Islam und seine Stimme

„Die leeren Fässer machen den lautesten Lärm.“

…. sagt ein altes, ich glaube: englisches Sprichwort. Und es stimmt.

In den zurückliegenden Jahrzehnten definierten sich erheblich mehr Menschen als je zuvor selbst als Bestandteil eines Scheuklappen-Islam, der mit knappen wie knackigen Kernsätzen daherkam und es schätzte, sich auf Überschriften reduziert zu sehen. Moderne Beobachter sprechen schon von einer „Modeerscheinung“, nach welcher sich dieser (eigentlich kastrierte) Islam für viele junge Menschen als Identifikationsplattform anbietet. Er dient als Gegenrezept zur Herabwürdigung, Geringschätzung und Hochnäsigkeit, die ihnen seitens der nichtmuslimischen Welt entgegen gebracht wird. Seine gewalttätige Komponente bietet eine vermeintliche Chance, sich genau dafür auch angeblich „berechtigt“ zu sehen, auch dafür rächen zu „dürfen“ oder dies sogar zu „müssen“.

Langsam, ganz langsam und auf jeden Fall um gute zwanzig Jahre zu spät dämmert manchen die Erkenntnis, dass man mit der Reaktion auf diese Muslime eine Sprechweise und Gangart implementiert hat, die auf jeden Fall auf alle Muslime durchschlägt – und somit auch diejenigen mundtot gemacht hat, die wirksame Helfer im Kampf gegen homegrown terrorism hätten sein können.

Gudrun Krämer, Islamwissenschaftlerin, hat jetzt der ZEIT ein Interview gegeben – hier ist der Link dazu: http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-03/muslime-islam-koran-terror

Dies Interview geriert sich nachgerade zum Armutszeugnis für den gesamten Westen und bescheinigt ihm nicht nur Kurzsichtigkeit, sondern auch Einäugigkeit bis hin zur schieren Dummheit.

Im Koran gibt es Passagen, die einen umstandslosen Einsatz für die Sache Gottes anempfehlen (das ist Dschihad), der auch Gewalt beinhalten kann, und sei sie auch in erster Linie Selbstverteidigung. Das wäre die dogmatische, normative Lesart.

Es liegt grundsätzlich immer Gefahr darin, vermeintlich nüchtern-objektive Wissenschaft an Texten dieses Charakters wie den Qur’an arbeiten zu lassen. Nicht das Ergebnis als solches kann fragwürdig ausfallen – wohl aber dessen Ausformulierung, und diese kann vom eher unbedarfteren Leser falsch aufgenommen werden. Von der Sche her hat Krämer zunächst einmal recht. Ich betrachte es allerdings keineswegs als „dogmatisch“ oder „normativ“, sondern als eher pragmatisch, wenn der Djihad nach qur’anischem Verständnis mögliche Gewaltanwendung nicht ausschließt. Das tut das deutsche Grundgesetz im Rahmen seiner „Notwehr“-Gesetzgebung schließlich auch nicht.

Der Djihad, und Krämer würde sich hier beeilen zuzustimmen, ist erst einmal nichts anderes als eine „Anstrengung“, die für den Islam unternommen wird. Und dieser dient im täglichen Leben als kommunikative und soziale Drehscheibe. Wenn ich als Nichtmuslim einer alten Dame über die Straße helfe, so bin ich „nett“. Tue ich dies als Muslim, könnte ich mich als „Djihadist“ bezeichnen, weil Islam diese Aufmerksamkeit der Dame gegenüber nicht nur als Nettigkeit, sondern als Dienst an Allah versteht und die Umstände, die man für diese Hilfe aufwendet, als „Anstrengung“, mithin als „Djihad“ definiert. Krämer belastet das Thema wohl weniger absichtsvoll, als vermeintlich erklärend ausschließlich nur um den Aspekt der Gewalt herum – das ist islamisch betrachtet falsch.

ZEIT ONLINE: Liegt in dieser Relativierung nicht auch ein Risiko?

Krämer: Absolut. Wenn das Wort Gottes durch die einzelnen Gläubigen frei gedeutet werden kann, birgt das auch Gefahren. Dieses Problem kennen Christen und Juden ebenso. Das ist ein Spannungsfeld, das in jeder Religion angelegt ist, die sich auf eine Offenbarungsschrift bezieht.

Das ist sogar objektiv leider falsch. Das Angebot der Deutungsfreiheit existiert im Christentum gar nicht – und über das Judentum erlaube ich mir mangels Kompetenz keine Aussage. Richtig jedoch ist, dass der Christ auf die offizielle Deutung theologischer Fragen direkt angewiesen ist, nicht nur Direktiven wie Definitionen „von oben“ erhält, sondern auch persönliche Verantwortung mit Hinweis auf Anweisungen aus seiner Kirchenhierarchie ablehnen kann. Merkwürdig finde ich, dass Krämer als „Islamwissenschaftlerin“ hier anscheinend sehr bewusst in eine bestimmte Richtung denkt und diese gravierenden Unterschiede verwässern will. Ausschließlich nur der Islam verlangt seinen Anhängern vollständige Eigenverantwortung ab; an mehreren Stellen des Qur’an wird eindrucksvoll davor gewarnt, sich ohne eigene Anstrengung einfach Positionen anderer anzueignen, die diese erarbeitet haben oder erarbeitet haben wollen.

Auch diese Passage finde ich merkwürdig:

ZEIT ONLINE: Gerade in Hinblick auf die Debatten über die Flüchtlinge scheint es, als würde über den Islam zumeist unter sehr negativen Vorzeichen diskutiert.

