Europa – Entsorgung von Menschen

In den letzten Jahren tönt das Geschepper aus allen europäischen Parlamenten und Redaktionen, man habe hier hohe menschliche und philosophische Werte, die es zu verteidigen gälte, immer lauter. Zahllose Staatsmänner und -Frauen entblödeten sich nicht, Arm in Arm durch Paris zu marschieren und so einen hohlen Geist zu beschwören, der schon lange keinen Inhalt mehr hat.

(Ich zitiere aus: http://www1.wdr.de/daserste/monitor/extras/monitorpresse-ostafrika-100.html )

Ehrlich gesagt, entsetzt mich der Inhalt nur noch wenig. Irgendwie hatte ich kaum etwas anderes erwartet.

Vertrauliche EU-Dokumente belegen weitgehende Kooperationspläne mit ostafrikanischen Despoten in der Flüchtlingspolitik.

Mir war allerdings schon klar, dass die Anwendung der Abfallbeseitigungsphilosophie auf Menschen durchaus doch von dem einen oder anderen, vereinzelten Politiker als möglicherweise problematisch betrachtet würde. Allerdings war von vornherein sehr fest darauf zu vertrauen, dass man ein solches Störgefühl recht einfach überwinden kann. Es ist recht simpel, die Öffentlichkeit uninformiert zu belassen – denn zumeist schert sie sich ohnehin nicht um solche und ähnliche Vorgänge. Fast finde ich die Nachricht banal und würde auf Anfrage mit den Achseln zucken und flüstern: Ja und? Hat hier irgendwer irgendwas anderes erwartet?

Pläne sollten „unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit gelangen“.

Wenn sich ein europäischer Bürger bisher noch der Illusion hingegeben hatte, Menschen seien irgendetwas anderes als ein Wirtschaftsgut und daher nahezu beliebig einzukaufen und zu verschachern, zu verladen und wie Stückgüter zu (be-)handeln, dann wird er spätestens jetzt eines Besseren belehrt. Kein einziger der Politiker, die große Flüchtlingsmengen (am liebsten containerweise) in folternde Despotien entsorgen wollen, würde je selbst einen einzigen Fuß in eines dieser Länder setzen. Wir reden hier allerdings über Menschen, die von der Politik als Abfall betrachtet werden; jede Industrie rechnet in ihre Verkaufsumsätze unter anderem auch Abfallbeseitigungsgebühren ein um ihre Produktpreise sauber kalkulieren zu können. Für starke Waffenexporteure wie Europa sind unerschossene Menschen, die ihren Produkten entkommen sind und zu allem Überfluss auch noch hierher gelangen, ärgerliche Kostenpositionen. Es sind keine Kunden, sie produzieren nur weitere Kosten – also müssen sie verklappt werden. Wenn es keine unschöne Presse gäbe, würde man sie viel lieber ins Meer schütten wie damals die Dünnsäure durch die „Kronos Titan“ in der Nordsee entsorgt wurde. Das ist viel billiger.

Es dreht sich bei den ausgesuchten Abfallentsorgern speziell um Eritrea, Sudan, Somalia und Äthiopien. Kein einziges dieser Länder zeigt irgendeine, auch nur die geringste Bereitschaft dazu, selbst die niedrigsten Standards von Menschenrechten würdigen zu wollen. Im Falle Somalias zeigt sich die vollendete, übelkeitserregende und eiseskalte Zynik Europas: Schwärme riesiger, schwimmender Fischfabriken ziehen auch den letzten Hering aus somalischen Gewässern, die eigentlich von ihnen gar nicht befischt werden dürften. Das ist ein Umstand, den man ganz gerne mal und sehr zuverlässig „vergisst“, wenn von somalischen Piraten berichtet wird, die sich zu nicht geringen Teilen aus bankrotten Fischern aus Somalia rekrutieren. Dank zahlloser, militärischer Aktionen durch die USA und den Westen liegt Somalia vollständig am Boden und besitzt im Grunde gar keine Regierung – sondern nur eine „Regierung“, die, wie viele andere vor ihr, ganz bestimmt in Kürze auch wieder aus dem Amt gesprengt und geschossen wird. Ein Menschenleben kostet und gilt in Somalia überhaupt gar nichts.

Dorthin Menschen zu verfrachten heißt recht unmittelbar, sie zu töten. Und die Toten haben Glück, wenn sie ohne lange Folter vorher sterben durften.

