Ägypten – und der Abfall vom Islam

In Ägypten gibt es seit vielen Jahren eine ganz ungeheure Menge von Abfällen.

Sie türmen sich auf den Mittelstreifen von Straßen weit über zwei Meter hoch, verströmen einen atemberaubenden und Brechreiz erregenden Gestank und ziehen Ratten zu Tausenden an.

Sie schwimmen durch zahllose Seitenarme und Kanäle des Nils in großen Haufen. Manchmal verstopfen sie Abzugsrohre und dann laufen beispielsweise Friedhöfe über, deren Erde deshalb Leichen zu erbrechen beginnen. In einem Fall musste eine Familie aus Alexandria ihre alte Mutter deshalb gleich dreimal begraben und zuletzt beschwerten sie ihre Leiche mit einem zentnerschweren Stein.

Abfälle ziehen immer schnellere, immer dichtere, immer dickere Kreise durch die Köpfe der Menschen.

Abfälle.

Als ich Ägypten kennenlernen durfte, gab es zwar durchaus schon ein veritables Müll- aber kein Abfallproblem. Ja, ich habe sie mit eigenen Augen gesehen: Ströme von hunderten von Ratten, die völlig angstfrei und frech über die Straßen laufen. Einfach so. Ohne Hast. Beinah wirkte es, als seien ihnen selbst die Autos egal und sie würden erwarten, dass sie zu ihrem Schutz gar anhalten würden.

Islamischen Abfall habe ich in Ägypten keinen gesehen. Kunststück. Es gibt ihn im Grunde ja auch gar nicht.

Ich kam in ein Land völlig selbstverständlicher Freiheiten, die sich aus vielen Gemeinsamkeiten ergeben hatten und mir begegnete sowohl in Kairo im Norden Ägyptens als auch in Assuan im Süden eine bunte Heerschar von Menschen aller Hautfarben, unglaublich vielfältiger Typen, Frisuren, Kleidern, Auftreten, Sprachen und ich fand völlig überrascht, wie reibungslos der Alltag in diesem bunten Sammelsurium funktionierte. Noch Jahre später, damals spielte ich erst mit dem Gedanken an eine Konversion, wurde ich von einigen Muslimen zu einer koptischen Hochzeit eingeladen. Schüchtern flüsterte ich meinem muslimischen Begleiter die Frage im Dom zu, ob es wohl möglich sei, die Kamera zu zücken und er bejahte. Als der Hochzeitszug mit dem Paar durch den Mittelgang auf den Altar hinzu schritt, brachte ich die Kamera in Anschlag. Hocherfreut erkannte der Bräutigam meine Begleitung und stoppte den ganzen Zug, der aus mindestens drei Dutzend Menschen bestanden hatte, damit ich auch ordentliche Fotos bekam. Er positionierte sogar seine Braut in meine Richtung und strahlte selbst, dass es eine Freude war. Es wäre damals Unsinn gewesen irgendjemandem von dieser Harmonie zu berichten, so selbstverständlich war sie. Man stand nach der Trauung bunt durcheinander an den aufgebauten Tischen, bediente sich an den vielen Süßigkeiten und drängte, dem Brauch entsprechend, jedem Passanten unter fröhlichem Gegacker davon auf.

Man pflegte gemeinsam über alle Grenzen unserer Definition hinweg vorsichtigen Spott gegen die ägyptische Führung, die damals natürlich noch aus Mubarak bestanden hatte. Allen gemein war die Klage über Korruption, Willkür und mangelhafte Meinungsfreiheit – an Auseinandersetzungen in Glaubensfragen hat damals, so habe ich es erlebt, kaum jemand nachgedacht. Kleine Minderheiten verknöcherter Extremisten, so wie es sie überall und immer gibt, nöckerten leise und fern jeder Hoffnung auf bessere Tage vor sich hin.

In Assuan waren die Kontraste damals besonders stark – und deshalb trat damals dort besonders stark ins Auge, wie harmonisch der Alltag verlief und wie wenig Spannung zwischen Menschen so unterschiedlicher Prägung herrschen kann.

