Moazzam Begg: eine „zentrale Autorität“ im Islam?

Die wenigsten kennen Moazzam Begg – und ich selbst habe vor seinem Auftritt in England von ihm noch nie gehört.

Begg hatte fast drei Jahre ohne Anklage in Guantanamo Bay und im Bagram Theatre Internment Facility in Afghanistan verbringen müssen, bevor er 2005 freigelassen worden war.

Die Haft machte einen Denker aus ihm – und beinah einen Religionsphilosophen. Heute tritt er mit wachsendem Publikum öffentlich mit seinen Thesen auf und wird in der islamischen Welt durchaus kontrovers diskutiert.

Seiner Ansicht nach bedürfe der Islam keiner Reformation. Einerseits, da er in seiner heute verstandenen Form keinen Reformbedarf in Hinsicht auf unsere heutige Welt bedarf und andererseits, weil er sich in jedem Land ohnehin individuell anpasse – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Die Fähigkeit zu dieser Anpassung liegt im Qur’an selbst und da, wo Muslime mit Anpassung scheitern, liegt die Verantwortung deshalb bei ihnen und eben nicht im Islam.

Das sind Beobachtungen, die ich persönlich für wertvoll und beachtenswert halte. Sie stellen sich einerseits völlig richtig gegen Reformationsbestrebungen, die letztlich miserabel und grundsätzlich schlecht wären, da sie sich um eine Veränderung des Glaubens drehen würden oder müssten. Das ist nicht statthaft. Wenn einzelne Aspekte in ihrer Ausprägung durchaus diskutiert und ihre Umsetzung ins tägliche Leben dem Einzelnen übertragen werden kann, so bleibt das hauptsächliche Grundgerüst des Islam absolut unveränderbar. Es gibt nunmal Dinge, die im Islam keiner Meinung, und daher auch keiner Meinungsfreiheit unterworfen sind, sondern einen generellen Prüfstein darstellen. Wer sie akzeptiert und für sich annimmt, übertritt die Schwelle zum Islam und ist willkommen. Wer dies nicht tut, wird und kann es nicht sein.

So ist weder der Qur’an noch seine Herkunft verhandel- oder relativierbar. Meiner persönlichen Meinung nach ist dies einer der Prüfsteine. Wer die Abkunft des Qur’an direkt von Allah etwa nicht akzeptiert oder zu relativeren wünscht – kann kein Muslim sein.

All dies stellt Moazzam Begg überhaupt nicht in Frage. Eher im Gegenteil betont er diese Gedanken selbst auch, wenn er Reformationsbestrebungen ablehnt. Er sagt sogar, dass die Aufforderung zur Reformation des Islam faszinierenderweise gerade aus den Ländern stammt, die sich generell im Krieg gegen Muslime und muslimische Staaten befinden. Er findet diese Entdeckung befremdlich. Begg findet nur in den Köpfen der Muslime Reformationsbedarf.

Er fordert die Einrichtung einer „zentralen Autorität“, die gewissermaßen per definition Deutungshoheit besitzt und weltweite Anlaufstelle für alle spirituellen Fragen darstellt, die aus dem Innen- und Außenverhältnis gestellt werden können. Begg sieht diese Institution als Bindeglied einerseits und als Schiedsstelle andererseits. Eine solche Behörde, so Begg, würde es Daesh („Islamischen Staat“) unmöglich gemacht, den Islam als Quelle ihrer bizarren Ideen zu bezeichnen und damit Muslime zu verführen. Er sieht in einer solchen Institution eine vergleichmäßigende, eine mäßigende Macht, die die Bildung von Extremen unterbinden könne.

Bei seinen Vorträgen verzichtet Begg sehr bewusst auf die Verwendung arabischer / islamischer Begriffe und das sollte (zumindest) Muslime aufhorchen lassen. Denn Bestrebungen und „Insitutionen“ solcher Bauart sind im Islam seit Jahrhunderten angelegt und wurden leider allzu häufig unter Missachtung der für sie geltenden, besonders strengen Regeln ins Leben gerufen.

Nehmen wir das „Kalifat“. Unter einem Kalifen verstehen Muslime einen aus großer Not heraus eingesetzten „Kriegskaiser“, dem im Falle großer und potenziell vernichtender Angriffe gegen den Glauben alle Macht über alle Waffen aller Muslime übertragen wird. Er hat von Gelehrten und der überwältigenden Mehrheit aller Muslime der Welt gewählt zu werden und besitzt dann alle Macht, um die gegen Muslime gerichtete Gewalt zurückzuschlagen. Nun müssen wir erleben, dass der groteske Karnevalsfatzke aus dem Irak, der sich selbst „Kalif“ nennt, über all diese Bedingungen und Voraussetzungen großzügig hinweggestiegen ist. Das System Kalifat hat er keineswegs installiert, denn das existiert seit vielen Jahrhunderten nicht mehr.