Im Sudan sterben seit gut zehn Jahren und mehr Tausende durch einen Bürgerkrieg, der an Grausamkeit beinahe durch nichts und niemanden mehr zu übertreffen ist. Selbst ein sonst recht hartgesottener Hosni Mubarak knurrte aufgrund damals gegen Ägypten aufkommende Kritik: „Wenn Ägypten dort jetzt militärisch handelt, wird es dafür scharf kritisiert werden. Jetzt, wo es das nicht tut, wird es das auch.“. Es dürfte kaum ein Dutzend Menschen geben, die sich im sudanesischen Chaos noch auskennen. Das einzige, was man sicher weiß ist, dass immer wieder mal Hunderte von Menschen gezielt und auf einen Schlag mit Maschinengewehren niedergemäht werden und gerade Kinder und Frauen entsetzlich geschändet und gefoltert werden, bevor sie endlich sterben dürfen.

Zu Eritrea zitiere ich einmal die Frankfurter Allgemeine (Beitrag vom 13.10.2015):

Ein UN-Bericht über Eritrea aus diesem Sommer liest sich wie ein Bericht aus der Hölle. Er basiert zu großen Teilen auf Schilderungen von Flüchtlingen, denn die Menschenrechtsbeauftragte der Vereinten Nationen für Eritrea wurde nicht ins Land gelassen. Der Bericht spricht von Tötungen, willkürlichen Verhaftungen, Folter und Vergewaltigungen. Menschen werden in Straflager, Erdlöcher oder Schiffscontainer gesperrt, heißt es dort.

Das alles ist jedoch dann vollkommen uninteressant, wenn Europa eine größere Menge unliebsamer Menschen entsorgen will. Das alles zählt nicht; das wird man auf Anfrage später auf keinen Fall gewusst oder geahnt haben und wenn die ersten Hunderttausenden tot sind und wider Erwarten doch etwas ruchbar wird, kann man sich mit gespieltem Entsetzen politisch aus der Verantwortung für die Verklappung stehlen. Vermutlich liegen vorbereitete Interviews für diesen Fall bereits vorformuliert in den Schubladen. Darin wird es heißen: „Wir hatten zum Zeitpunkt der Entscheidung keine einschlägigen Erkenntnisse.“ oder auch: „Wir konnten auf die Zusage der Regierungen vertrauen, alle Menschenrechte zur Anwendung zu bringen.“ und: „Unsere Überprüfungen haben keine entsprechenden Hinweise ergeben.“

Natürlich.

Wir, die Gesamtheit aller Europäer, haben solche Umstände nicht nur ermöglicht, sondern auch durch unser Stillschweigen, unser gezieltes Weghören, durch unsere Untätigkeit direkt provoziert. Wir haben in Form unseres Europas nur das bekommen, was wir selbst ermöglicht haben. Dabei sind wir es selbst, die händeringend um Lügen und Selbstbetrug betteln und genau die Verdummung aktiv einfordern, unter der wir immer dann „leiden“ können, wenn uns wieder einmal Gesichtsverlust in Fragen wie der oben behandelten droht. Wir sind es, die immer sagen können wollen: „Ich habe das nicht gewusst!“. Wenn wir Millionen furchtbarer Nazis mit dieser Aussage haben davonkommen lassen, weshalb sollte diese Entschuldungsoption für diese Abfallentsorgung nicht auch für uns ziehen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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5 Antworten zu Europa – Entsorgung von Menschen

  1. seidwalk schreibt:

    Wenn alles nur „Schicksal“ ist, wenn also „sowieso“ alles so kommt und man schon deswegen nur „ja“ sagen kann, dann sollte das auch für das europaweite Erstarken des „patriotischen“ Gefühls, der neuen Suche nach Identität etc. gelten. Actio gleich Reactio. Dagegen wird dann freilich fleißig polemisiert.

    „Dass die Industrie sich in den Fliehenden eine größtenteils hochmotivierte Arbeitnehmerschaft für sich rekrutieren kann“ mag durchaus sein. Jeder der sich aber der Empirie aussetzt, wird einsehen müssen, daß eine „hochmotivierte Arbeitnehmerschaft“ nur nach dem Auswahlverfahren vorhanden sein wird. Ein großer Teil der Asylsuchenden ist gar nicht in der Lage, sich den europäischen Maßgaben anzupassen, vom Willen ganz zu schweigen. Da gibt es – soweit meine Erfahrungen tragen – deutliche ethnische Unterschiede und gerade die von Ihnen benannten Länder scheinen mir wenig günstige Voraussetzungen geschaffen zu haben – wohingegen die Hälfte der Syrer sehr gute Voraussetzungen mitbringen.

