Die wütende Echse unter Wikingern



Seit Samstag befinden wir uns in Dänemark. Da so ziemlich alle nordafrikanischen Länder für alle möglichen Aufenthalte derzeit und auch in zumindest mittelbarer Zukunft nicht in Frage kommen, fiel die Wahl auf das zumindest zweitliebste Reiseziel meiner Frau. Sie hat wundervolle Kindheitserinnerungen an dieses Land und ich selbst habe es einige Male begeistert bereist.

Zugebenermaßen könnte das Wetter besser sein, auch wenn mich Umstände dieser Art nicht sonderlich stören. Immerhin habe ich absichtsvoll auch Ägypten zur Zeit seines Hochsommers bereist, und da erreichen die Temperaturen im Süden ganz gern schon einmal mehr als fünfzig Grad – im Schatten.

Dahinjagende Wolkenflotten gehören ebenso zum Land der Wikinger wie die gerühmten, weißen Meerstrände samt ihrer Dünen, dem unvermeidlichen Danebrog an jedem zweiten Haus und den witzigen Außenspiegeln an den Wohnzimmerfenstern. Es geht ein beständiges Sausen und Brausen, das die Bäume zaust und biegt. Ich beobachtete eine einzelne, dicke Hummel, die ihre Schwierigkeiten damit hatte und ärgerlich um unser Ferienhaus in eine einigermaßen windstille Ecke brummte.

Ich finde den Kontrast zu meinen sonstigen Reisezielen anregend und amüsant; da ich mich selbst als xenophil betrachte, wartet an jeder Ecke großes Vergnügen auf mich. Ich liebe es, etwas Neues, Unerwartetes zu entdecken, mich in bisher unbekannte Landschaften zu begeben und andere Lebensrezepte kennenzulernen.

Eine etwas ausgedehntere Tour führte uns an der Nordseeküste Jütlands nach Hvide Sande und dort entdeckte ich wider jedes Erwarten tatsächlich eine Jugendherberge, in welcher ich vor über vierzig Jahren einmal eine Zeit verbracht hatte. Bilder aus tiefer Erinnerung stiegen in mir auf wie Perlen im Mineralwasser und plötzlich sah ich mich selbst, wie ich als Teenager mit einer schweren Einkaufstasche voller Cola und allerlei Sonstigem die damals noch beinahe völlig einsame Landstraße entlangmarschierte. Obschon sich die Gegend um den seinerzeit noch recht beschaulichen Fischerort durchaus rasant verändert hatte und heute von großen Mengen Ferienhäusern geradezu bepflastert ist, erkannte ich den herben Charme der Küstenregion sofort wieder. Zm Teil recht hohe, wilde und hügelige Dünen mir ihren frischgrünen Büschen, die vom Wind arg gebeugt werden, weichen landeinwärts zurück vor weiten Flächen, die mit kurzen, harten und bunten Gräsern bewachsen sind.

Ein herzhafter Imbiss in einer Fischräucherei ließ uns daran denken, dass in dieser Region jahrhundertelang wohl kaum anders als mit dem Meer ein Auskommen zu verdienen war und eine liebevoll gemachte Touristenbroschüre wies leise darauf hin, dass das harte Leben der Fischer für eine tief und inbrünstig gelebte Religiosität gesorgt hatte, die sich in zahllosen Kirchenbauten im Land niederschlug.

Ich finde Dänemark ungemein reizvoll und schon meine ersten Reisen zusammen mit Frau und Familie haben es mir erfolgreich nähergebracht. Alle amüsieren sich über mein spezielles Amüsement; zugegebenermaßen stellt mich ein Alltag in Arabien vor weniger Probleme als einer in Dänemark – was mich selbst ungemein erheitert. Erst vorgestern erntete ich einen halb ernsten Blick von meiner Frau, als mich das Problem, vor einem Discounter einen Einkaufswagen zu bekommen, ganz aufrichtig belustigte. Ich stellte nämlich spontan fest, dass ich weder ein halbes Bröckchen von der Sprache verstand, noch eine taugliche Münze parat hatte und mehr oder weniger wortlos eine Flasche Erdbeerfanta kaufte, bloß um an Wechselgeld zu gelangen.

Wahnsinn, dachte ich. In Kairo stapfst Du einfach auf alles los, und in Dänemark lernst Du zu verstehen, welches Problem jemand haben kann, der nicht zuhause ist, wo er sich gerade aufhält.

Nun sind die Dänen, wenn sie jemanden nicht sofort als Deutschen identifizieren, ein hoch angenehmes, mildes und heiteres Völkchen. Sie sind höchst hilfsbereit und aufmerksam – soweit man solches pauschalisieren kann und vor allem darf. Mir sind jedenfalls noch keine anderen aufgefallen.

Durch unseren Sohn, Fernfahrer von Beruf, hörten wir bereits von der dänischen Angewohnheit der Bauern, sich mit ihren Treckern entweder hart an die rechtes Seit zu drücken um ein Überholen zu ermöglichen, oder sich dazu gleich ganz auf einen Parkstreifen zu bewegen. Für Deutsche kaum zu glauben, wir haben es aber in den letzten Tagen gleich mehrfach selbst erlebt. So kann ein winziges Beispiel aus der freien Wildbahn zur Lehrstunde für ein warmherziges Miteinander sein, dachte ich.

Jetzt in diesem Moment gewährt uns das Meer ein wenig Gnade und liefert nur sehr wenig Wolkennachschub. Der Wind lässt ein wenig nach und unsere ältere Hündin liegt auf einem Sonnenfleckchen hinter der Terrassentür, blinzelt in einen Sonnenstrahl und wartet auf noch besseres Wetter.

Es ist noch ein Spaziergang angedacht und wegen des für sie harten Windes wird sie uns wieder einmal eher vorwurfsvoll statt hoffnungsfroh anschauen.

Für morgen steht eine ausgedehntere Tour an; sie wird uns von Jütland über die Storebelt-Brücke nach Seeland und in den alten Urlaubsort meiner Frau führen, in welchem bis vor wenigen Jahren noch eine uralte Tante von ihr gelebt hatte.

Schon gestern haben wir zwei uns gegenseitig versprochen, im nächsten Jahr genau dort wieder einmal einen größeren Urlaub im Sommer zu verbringen – und schon heute freue ich mich auf das zauberhafte Seeland mit seinen hübschen Häusern mit den Stockrosen davor, auf Roskilde, auf das uralte Shakespeare-Schloss, auf die zahllosen, manchmal schweinchenrosa angestrichenen Kirchlein.

Für mich ist Dänemark wirklich ein harter Kontrast und es mangelt dem Land wirklich an Palmen, Wüsten, sengender Hitze und gigantischer Tempelanlagen. Hier gibt es nur wenige Moscheen, überhaaupt gar keine Turbane und den geliebten Guaven- und Zuckerrohrsaft suche ich hier ebenfalls vergebens. Dafür aber finde ich haufenweise anderes, ganz anderes und überhaupt keinen Unterschied im Lächeln der Menschen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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