gemeint. Denn das zählt momentan zu „gutem Benehmen“ in Israel.

Aber das offizielle Israel mit Benjamin Netanyahu in der Mitte ist ja unser „Freund“ – und immer wenn wir Gefahr laufen, seine Brutalität und Rücksichtslosigkeit, den offenen Rassismus in Israel wahrzunehmen, setzen wir uns ganz brav den Balken ins Auge.

Den Splitter im Auge der Türkei aber, den beschreien wir stundenlang. Da kann keine Überschrift groß genug ausfallen.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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