Auf sonstige, übergreifende „Vertretungen“ verzichtet Islam aus guten, ja aus ganz besonders guten Gründen: alle wie auch immer gearteten Vertretungen von Menschen tragen latent die Gefahr von Missbrauch in sich. Es ist grundsätzlich immer nur eine Frage der Zeit, wenn solche Vertretungen zu persönlichen Vorteilen missbraucht werden. Ob Kirchen, Staaten, Vereine …. es finden sich mit großer Leichtigkeit allein nur in Deutschland viele tausend Menschen, die im Stillen ihren persönlichen Reibach daraus schlagen und dafür auch zu Lüge, Betrug und Diebstahl greifen.

Der zweite Grund ist der für die meisten Muslime weitaus unangenehmste: denn es darf auch mit einer solchen „Autorität“ nie gelingen, jedem Muslimen die Pflicht zum eigenen Lernen und Prüfen zu nehmen. Es darf nie Muslime geben, die einen Irrtum nachgewiesen bekommen und mit Fingern auf andere mit den Worten zeigen: „Der da, der hat mir gesagt, ich soll das so und so sehen, denken und tun!“. Muslime kennen keine „Heiligen“, die als Katalysator für Gebete in Richtung Gott dienen, Fürsprecher sein könnten oder deren Beschwörung Vorteile brächte. Zwischen dem Menschen und Allah existiert nichts.

Das bringt dem Menschen Probleme. Ihm wird nichts gegeben als das Vorbild des Lebens des Verehrten Propheten Mohammed (saws), genannt „Sunnah“ und den Qur’an – wobei es dazu (nur) noch Weisheiten aus dem Leben und Umfeld des Propheten („Hadithe“) gibt, die eine gewisse Orientierung ermöglichen. Aber sowohl die Sunnah als auch die Hadithe gehen im Qur’an auf und so bleibt letztendlich nur der Qur’an als verlässliche, ewig gültige Richtschnur. Insofern ist Islam sehr, sehr anstrengend. Er bietet zwar maximale Freiheiten, aber dafür auch die Notwendigkeit, sich zunächst einmal ganz grundsätzlich selbst um die Wahrheit zu bemühen. Natürlich kann man bei Bedarf und entsprechender Überforderung einen Gelehrten um Rat bitten und dann erhält man auch ein Rechtsgutachten („Fatwa“), das aber leider auch nicht bindend und somit kein „Befehl“ ist. Eine Fatwa ist nichts anderes als die Meinung eines Gelehrten zu einem konkreten Problem, welches vom Ratsuchenden islamisch korrekt behandelt werden soll.

Deshalb lehne ich eine „Vertretung“ im Sinne von Moazzam Begg ebenso kategorisch ab wie die Bestrebung, Islam müsse angeblich „reformiert“ werden. Wer den Islam „reformiert“, will ihn bekämpfen und letztlich vernichten. Er enthält alle Anlagen, alle Ausführungen, alle Notwendigkeiten, um jeden Muslimen an jedem Ort der Welt glücklich leben lassen zu können, ein freundlicher, friedfertiger, höflicher, fröhlicher und gern gesehener Mitbürger zu werden bzw. zu sein. Wer sich als Muslim an seinem (gastgebenden?) Land so stört, dass er glaubt Qualen zu erleiden, hat sich selbst als Mensch entdeckt, der seinen Qur’an entweder nicht gelesen oder nicht verstanden hat.

Einer wie auch immer gearteten „Vertretung“ im Islam würde ich mich vollständig verweigern – ihre bloße Existenz wäre die Verballhornung des Qur’an, die Verdrehung und Schwächung des Islam.

Aber eben auch das ist Islam: Muslime können unaufgeregt und höchst kontrovers zu empfindlichen Glaubensfragen Stellung beziehen. Sie alle sind von Allah genau dazu aufgefordert; das Lernen, Zuhören, Prüfen, kritische Hinterfragen sind wunderschöne, urislamische Disziplinen und viele Male klar und unmissverständlich im Qur’an gefordert. Muslime ringen jeden Tag mit sich und der Welt um ein immer noch besseres Verständnis ihres Glaubens. Sie richten sich jeden Tag neu aus und finden jeden Tag Gelegenheit, ihre Auffassung kritisch zu überprüfen. Lebendiger kann kein Glaube sein. Und so lebendig kann ein Glaube nur sein, der auf den Geist seiner Menschen vertraut und keine hilflosen wie von Beginn an überforderten Vertretungen errichtet, die sich im Zweifelsfalle an dem Glauben vergreifen und ihn schänden.

Schaut auf die Geschichte der Päpste! Wenn ich den derzeit amtierenden auch mag, so schaudert und schüttelt es mich vor einigen von ihnen. Viele von ihnen waren gierig und  grausam, sie haben Hunderttausende in den Tod geschickt, vergewaltigt, gebrandschatzt und ganze Landstriche verwüstet. Die Menschen haben sie geliebt, sie haben ihnen vertraut und wurden von ihnen belogen, betrogen und sogar auch verkauft.

Wir brauchen keine Vertretung, Bruder Moazzam Begg. Wir brauchen nichts als nur den Qur’an, unseren eigenen Verstand und unsere Liebe zu Allah und zum Propheten. Wenn wir das haben, haben wir alles, was uns den Weg ins Paradies zeigt.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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