Israel – Einfach weg. Fort.

Zuerst stellen wir uns vor, wir leben in einem Dörfchen. In einem, in dem die Uhren deutlich langsamer gehen, Passanten voreinander lächelnd den Hut lupfen, jeder jeden kennt und der Hahn zum Krähen ungerührt in zehnter oder zwanzigster Generation den gleichen Misthaufen erklettert. Ein paar Felder, ein paar Wiesen ringsherum, ansonsten nur Wälder. Kilometerweite und -breite Wälder. Es führt ein Sträßchen hinein in den Ort, den man mit dem Auto bereits wieder verlässt, bevor man ihn richtig wahrgenommen hat und eines, das dort herausführt.

So weit, so gut.

Stellen wir uns weiterhin vor, die Bundesregierung würde nun beabsichtigen, das gesamte Dörfchen niederzureißen und die Bewohner ohne jede Entschädigung in Flüchtlingsheimen unterzubringen. Mehr oder weniger kommentarlos. Obschon der Dorfschulze seit Jahren von dieser Planung weiß und der Regierung längst schon den Vorschlag unterbreitet hat, die neue Stadt außerhalb des Dorfes unterzubringen, wird dieser zum wiederholten Mal ohne jede Begründung abgelehnt. Und vor allem: kommentarlos. Vor ungefähr zwei Wochen wurden etliche, riesige Bagger und Planierraupen angeliefert und sie fressen sich jeden Tag näher auf unser Dorf zu.

Wir werden den Verdacht nicht los, dass es gar nicht um die Fläche, sondern um die Entfernung des konkreten Dorfs geht. Es geht vielleicht sogar direkt um uns selbst – und nicht um unsere Häuser.

Exakt dieser Fall ereignet sich augenblicklich im Süden Israels:

Bisher lebte man im Örtchen Umm al-Hiran recht ruhig, bescheiden und nicht sonderlich komfortabel. Man muss dazu nämlich wissen, dass der Ort, obschon er auf israelischem Staatsgebiet liegt, bisher ohne jede Strom- oder Wasserversorgung belassen wurde. Mit beidem versorgten sich die knapp 500 Bewohner des Orts bisher selbst. Die Sippe der Abu al-Qi’an beispielsweise gelangte auf abenteuerlichen Wegen hierhin und ist zuvor bereits zweimal seit 1948 vertrieben worden. Sie haben sich im Ort eingerichtet und halbwegs ihren Frieden gefunden.

Niemand in Umm al-Hiran kann den leisesten Zweifel daran hegen, dass es nicht um eine Liegenschaft für eine neue Stadt geht – sondern die Zerstörung des Dorfes selbst das eigentliche Ziel ist. Denn um den Ort herum befindet sich

nichts.

ummalhieran

Hier sehen wir das Örtchen … umringt vom …. Nichts.

Israel könnte mehrere und riesige Städte um Umm al-Hiran herum errichten, ohne dass es den Bewohnern deshalb an irgendetwas mangeln würde. Es liegen viele Quadratkilometer Land unbenutzt, unbeansprucht leer und wüst um das Dorf herum und genau dieser Umstand lässt die wahre Absicht hinter der beabsichtigten Zerstörung des Dorfes deutlich erkennen.

Es ist kaum noch anders als als schlecht getarnte Bösartigkeit des israelischen Staates zu bezeichnen, wenn die Bewohner von Umm al-Hiran dazu aufgefordert werden, sich in den Ort Hura zu begeben. Hura ist eine vollkommen und hoffnungslos überbevölkerte und entsetzlich arme Niederlassung von entwurzelten Beduinen, denen die Heimat in ähnlicher Weise genommen worden war. Die israelische Regierung setzt mit immer härteren Mitteln immer rigoroser auf die ethnische Säuberung dessen, was sie irgendwie als israelisches Eigentum betrachtet. Auf gar keinen Fall würde mit einem von Juden bewohnten, israelischen Dörfchen ähnlich umgegangen – in Umm al-Hiran aber leben arabische, muslimische Beduinen. Den nun und tagesaktuell aufgenommenen Anstrengungen der Regierung, numehr mit dem Abriss ernst zu machen, geht ein 13 Jahre andauernder Streit mit einer Menschenrechtsorganisation voraus, mit deren Unterstützung die Dörfler die Zerstörung verhindern wollten.

