Afghanistan, Mali – warum ich nicht tue, was ich nicht kann.

Das Experiment habe ich vor etwa fünfzehn Jahren seufzend abgeschlossen; das Manuskript wanderte unfertig auf eine Diskette – und wurde über Jahre vergessen. Dabei hatte alles so gut angefangen.

In der Szene hatte ich mir einen Namen mit Kurzgeschichten, Gedichten und Erzählungen gemacht. Mehrere Lesungen zogen mehr als jeweils hundert Menschen auf die Sitzreihen und zum Schluss hatte sich tatsächlich sogar ein zugegebenermaßen sehr kleiner, aber fröhlicher Fanclub gebildet. Als ich das erste Mal Autogramme gab, betonierte sich mir ein breites Grinsen ins Gesicht.

Und dann wurde ich überheblich.

So eine Kleinigkeit wie einen ganzen Roman, und das in meiner Technik, das würde ich doch mit links hinlegen. Was soll das schon groß sein? Entweder eine große Kurzgeschichte oder aber viele Kurzgeschichten, die sich miteinander verschweißen (lassen). Kein Problem.

Den Stoff hatte ich. Es sollte eine Groteske sein, die in der Hochantike spielt. Ich wollte einen faszinierenden, kurzweiligen und zum Nachdenken anregenden Plot zum Thema: „Warum gab es Vielgötterei in der Antike?“ liefern.Mein Protagonist war fix und fertig skizziert. Er hatte einen Namen bekommen, das Aussehen einer gigantischen Ameise, eine Ausbildung als Raumkreuzerkadett auf einem fernen Planeten und seinen ersten Auftrag. Ich hatte ihn in seinen Frachter gesetzt, der mit einem seltenen Mineral beladen war und Kurs auf einen benachbarten Planeten hielt, wo die Lieferung ihr Ziel hatte. Es war ein altersschwaches, ehemaliges Kampfschiff auf einer Linie und mein Held ein wenig schusselig, eigentlich viel zu jung, unerfahren und eher unsicher. Natürlich ging etwas schief – und natürlich veränderte der Frachter den Kurs und ging mit knapper Not ziemlich zerstört auf der Erde nieder. Erschrocken blinzelte meine Ameise in den Himmel über der Levante und versucht sich verzweifelt an den Planetenunterricht zu erinnern um zu verstehen, wo er da gelandet war.

Parallel dazu entwarf ich auf seinem Heimatplaneten die Zucht anderer Wesen der gleichen Art, die zu militärischen und polizeilichen Aufgaben herangezogen werden und als besonders stark, belastbar und aggressiv  gelten. Als der Verlust des ganzen Frachters bekannt wurde, schickte man einen solchen Soldaten mit einem schnellen Kampfschiff auf die Suche. Er landete natürlich auch auf der Erde.

Das Ding schien zu funktionieren. Ich hatte bereits einiges zusammen und war im Volumen meines Erachtens nach gut im Timing; die angepeilte Stärke des ganzen Romans wäre eingehalten worden, keine Frage. Meine Frau fand meinen Protagonisten so witzig wie beabsichtigt. Er erstand vor ihren Augen und sie besetzte ihn emotional genauso, wie ich es wollte.

Meiner Gewohnheit nach ließ ich von dem Stoff nach einigen Dutzend Seiten ab und ließ ihn einige Wochen „reifen“. Erst ein gut gedanklich abgehangenes Stück lerne ich beim erneuten Lesen richtig kennen und kann dann beurteilen, ob die Idee, ob das Ding läuft – oder nicht.

Als ich es wieder hervorkramte, habe ich mich erschrocken.

Plötzlich wirkte mein Protagonist im Verlauf der Erzählung ungelenk, ja schief. Ich bemerkte Probleme im Timing. Manche Szenen waren zu gut ausgebaut, andere dafür, für den Plot wesentliche, zu schmal, zu hastig durchgezogen. Was mir noch immer gut gefiel, war die Beschreibung seines Planeten, seiner (ameisenhaften) Gesellschaft, die Szene eines Raumzoos samt seiner exotischen Bewohner und seines Antagonisten. Das war mir aber viel zu wenig. Ich bin eigentlich für die Stimmigkeit meiner Szenen bekannt.

