Israel – allerlei Geschichts- und Wortspielchen

In der letzten Zeit fallen mir zahlreiche Versuche sowohl der arabischen, als auch der israelischen Seite auf, die ihr jeweiliges Gegenüber durch Versuche, ihr entweder jedes historische Gewicht zu nehmen oder sich anzueignen, zu deklassieren versuchen. Leider fallen immer mehr Menschen auf derartige Spielchen herein.

Allerdings gelingt dieser Versuch immer nur dort, wo sich der Blick mehr oder weniger bewusst und zielgerichtet einengt und sich selbst allzu freiwillig Scheuklappen aufsetzt. Hätte wegen solcher und ähnlicher Spielchen nicht soviel Blut fließen müssen – beinahe könnte man sich über soviel Einfältigkeit köstlich amüsieren.

Es gibt ein Gegenmittel dagegen: es heißt Konsequenz.

Denn wenn man der palästinensischen oder wahlweise israelischen Seite zuneigt und das jeweilige Argumentationsmuster auf globale Verhältnisse umlegt, tritt die Unsinnigkeit, ja geradezu versponnene Bösartigkeit darin klar zutage.

Israelis argumentieren, es habe angeblich nie ein „Palästina“ gegeben und wollen das Wort auf das historisch nur wenig belegte Volk der Philister bezogen sehen. Palästinenser argumentieren, es habe seit nunmehr Jahrtausenden überhaupt kein „Israel“ (mehr) gegeben und sämtliche Ansprüche auf dies untergegangene Königreich seien seit Jahrhunderten von der Welt verschwunden. Das ist alles unglaublich haarsträubender Blödsinn.

Widmen wir uns der israelischen Argumentation: die Behauptung, es habe nie ein „Palästina“ gegeben soll suggerieren, Israel habe sich auf ein eigentümer- und identifikationsfreies, somit eigentlich „leeres“ Gelände begeben welches nur auf ordentliche Bürger eines modernen Staates gewartet habe. Das ist natürlich fanatisch stark eingefärbter, hanebüchener Unsinn. Mit dieser grotesken Behauptung könnten sämtliche Kolonialmächte der zurückliegenden, zwei Jahrhunderte mit Geheul und Gebrüll aufs Neue in Afrika einfallen – denn wo hätte es zur Zeit der großen Raub-, Beute- und Quälereizüge nach westlichem Standard gegründete „Staaten“ gegeben?

Natürlich ist das Gegenteil völlig korrekt: die Bewohner der Region waren, bis Großbritannien die Gebiete gewaltsam aus dem Repertoire des niedergeworfenen, Osmanischen Reiches gerissen hatte, die Bürger eben dieses „Osmanischen Reiches“ künstlich ihrer gegebenen, staatspolitischen Identität beraubt- und diese waren somit nie geschichts- oder identitätsfrei. Die Erklärung, Palästina befände sich nun als Eigentum unter der englischen Krone, war selbstverständlich einseitig und hatte keine Zustimmung aus der Bevölkerung. Diese Aneignung war natürlich völlig substanzlos und nichts als ein bloßer Raubzug Englands.

Umgekehrt gilt letztlich das gleiche: Behauptungen von Palästinensern, das Gebilde namens Israel sei ein künstlich implantierter Fremdkörper ohne jede Rechtfertigung, ermangeln ihrerseits ebenfalls jeder nüchternen und objektiven Begründung. Es gibt sehr wohl Gründe für Juden, im fraglichen Gebiet zu siedeln und völlig zu Recht verweisen sie auf eine Geschichte von Gewalt, Folter, Massenvernichtungen und blankem Hass, der ihnen beinah überall auf der Welt entgegenschlägt. Ebenso ist ihre Feststellung richtig, dass sie in Palästina eine historisch recht gut belegte Geschichte hatten und bis heute ihre heiligsten Zentren dort haben.