Deshalb macht sich auch seitens der Regierung niemand die Mühe, der Bevölkerung von Umm al-Hiran auch nur zu erklären, weshalb ihr Dorf ausradiert werden soll. Mehr als ein schmallippiges „Nein.“ zu etlichen Vorschlägen von den Dörflern, sowohl die Errichtung einer neuen Stadt, als aber auch gleichzeitig das Bleiben des Dorfes zu ermöglichen, erhalten sie nicht. Warum auch. Wie könnte man die Absicht hinter der stadtplanerischen Maßnahme, die rechtmäßigen Eigentümer des Landes zu enteignen, zu marginalisieren, in Lägern konzentrieren zu wollen, auch so ausdrücken, das daraus kein internationaler Aufschrei wird? Wie erklärt man den Menschen politisch unschädlich für die Regierung selbst, dass man sie einfach nur loswerden und tiefer in die Depression und Frustration hineinjagen will? Dass man nun endlich verstanden hat, wie man die Verzweiflung und die Wut der Bevölkerung in Terror verwandeln kann um neue Handhabe zu kriegerischen, großtechnischen Menschenvernichtungen zu erhalten? Ihre Entwurzelung, ihre Verarmung, die Fortnahme jeder Zukunftsperspektive sind die wesentlichen Treiber der rassistischen Strategien der israelischen Regierung. Aus solchen Menschen entspringt Terror – und so erzeugt man ihn. Das einzige, was die Regierung an dieser Strategie bedauert, ist der immense Zeitbedarf – militärische Vernichtungsaktionen wie die in Gaza 2009 und 2014 so wie die im Libanon 2006 werden deutlich bevorzugt, denn da bringt man mehrere tausend „Feinde“ in kurzer Zeit zur Strecke.

Man kommt an der Beobachtung einfach nicht vorbei:

Vor einigen Monaten erst „verplapperte“ sich eine israelische Regierungsstelle, als sie wegen des Baues einer Eisenbahnlinie von Jerusalem ins Westjordanland mit einem Anbieter verhandelte. In dem Verhandlungspapier stand zu lesen, Ziel der Regierung sei tatsächlich eine beschleunigte „Judaisierung“ des Westjordanlands. Unter anderem auch aufgrund des daraus entstehenden Drucks durch die BDS-Bewegung schreckte der westliche Verhandlungspartner weit zurück und beendete alle Gespräche. Kein Wunder, das Anersinnen der israelischen Regierung ist auch ungeheuer unappetitlich.

Es erinnert, und daran sollte sich die israelische Regierung einmal erinnern, an das schreckliche Wort

Arisierung.

Und an dieser Stelle gehen alle Gäule mit mir durch …. mit diesem Stichwort wurden insgesamt (mindestens) neun meiner Familienmitglieder ins Gas geschickt, obschon meine Familie durchaus nicht jüdisch (übrigens auch nicht muslimisch oder sonst eines definierten Glaubens!) war, sondern „nur“ vormals aus anderen Ländern stammte. Meine Leute sind gemeinsam mit Juden unter der furchtbaren Überschrift „Arisierung!“ in den Tod gegangen, nachdem ihr Unternehmen geschleift und geplündert wurde – und so schüttelt es mich voller entsetzlichem Ekel, mich würgt Brechreiz, wenn ich Israelis von einer „Judaisierung“ schwadronieren höre. Ich bin davon überzeugt, dass wirklich gläubige, praktizierende Juden mit mir in der gleichen Weise empfinden. Kein Wunder, sie stehen ja auch Schulter an Schulter mit mir.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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