Der SPIEGEL – über den Niedergang der Information

Ohne Wikipedia bemühen zu wollen würde ich Information als neutrales Datenhäppchen definieren, dessen Inhalt aus nichts als einem maximal belastbaren Faktum oder mehreren solcher Fakten besteht.

Die meisten Menschen in Europa vertrauen fest darauf, dass sie von der hiesigen Presse informiert werden. Ich finde den Umstand, dass dies ein fataler Irrtum ist, nicht wenig tragisch. Auch die Idee, es gäbe nunmal vertrauenswürdigere und buntere, weniger vertrauenswürdige Presse, ist längst obsolet – denn wer käme schon auf die abwegig erscheinende Idee, von einer ehrwürdigen Institution wie dem SPIEGEL mit furchtbar minderwertigem Datenmüll abgespeist zu werden, der im Tarnmäntelchen von Information daherkommt.

Das neue Indiz dafür bildet ein trauriger, entsetzlicher Anlass – und der heißt Giulio Regeni, wurde 28 Jahre alt und war ein italienischer Doktorand.

Nicht an ihm, aber sehr wohl an den Begleitumständen, an der Ursache seines Todes hat sich der SPIEGEL vergriffen und ein sehr eindrucksstarkes Beispiel für das Totalversagen europäischer Presse geliefert. Ich zitiere im Folgenden aus einem Artikel aus der Feder von Hans-Jürgen Schlamp, der für seine Fehlleistung zu allem Überfluss sicherlich auch noch Geld eingestrichen haben wird.

(Hier der Link zum Artikel: http://www.spiegel.de/politik/ausland/italien-kritisiert-aegypten-wegen-totem-studenten-a-1085374.html#js-article-comments-box-pager )

Denn nicht nur in Italien, rund um den Globus erfahren die Menschen derzeit, dass willkürliche Verhaftungen, Folter, politisch motivierte Morde in Ägypten offensichtlich an der Tagesordnung sind.

An einem einzigen Wort entscheidet sich nicht unbedingt ein Qualitätsurteil für einen ganzen Artikel. Man mag es zunächst für unerträgliche Spitzfindigkeit halten, wenn ich mich über das Wort „derzeit“ aufrege – im Verlauf aber wird mein Ärger sicherlich verständlicher.

Schlamp hat wohl irgendwie nicht so ganz präsent, selbst wenn er gegen Geld „Informationen“ darüber anbietet, wie sich die jüngste Geschichte Ägyptens abgespielt hat. Dass anlässlich des Putsches durch das Militär und in den Tagen danach Tausende auf offener Straße mit Maschinengewehren niedergemäht und Zehntausende häufig für immer in Foltergefängnisse eingesperrt wurden.

Aufmerksame Beobachter „rund um den Globus“ wissen seit Jahren, dass jeden Tag und überall in Ägypten Menschen wegen lächerlicher Bagatellen erschossen werden und ihre Mörder ausnahmslos unbehelligt bleiben. Sei es, das eine Frau mit einer Rose in einer Hand kaltblütig von einem Polizisten mitten in Kairo am hellen Tage abgeknallt worden ist und mit der Behauptung, sie sei angeblich „bewaffnet“ gewesen, trotz eines guten Dutzend gegenteiliger, offizieller Zeugenaussagen davonkam. Wenn Schlamp das Wort „offensichtlich“ in diesem Zusammenhang benutzt will er den Eindruck erwecken, dass man dies zuvor nur (hinter vorgehaltener Hand?) hätte vermuten können oder befürchten müssen. Das ist falsch. Die Presse aus der Region berichtet beinahe täglich von blutigen Übergriffen durch Polizei und Militär.

Schließlich hält el-Sisi die Islamisten im Lande klein. Jetzt ändert sich das.

Wo Schlamp das abgeschrieben haben könnte oder welcher idiotischen Eingabe er diese Idee verdankt, vermag ich mir nicht auszudenken. Außer vagen wie halbgaren und schnell wieder fallengelassenen Ideen um den Putsch in 2013 herum spricht gar nichts für diese Aussage. Und nicht nur gar nichts. Im Gegenteil erfahren Beobachter Ägyptens seit mindestens eineinhalb Jahren von der extremen, ja extremistischen islamischen Überzeugung des neuen Diktators von Ägypten. Schnell nach seinem Griff nach der Macht wurde seine Hausarbeit bekannt, die er vor 15 Jahren an einer US-Militärakademie niedergelegt hat – und in dieser schwadroniert er persönlich und ganz offen von seiner Überzeugung, dass ein arabischer Staat definitiv nicht demokratisch regiert werden könne, sondern einem harten wie geradlinigen, islamischen Fundament mit entsprechender Gesetzgebung zu folgen habe. Ich liefere auf Wunsch gern eine Kopie dieser Hausarbeit – im Gegensatz zu einem „Journalisten“ Schlamp, der für einen SPIEGEL schreibt, habe ich sie. Und gelesen habe ich sie auch.

Ziemlich von Anfang an war die Regierung von al-Sisi durch bizarre, merk- wie fragwürdige Vorkommnisse gekennzeichnet. Erst unter seiner Herrschaft kam es, wie gesagt: von Beginn an zu islamistischen Exzessen, wie es sie noch nicht einmal unter Hosni Mubarak gegeben hatte.