Heute bin ich zutiefst erschüttert wenn ich ägyptische Berichte lese, nach welchen bereits Dutzende von Kindern wegen „Gotteslästerung“ und „Verächtlichmachung des Glaubens“ für mehrere Jahre ins Gefängnis müssen. Ich bin fassungslos wenn ich höre, dass eine halbe Schulklasse nebst ihres Lehrers vor Gericht musste, weil die Kinder ein satirisches Video zum Thema Daesh („Islamischer Staat“) gedreht und verteilt hatten – bloß, weil sie in einer kurzen Szene ein muslimisches Gebet darstellten. Die Existenz des Lehrers ist vernichtet; er wurde zum Fortzug samt seiner drei Kinder, seiner Frau aus seiner Stadt  gezwungen, erhält keinerlei Gehalt mehr und hat wohl nie wieder eine Stelle in seinem Beruf in Aussicht. Einige der Kinder, darunter vierzehnjährige, wurden verurteilt und verbüßen langjährige Gefängnisstrafen.

Das ist für mich der Abfall vom Islam. Ich hatte den unerhörten Vorzug, persönlich auf keiner meiner Reisen nach Tunesien und Ägypten Extremisten zu treffen und den beinah noch ungeheuerlicheren dazu, immer nur auf milde, sanfte, gebildete und heitere Muslime getroffen zu sein. Kein einziger meiner Gesprächspartner wäre je auf die Idee gekommen, jemanden wegen eines vermuteten „Abfalls vom Islam“ geringzuschätzen oder gar anzuschwärzen. Hätte ich sie mit solchen Ideen konfrontiert, wäre ich lediglich auf Unverständnis und Missbilligung gestoßen.

Alles mögliche wäre im Hinblick auf die blutigen Putschisten Ägyptens zu erwarten gestanden – wirklich alles. Wie sie sich bei ihrem Putsch gebärdet hatten wäre zu vermuten gewesen, dass sie viele Moscheen schlössen, Imame davongejagt und den Islam öffentlich in Zweifel gezogen hätten. Aber das exakte Gegenteil ist geschehen: heute wird Ägypten von einem furchtbaren Islam regelrecht das Fürchten gelehrt. Er hat mittlerweile Hunderttausende das Leben, das Glück, jede Zukunft und körperliche wie geistige Gesundheit gekostet. Dieser Islam hat Menschen zu Tode gefoltert, gebrochen, ausgestoßen.

Aber das ist nicht der ägyptische Islam. Das ist der krude und an Wahnsinn grenzende Islamismus der verrückten Landesführung. Der neue Diktator sagte unlängst in einer politischen Diskussion: „Der Islam ist das Wertvollste, was wir haben.“ – und hat damit angekündigt, die Reihe der Toten im Namen seines Islams deutlich verlängern zu wollen.

Der wahre, ägyptische Islam ist mein Islam. Er ist der einer Al-Azhar. Er ist freundlich, vollkommen gewaltfrei, warmherzig und voller Freiheiten für jeden. Er fällt nicht auf, er lässt Menschen zu wundervollen Vorbildern werden, er stößt nicht ab. Er lädt ein und verhaftet nicht. Dieser Islam ist ein stiller Vertrag mit Allah, der eine durchwegs positive und fröhliche Strahlkraft in seine Umgebung entsendet. Die Gesellschaft dieser Menschen, die an diesen wahren, so ursprünglich ägyptischen Islam glauben, ist grundsätzlich immer eine wundervolle – denn diese Menschen kennen keinen Hass, keine Ablehnung, keine Geringschätzung, keine Herabwürdigung.

Nein – auch Ägypten war nie ein „islamisches Paradies“, weil immer zuviele Verhärtete, Verknöcherte, Erzkonservative und Schreihälse in ihm lebten, auch wenn es nur wenige waren, und diese sich zumeist still verhielten. Ich habe aber paradiesische Inselchen des Islam in Ägypten gefunden und es sind unter anderem auch meine ganz persönlichen Erinnerungen und Erlebnisse daran, die mich hoffen lassen, diesem Islam bis zu meinem Tode folgen zu können.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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