Krämer: Schwierig ist in unseren aktuellen Diskussionen, dass man die Flüchtlinge sehr stark unter dem Vorzeichen Islam sieht. Man misst sie vor allem daran, mit welchen koranischen Vorstellungen sie hier wohl leben wollen.

Ich halte es für vollkommen richtig, Fliehende nach ihrer Glaubensauffassung näher zu befragen bzw. sich dafür intensiv zu interessieren. Der Islam hat ihre jeweilige Heimat jahrhundertelang sehr stark beeinflusst, tradierte Gewohnheiten und Bräuche stellenweise vollständig eliminiert und neue implementiert. Islam hat sich dort selbst tradiert und in den Rang von Gebräuchen und Gewohnheiten gehoben. Eine derart intensive Beeinflussung kennen wir im Abendland nicht. Hier werden christliche Werte lediglich als Option und nicht als Selbstverständlichkeit und Basis des Zusammenlebens betrachtet.

Die Formel „Islam ist Kultur und Tradition und Kultur und Tradition ist Islam“ ist Krämer offenbar nicht bekannt.

Auf der einen Seite wehrt sich die Al-Azhar – die nach wie vor eine wichtige Instanz für die Sunniten in aller Welt ist – gegen eine Auslegung des Islam im Sinne der Extremisten, die sich allein auf die Aspekte der Gewalt konzentrieren. Auf der anderen Seite hat diese Haltung eine klar politische Ausrichtung: Sie stützt die hochautoritäre Politik von Präsident Al-Sissi.

Diese Aussage halte ich für baren Blödsinn. Wer vergewaltigt wird, ist kaum schuldig, durch seine bloße Präsenz den Übergriff herbeigewünscht oder begrüßt zu haben. Richtig ist, dass es der ägyptische Diktator ist, der sich der offiziellen Positionen der al-Azhar in recht großer Unverschämtheit selektiv bedient und immer genau die Passagen, Aufrufe, Rechtsgutachten und Empfehlungen einer al-Azhar zufällig grad mal nicht im Blick hat, die seiner Politik der Brutalität und Grausamkeit nicht das Wort reden. Ich finde es sehr seltsam, dass das offizielle Papier, welches über hundert hoch- und höchstrangige Gelehrte der gesamten, islamischen Welt in Richtung Terroristen verfasst haben und welches damit selbstverständlich auch jede Menge harscher Kritik an der ägyptischen Staatsführung enthält, Krämer offenbar nicht bekannt ist. Ich könnte es ihr zusenden. Es liest sich spannend.

ZEIT ONLINE: In europäischen Debatten hört man häufig den Wunsch, Muslime in Europa sollten sich stärker gegen den Missbrauch ihrer Religion durch Gewalttäter wehren. Halten Sie diesen Wunsch für richtig?

Was für eine schier blödsinnige, tendenziöse Frage ist das? Ich hätte da zusammen mit vielen hundert Millionen Menschen und europäischen Bürgern den dringenden Wunsch, die Demokraten Europas sollten sich stärker gegen den Missbrauch ihrer politischen Gesellschaftsform durch Gewalttäter wehren – und wo geschähe das nun? Akzeptieren wir nicht stillschweigend die Vergewaltigung der Demokratie durch eine ganze Reihe osteuropäischer Schrottstaaten und pumpen dennoch Milliarden Euros dort hinein?

Wo wäre schon mal ein europäischer Demokrat gehört oder gesehen worden, der sich anlässlich jeder einzelnen Nachricht aus Osteuropa auf ein Marmeladenfässchen gestellt und stereotyp gerufen hätte: „Ich distanziere mich als Demokrat in aller Form von den menschen- und freiheitsverachtenden Aktionen in Polen und Rumänien!“

Krämers Antwort auf diese Frage fällt aus, wie es nicht anders zu erwarten stand:

Krämer: Ja. Ich verstehe die Muslime sehr gut, die sagen, dass sie mit Gewalt und Terror nichts zu tun haben und sich auch nicht genötigt sehen wollen, dieses ständig zu beteuern. Trotzdem ist es notwendig, in Deutschland und Europa muslimische Stimmen zu hören, die dies tun. Und von einer nicht-muslimischen Öffentlichkeit muss man erwarten, dass sie diese Stimmen ernst nimmt.

Erstens wird von Muslimen etwas verlangt, was weder Europäer noch demokratische Europäer beherrschen oder tun. Zweitens steht selbstverständlich zu erwarten und ist auch permanent zu beobachten, dass solchen Muslimen sowieso niemand zuhört. Eher im Gegenteil: die Nichtswisser und Hetzer werfen uns dann „Taqqyia“ (also angeblich islamisch akzeptierte, arglistige Lüge und Täuschung) vor.

Wer als Europäer, als europäischer Demokrat hingehört hat, der hat seit Jahrzehnten ein beständiges Grundsummen vieler muslimischer Stimmen vernommen, die sich immer wieder aufs Neue distanziert haben und bis heute distanzieren. Ich habe den Unsinn selbst auch längere Zeit getrieben, bis ich die Sinnlosigkeit und einen gewissen Selbstverrat darin erkennen musste. Sowenig ich mich persönlich wie emotional mit den ewig weiteren Lügen, Foltern, Missbräuchen osteuropäischer „Demokraten“ auseinanderzusetzen oder mich gar dafür zu entschuldigen habe, sowenig erkenne ich als Muslim Notwendigkeit dazu.

Schade. Die ZEIT hatte kein glückliches Händchen mit der Auswahl des Interviewpartners. Ein Gespräch mit einem Tariq Ramadan oder eines Mouhanad Khorchide wäre möglicherweise spannend geworden, mit Krämer jedoch hat das Magazin seiner hehren Absicht leider einen Bären-, der Sache allerdings keinen Dienst erwiesen.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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