    „Die Bildungsaffinität unter Fliehenden ist ebenso extrem hoch“ – dazu sage ich erst gar nichts. Empfehle nur, als Lehrer in Flüchtlingsklassen zu arbeiten. Außerdem sind das keine „Fliehenden“ (oft nicht mal „Flüchtlinge“) – das ist die substantivierte Verlaufsform von „fliehen“ und bedeutete, daß diese Menschen momentan noch immer auf der Flucht wären. Wohin?

    Das hat mit Wagenburgmentalität alles gar nichts zu tun … und von Ghetto-Europa zu sprechen, geht an der Realität weit vorbei. Zeigen Sie mir eine offenere Weltgegend!

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    • echsenwut schreibt:

      „Schicksal“ ist ein missvertändlicher Begriff – leider auch von vielen Muslimen unter dem Eindruck, dass alles durch Allah vorbestimmt ist, allzu häufig falsch verstanden. Zugebenermaßen ist es nicht ganz einfach, unter dem Aspekt der Vorbestimmung den eigenen Willen zu erkennen und es bedarf einiges an Arbeit. Eine islamische Weisheit lautet: „Die Federn sind gehoben, die Tinte ist getrocknet.“ und dies soll sagen, dass alles, was wir frei entschieden haben, tatsächlich längst vorbestiimmt war.
      Unter diesem Aspekt wäre, wenn man Einblick in diese Vorbestimmung haben würde, die Situation in Europa selbstverständlich im Vorfeld zumindest zu erahnen gewesen, das ist richtig. Allerdings verlangt der Glaube uns ab, auch bei denkbar ungünstigsten Vorzeichen nebst berechtigter Sorge aufgrund eindeutiger Indizien, dass wir uns möglichst maximal einsetzen. Stillstand, Abwarten, Untätigkeit sind Muslimen nicht erlaubt; wenn dem nicht so wäre, so würde es den Islam vermutlich gar nicht mehr geben. Insofern wird ganz grundsätzlich immer mit Muslimen zu rechnen sein. Wir teilen die fragwürdige Schicksalsergebenheit anderer Religionen bzw. Denksysteme nicht.
      Wissen Sie … ich habe aufgrund meiner eigenen Erfahrungen und Reisen meinen eigenen Einblick in Bildungsniveaus nordafrikanischer Staaten. Angebot unnd Nachfrage in Bildungsdingen sind äußerst gering – aber gleichzeitig auch das Verständnis der Notwendigkeit. Sie werden in Ägypten beispielsweise als Kind eines Bauern die Hoffnung, sich durch Bildung etwa in die Position eines gut- oder gar hochbezahlten Akademikers begeben zu können, getrost fahren lassen können. Wenn Sie nicht über hervorragende Netzwerke verfügen, werden Sie mit etwas Glück immer Bauer bleiben. In den ersten Fluchtwelllen gelangten nicht gerade die Oberschichten der betroffenen Länder zu uns – es waren zumeist die ganz einfachen Leute ohne (finanziellen) Rückhalt, ohne Optionen und somit ohne jede Hoffnung, die sich aus den Trümmern ihres Lebens auf den Weg gemacht hatten. Und darin stecken eben sehr viele, für die der Gedanke an (höhere) Bildung nicht gerade präsent war. Allerdings zeigen belastbare Zahlen der EU und auch der Bundesregierung, gestützt durch etliche Gutachten, dass gerade diese Menschen innerhalb kurzer Zeit erkennen, dass sie erstens Zugang zu Bildung und zweitens darauf basierend plötzlich ECHTE Chancen für ihre Zukunft haben. Die Friedrich-Ebert-Stiftung etwa veröffentlichte vor ungefähr zwei Jahren noch eine Untersuchung, nach welchem die Erfolgsquote von Besuchern höherer Schulen und Universitäten deutlich angestiegen ist und zwischenzeitlich die Quote erfolgreicher Absolventen unter „Biodeutschen“ etwa überflügelt. Das sollte uns einerseits zu denken und andererseits die deutliche Botschaft geben, ausgerechnet (!) diese Klientel gut zu fördern; sie werden es durch Effizienz der eingesetzten Steuermittel dadurch danken, dass ein sehr hoher Prozentsatz von ihnen dereinst lukrative Steuerzahler sein wird.
