Türkei und Satire – Wir sind ALLE Erdogan!

Mittlerweile sind Sie es ja gewöhnt, dass ich Sie direkt hinter der Überschift zu fassen kriege und erst einmal in eine ganz andere Vorstellungswelt entführe. So auch jetzt:

Wir denken uns, dass wir am dicht befüllten Straßenrand stehen, weil wir einer Parade zuschauen. Alles widmet sich den Kostümen und steht dichtgedrängt. Neben uns steht Mama Angela und die sagt zu ihrem Michael, in unsere Richtung schielend: „Na, der hat aber ein aufdringliches Parfüm.“ Wir können damit leben. Wir haben immerhin gewohnheitsmäßig ausgiebig geduscht, frische Wäsche angelegt und finden ganz und gar nicht, dass unser Parfum unangenehm wäre. Da gibt es Schlimmeres; wir erinnern uns an die Meute junger Frauen, die einen intensiven Duft nach Klosteinen hinter sich herzogen und dies offenbar ganz toll fanden.

Angela hat ihren Sohn bei der Hand. Der schielt zu uns hoch und faucht uns halblaut an: „Du stinkst. Boah ey, ich muss gleich kotzen. Wieder zuviel Hundescheiße gefressen, wa?“

Der Kleine ist wirklich aufgeweckt. Er schöpft aus seinen semantischen Möglichkeiten und bietet uns einen Text, der es an Kunstgriffen nicht mangeln lässt. Er ist Mama Angelas große Hoffnung und so, wie er vorträgt, wird er eines Tages berühmt. Er ist so reizend, der Kleine! So lange halten wir Ausschau nach jungen Talenten – werden wir hier fündig?

Jetzt zieht ein großes Tschingerassabumm an uns vorüber. Angela, Michael und ihr kleiner Jan sind vorübergehend abgelenkt. Der Kleine entsinnt sich unserer jedoch und kräht jetzt fröhlich in unsere Richtung: „Ey, Arschloch! Heute schon die Katze gefickt? Nein? Haste aber Bock drauf, oder? Letztens haste den toten Hund durchgezogen, ich habs gesehen. In der dunklen Gasse, weißte noch? Du mit heruntergelassener Hose und dem Kadaver vor dir. Scheiße hat das gestunken. Sachma, wie stark haste eigentlich gespritzt dabei? Oder waren das doch Tränen in den Augen des kaputten Köters? Boah ey, du stinkst wie ne ganze Pathologie im Sommer ohne Kühlaggregate.“

Ein wunderbarer, kleiner Kerl, nicht wahr? Wir amüsieren uns prächtig. Auch, als der Kleine seine pommesfettigen Finger an unserem Anzug abwischt, sehen wir den großen Künstler in ihm. Wir tippen Angela auf die Schulter und lachen: na, der wird Ihnen noch alle Ehre machen. Der ist zu Großem bestimmt, von dem wird die Welt noch hören. Kindermund tut Wahrheit kund, wir wissen das ebenso wie, dass Kinder grundsätzlich immer alles dürfen (müssen). Was auch immer sie tun, es ist wohlgetan und alles gerät ihnen zur Kunst.

Wunderbar. Wirklich. Das ist wahre Kunst. Satire darf eben umso mehr, je geistfreier sie ist.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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