Wäre das zu reparieren gewesen? Vielleicht. Ich habe aber den Witz nicht mehr gefunden, der sich langsam entfalten sollte und natürlich aus der Konfrontation des verunglückten Kadetten mit steinzeitlichen Menschen bestand und durch den Antagonisten, aus dem später Legenden eines Dämons erwachsen sollten, von der Seite befeuert werden sollte. Der verrenkte Stoff plinkerte mich verletzt, behindert und traurig an. Er humpelte durch die Seiten, hatte irgendwie einen Arm zuviel und ein Bein zuwenig, wirkte auf mich, als hätte er einen Buckel. Ich war für ihn, seine schiere Existenz und die Welten, die ich in ihm beschrieb, seltsam verantwortlich. Nichts funktionierte für den Stoff wie für andere Stoffe aus meiner Feder. Es hätte sich nicht auf eine Baustelle reduziert; ich hätte das ganze Ding völlig neu beginnen müssen. Und da erschien es mir fraglich, ob ein neuer Versuch sicher Erfolg haben würde.

Die Botschaft daraus habe ich verstanden. Ich bin kein Romancier klassischer Bauart und große Volumina zwischen Buchdeckeln sind nicht meine Welt. Ich kann das nicht. Ein Koch, der ein Künstler beim Fisch und ein Versager beim Gemüse ist, wird mich ebenso verstehen wie ein Maler, der Hervorragendes in Öl, aber nicht in Aquarell hinbekommt, auch. So, wie der eine seufzend auf Gemüse und der andere auf Aquarelle verzichtet und fühlt, dass er sich nicht länger dazu zwingen muss, so bleibe ich heute bei meinen Kurzgeschichten.

Den Brückenschlag zur Überschrift werden die meisten längst gefunden haben:

Über zehn Jahre lang hat unter anderem auch Deutschland mit viel Kriegsgerät, Blut, Tränen und Toten in Afghanistan gekämpft und viele Dutzend Unschuldige getötet. Auch durch das Versagen in der Interpretation zweifelhafter Luftaufklärungsdaten aus deutscher Hand kamen insgesamt hunderte Unschuldige, Unbeteiligte und Kinder um. Ganze Dörfer sind ausradiert worden; manche durch Deutschland zielgeführte Schläge haben harmlose Hochzeiten und Kindergeburtstage auseinandergerissen und in Blut und Trümmern ertränkt. In all diesen Jahren wollte man nicht zugeben, was kurz nach Beginn der Operation schon völlig klar war: so ist dies Land nicht zu befrieden. So kann das nicht gelingen. So produziert man Terror, wo man ihn verhindern wollte. Erst hat sich alle alliierte Politik und dann das Militär ganz leise aus dem Land verpisst. Auf leisen Sohlen. Ohne großes Tschingderassabumm. Heute steht Afghanistan schlimmer da als je zuvor. Die Taliban wüten ungerührt und machen exakt da weiter, wo sie vorübergehend (und nie ganz) aufgehört hatten. Sie zerreißen Menschen, sie bomben frech und ungehindert mitten in Kabul, sie enthaupten, sie zerstören …. als habe es all diese Jahre der quälenden Zerstörungen und Drohnenhinrichtungen nie gegeben. Dafür aber haben einige Dutzend Leute kofferweise Bargeld aus internationalen Hilfsleistungen für sich abgezweigt – in einem konkreten Fall wurde das Geld zentnerweise (!) mit einer Frachtmaschine auf unbekanntem Kurs ausgeflogen.

Der Punkt, an dem die Politik hätte erkennen müssen, gerade etwas zu tun, was erstens schiefgeht und zweitens außerhalb der eigenen Möglichkeiten liegt, ist viele Jahre längst überschritten gewesen und hätte seit langem zur erschrockenen Einstellung aller Operationen führen müssen. Man hat weitergeschossen. Immer weiter geschossen. Immer mehr Unschuldige getötet und dabei zugesehen, wie „Freunde“ Unschuldige erst foltern – und dann töten.

Ich verzichte gern darauf, die literarische Welt mit einem misslungenen Werk zu traktieren.

Ursula von der Leyen nicht.

Sie schreibt an ihrer persönlichen Schuld und Bankrotterklärung in Mali weiter.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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