      Mir geht jedes Verständnis für die innere Haltung eines Landes vollständig ab, welches einerseits prächtig an der Zerstörung und Ausbeutung aller Teile der Welt verdient und daraus seinen märchenhaften Reichtum aufbaut und gleichzeitig Isolationismus betreibt. Ausgerechnet Deutschland hat die unverhandelbare Aufgabe, Vertreter aus der gesamten Welt freundlich zu empfangen und sich so weit notwendig zu spreizen, ihnen ein auskömmliches, ehrenhaftes, würdevolles und gleichberechtigt chancenträchtiges Leben zu ermöglichen. Das mag sich polemisch anhören, ist jedoch meine unerschütterliche Meinung als Kosmopolit.
      Europa darf ja seine kulturelle Haltung bewahren, es darf sie jedoch keinesfalls eifersüchtig und geradezu feindlich anderen Menschen oktroyieren. Jeder Mensch muss das Recht darauf haben, hier so wie in seiner Heimat auch zu leben. Das gilt zwar grundsätzlich immer nur zu der Bedingung, dass beispielsweise unsere grundgesetzlich verankerten Rechte und Pflichten zu beachten sind – aber keinesfalls darüber hinaus. Den Gedanken an Assimilation lehne ich brüsk ab; sie bedeutet nur eine Entwürdigung anderer Kulturen. Selbst Integration ist zweifelhaft und nur in engen Grenzen einzufordern. Man mag den Gedanken, wir hätten hier in Europa angeblich eine alte, uns alle verbindende Kultur, noch so sehr beschwören – er ist sachlich falsch, eine Einbildung, eine nie realisierte Vision, ein gefährlicher Traum und nur angetan dazu, Feindseligkeiten zu provozieren. Wer sich ein wenig tiefer mit der Historie beschäftigt lernt sehr, sehr schnell, dass auch Europa nichts als ein loses Sammelsurium sehr vielfältiger, stellenweise stark unterschiedlicher Bräuche, Traditionen, Glaubens -und anderer Wertesysteme darstellt und in der gegebenen Form erst seit ein paar Jahren existiert – wenn man diese Prägung mit der vergleicht, die in den Köpfen und Herzen Flüchtender zu uns gelangt.
      Bisher haben wir die Chance, Europa durch den Zustrom von Fliehenden für die unaufhaltsam herankommende, totale Globalisierung fit zu machen, sträflich durch Engstirnigkeit und vor- wie angebliche „Ängste“ vertan. Die Geschichte wird uns, davon bin ich überzeugt, eines Tages dafür bestrafen und spätere Generationen werden den Kopf mit der Frage schütteln, was wir uns heute bloß dabei gedacht haben.
      Die Idee, Fliehende als solche zu bezeichnen und nicht als „Flüchtlinge“, basiert auf zwei Gründen, die überhaupt nicht auf meinem Mist gewachsen sind (so wie ich mich heute darauf konzentriere, den Idiotenhaufen im Irak nicht als „Islamischen Staat“ zu bezeichnen!):
      Zum einen, weil wir die Fliehenden noch lange nicht ankommen lassen, wenn sie hier angekommen sind. Wir stopfen sie von einem Provisorium ins nächste und selbst wenn sie erst einmal eine feste Behausung statt einer Turnhalle oder eines Zeltes beziehen beeilen wir uns ihnen mitzuteilen, dass sie noch lange, lange Zeit nicht Herr ihres Aufenthaltsorts oder ihrer Zukunft sein werden. Wir halten sie gedanklich im Zustand der Flucht fest und nehmen ihnen jede Initiative.
      Zum zweiten höre ich von Linguisten und Psychologen, dass der Begriff aufgrund seiner Endung „-ling“ eine marginalisierende und herabwürdigende Note hat (vgl. „Frischling“, „Däumling“, „Fäustling“ u.v.m.). Diese Leute kommen ohne jeden staatspolitischen Aspekt in ihrer Disziplin zum Schluss, dass der Begriff „Flüchtlling“ zu vermeiden sei.
      Dies zunächst einmal aus dem wunderschönen – wenn auch windzerzausten – Dänemark! 😉

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  2. seidwalk schreibt:

    Die Empörung über derartige Verladeaktionen und ökonomische Zynismen teile ich voll und ganz. Wir kreieren eine neue Form des Sklavenhandels.