Nur ein Beispiel: Mubarak hatte nie eine schwule Szene akzeptiert und hätte dies auch niemals getan. Er befreite Ägypten von einem diesbezüglichen Verfolgungsdruck, in dem er diese Szene einfach gar nicht wahrgenommen hatte.Was und wer immer sich entsprechend vergnügte, war vor (staatlich organisierter) Verfolgung recht sicher. Auch der angeblich ach so „islamistische“ Präsident Ägyptens, Dr. Mohammed Mursi, der immerhin dem politischen Arm der Muslimbruderschaft vorstand, hatte die persönliche Freiheit des Einzelnen immer betont – und selbstverständlich auch keine Verfolgung in der Szene begonnen. Erst unter al-Sisi wurden ganze Kamerateams in eine „Herrensauna“ gejagt und pauschal alle Besucher unter dem Vorwurf der Homosexualität aus der Sauna heraus und in eine Polzeistation hineingeführt. Erst unter al-Sisi gilt Homosexualität plötzlich als todeswürdiges Verbrechen und wird brutal verfolgt.

Ich frequentiere sehr regelmäßig einen kleinen, illustren Kreis von arabisch/nahöstlichen Presseerzeugnissen, denen ich nach vielen Jahren misstrauischen Querprüfens endlich vertraue. Jedes von ihnen habe ich wohl dutzende Male auf den Prüfstein gelegt und Fakten quergecheckt, bis ich eines von ihnen (u.a. hier) zitiert habe. Ich bin aber kein Journalist. Ich bin nur eingelesen und habe mir häufig vor Ort mein eigenes Bild gemacht. Ich habe mich mit vielen Dutzend Menschen über all die vielen Jahre und viele Stunden lang hingesetzt und bis zum ersten Hahnenschrei mit ihnen diskutiert, gestritten, gelacht, gegessen und gefeiert.

Und seitdem weiß ich von der dramatischen Unfähigkeit auch deutscher, hochqualitativ geglaubter Presseorgane. Nachdem unter hohem Kostendruck und Gewinnverlangen viele Auslandskorrespondenzbüros geschlossen und durch Abonnements bei Nachrichtendiensten ersetzt worden waren, verfügt kaum noch eine europäische Redaktion über eigenes Detailwissen aus eigenen, belastbaren vor-Ort-Recherchen. Und so schmiert auch ein Hans-Jürgen Schlamp, ganz bestimmt ohne den Hauch eines schlechten Gewissens, Halb- und Unwahrheiten über Ägypten zusammen. Dass er dabei nichts anderes enttarnt als sich selbst, kann dabei nicht mehr verwundern.

Karl Marx war es, der einmal gesagt hatte:

Die Presse ist erst dann frei, wenn sie kein Gewerbe ist!

und gemeint hatte er damit, dass das Verlangen von Anlegern nach Gewinnen dramatische Auswirkungen auf die Qualität von Informationen hat. Und so ist es ja auch. Auch ein Schlamp wird die Universität nicht mit der Idee verlassen haben, durch Schmierenjournalismus und möglichst wenig Arbeit möglichst schnell zu Geld und Ruhm zu kommen. Er wird sich jedoch daran gewöhnt haben, ohne kostenträchtige Tickets auch so vom heimischen Sessel aus vorgeblich „kenntnisreiche“ und vor allem „richtige“ Berichte über Regionen, Länder und Menschen zu schreiben.

Erst, wenn Journalisten weder vom Staat, vom Kunden, noch von der „freien“ Wirtschaft bezahlt werden und sich ihr persönlicher Gewinnanspruch in sparsamen Grenzen hält – kann die Presse frei, objektiv und zuverlässig sein – und Informationen erarbeiten und verbreiten.

Das wirklich Fatale an solche furchtbar schlechtem Ramschjournalismus, für den sich selbst das billigste Boulevardblättchen eigentlich zu schade sein sollte ist, dass sich vor dem Hintergrund des freiheitlichen und vorgeblich unabhängigen Anspruchs alle Pressekonsumenten einbilden, sie seien nun objektiv und vollumfänglich informiert. Die Selbstentschuldigung wie hier in den Zitaten von Schlamp beziehen sie natürlich ebenfalls auf sich selbst weil sie sich nachsehen dürfen, was der Journalist sträflicherweise für sich in Anspruch nimmt: man lerne ja erst jetzt, was in Ägypten eigentlich so los sei und eigentlich ist al-Sisi ja gegen Islamismus.

Das ist so furchtbar falsch – dass es da keinerlei Interpretationsspielraum mehr gibt. Dieser Journalist ist ein mieser und sein Blättchen ebenfalls.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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Eine Antwort zu Der SPIEGEL – über den Niedergang der Information

  1. Womolix schreibt:

    Dass die Presseerzeugnisse inzwischen nichts anderes mehr sind, als Marketinghülsen, in denen das geschrieben wird, was die Kunden angeblich hören wollen und was den wesentlichen Informationsgebern (Regierung, „demokrstische“ Parteien, Hochfinanz und Eigentümerfamilien) nicht schadet oder ihr wirkliches Denken gar enttarnt.
    Viele haben das sogar schon bemerkt, es ist aber bequemer und viel lukrativer dem zu folgen was da geschrieben wird.

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