    Aber die Sache hat viele Gesichter. Die Situation in den Herkunftsländern sollte sehr differenziert betrachtet werden, im Idealfall individuell. Daß die Menschenrechtsberichte nicht im luftleeren Raum entstehen und ebenfalls politisch motiviert sind, darf nicht vergessen werden: Es stehen auch dahinter Interessen und zwar nicht nur rein humanitäre.

    Am Bsp. Eritrea habe ich mal versucht, das deutlich zu machen. Wenn man einen anderen Blickwinkel einnimmt (hier den italienischen) und mit den Eritreern spricht, kann es sich anders darstellen: https://seidwalkwordpresscom.wordpress.com/2016/01/15/eritrea-unplugged/

    Zweifelhafte Berichterstattung wird bei anderen Ländern nicht viel anders sein.

    Und dann gibt es natürlich auch die Heimsicht. Ich hatte bei meiner Flüchtlingsarbeit eine ganze Reihe Somalier zu betreuen und diese (relative) Erfahrung macht mich wenig optimistisch in Hinblick auf eine „Integration“. Es ist nicht auszuschließen, daß ein Großteil dieser Männer Fremdkörper in der westlichen Gesellschaft bleiben wird und dann stellt sich schon die Frage, warum die Gesellschaft ein Interesse daran haben sollte – aus reinem Eigeninteresse – solche Menschen in Massen aufzunehmen bzw. zu behalten?

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    • echsenwut schreibt:

      Im Falle Eritrea verbleibt für mich die objektive, nüchterne Erkenntnis, dass sich dies Land in einem latent prekären Zustand zwischen Krieg und Frieden befindet und eingekeilt zwischen kriegführenden Staaten und (z.T. sehr extremistischen) Banden liegt. Zudem ist die wirtschaftliche Lage höchst desolat und allein die Tatsache, dass Leute gegen ihren Willen ins Militär gepresst und zumindest theoretisch ihr halbes Leben dort verbringen können, spricht für eher an Despotie erinnernde und allgemein höchst bedrohliche Zustände. Ein solches Land kann unter keinen Umständen als „sicheres Herkunftsland“ deklariert und somit keinesfalls als Empfängerland für abgewiesene Flüchtlinge anerkannt werden. Zudem fußen die Vorwürfe von eklatanten Menschenrechtsverletzungen auf durchaus neutral belastbaren Berichten.
      Mir ist völlig klar, dass Europa mit Fliehenden aus diesem Raum langfristig Arbeit (an sich) wird leisten müssen. Ich sehe all die Menschen, die da zu uns kommen, andererseits als ganz ungeheure Option: erstens weiten sie den europäischen Blick auf außereuropäische Fragen, weil ihnen durch die dann eigenen Bürger wesentliche Kompetenz zuwächst. Andererseits hat zwischenzeitlich sogar die Wirtschaft erkannt, dass sie in den Fliehenden eine größtenteils hochmotivierte Arbeitnehmerschaft für sich rekrutieren kann. Die Bildungsaffinität unter Fliehenden ist ebenso extrem hoch wie ihre Bereitschaft, sich für ihre neue Heimat auch einzusetzen.
      Die Globalisierung ist definitiv nun mal nicht mehr aufzuhalten; das Ghetto-Europa der Gegenwart wird sich in die Welt integrieren müssen – Wagenburgmentalität schadet da nur. Ob irgendjemand das nun gut findet oder auch nicht, ist dabei vollkommen unerheblich. Es bleiben letztlich nur zwei Optionen übrig: entweder wir gehen mit unserem isolatorisch-vernagelten Europa unter und verkommen zu einem armen Kontinent, oder wir öffnen uns, unsere Grenzen und Köpfe und können unseren Platz nahe der Spitze in der Welt behaupten. Eines Tages wird es sowieso so sein, dass kaum noch ein Mensch eine „geradlinige“ Herkunft aufweist, dass sich alle Haut- und Denkfarben fröhlich gemischt haben werden.
      Irgendwann wird sowieso eine Aishe neben Martin und Omar im Sandkasten spielen und niemandem wird irgendetwas daran auffallen.

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