Mit der Argumentations-„Technik“ Israels und seiner allzu oft vernagelten Unterstützer erkläre ich feierlich, spätestens morgen nach Tansania zu fliegen und dort die deutsche Reichsflagge hissen zu wollen. Denn, seien wir ehrlich, was soll der Quatsch mit der Benennung deutschen Landes als „Tansania“? Haben wir dort nicht dereinst einmal geherrscht? Dann ist’s unser! Von dort zurückgekommen, hisse ich ein germanisches Bärenfell in Frankreich – denn dort hatten die Germanen weite Teile unter ihrer Herrschaft. Herr Putin wird unserer Angela in Moskau den Stuhl im Kreml überlassen müssen – denn auch dort waren deutsche Streikräfte und übten deutsche Herrschaft aus. Übrigens werden wir uns auf russischem Staatsgebiet einen Krieg mit Frankreich liefern müssen – denn Napoleon Bonaparte war auch schon mal da. Und weshalb dort aufhören? Verleiben wir uns gerechtfertigt durch Israel Italien ein! Das war über Generationen deutsches Eigentum! Es gäbe da noch einige interessante Liegenschaften in China übrigens ….. verhandeln wir mit Peking, bevor wir unsere Streitkräfte gegen China mobilisieren damit wir uns mit Gewalt zurückholen, was nach israelischem Willen uns Deutschen gehört.

Allen launig, ja zynisch daherkommenden, oben dargestellten Argumentationfäden, die israelischen Gedanken folgen, ist eines gemein: ja, es ist richtig. In allen genannten Gebieten bestand zumindest vorübergehend eine allgemein (wenn auch zähneknirschend) akzeptierte Regierung durch Deutschland. Mal währte sie Jahre, mal nur wenige Wochen – aber wer wollte ein qualitatives Urteil über die Dauer einer Herrschaft fällen? Und diese Herrschaft endete. Wenn ich also auf Basis eines verrenkten, völkischen Gedankens, der eine längst untergegangene und sehr mühsam heute durch Archäologen zutage geförderte Geschichte als Rechtfertigung für eine heute ausgeübte Herrschaft bemühe, muss ich diese Idee natürlich auch jedem anderen zugestehen. Dann hören eine USA sofort auf zu existieren; sie wurden auf dem zusammengeraubten Eigentum der Ureinwohner gegründet und verlören sofort jede Existenzberechtigung. Belgien würde hinweggefegt vom Vakuum der Geschichte – es hat keine nationale, dauerhafte Geschichte.

Ebenso ist „Palästina“ nicht wegzudiskutieren und dass dies doch geschieht, kann ich mir nur als sehr boshaften Scherz abgeprallter Historiker erklären. Historiker, die sich einen bösen Spaß daraus machen und ziemlich genau wissen (müssen), was sie damit eigentlich anrichten. Denn wenn dem so wäre, dann muss Deutschland entweder in Germanien umbenannt werden, was globalem Konsens entspräche. Und dann müsste Germanien über seine alten Stammesgebiete herrschen – das würde Polen und weite Teile Frankreichs eliminieren. Oder man folgt der Linguistik: „Deutsch“-Land ist eine lautmalerische Version aus der Geschichte und folgt dem Wortstamm „Teutonisch“. Dann ist die gesamte Welt ratlos; wenn man Wikipedia Glauben schenken mag, erstreckte sich der Stamm der Teutonen als Sammelbegriff für Kelten und Germanen irgendwie letztlich über ganz Europa. Schick! Gründen wir „Berlin II“ in Schottland!

So wie sich verhetzte Kräfte beider Seiten bösartig um die jeweils anderen Glaubensbekenntnisse bemühen, so zitieren sie plötzlich in aller (Schein-) „Heiligkeit“ ihre eigenen, solange es ihnen frommt. Da wird ein Tanach zitiert und wer immer das tut, der stellt seine persönliche Dummheit unter Beweis: nur sehr wenige, historische und politische Begebenheiten der Region sind auch nur halbwegs nachvollziehbar geschildert, viele werden von der modernen Wissenschaft rundheraus ins Reich der Legende verwiesen. (Vorgebliche?) Muslime zerreißen den Qur’an und wollen aus ihm abgeleitet sehen, dass angeblich alle Juden zu massakrieren seien und kein Israel existieren dürfe. All diese Texte mögen dem Glaubenden dienen, ihm Trost, Frieden und eine Zukunft schenken – eines aber können sie in keinem Fall: Rechtfertigung für modernes, (staats-) politisches Leben und territoriale Entscheidungen liefern. Dazu sind sie erwiesenermaßen zu ungenau, zu falsch, zu einseitig. Und hier könnte man sich unter der Voraussetzung, dass alle beteiligten Parteien der gleichen Schrift folgen, noch durchaus dehnen und verlangen, dass dann eben auf dieser allgmein anerkannten Basis eine Einigung zu erfolgen habe. Das ist hier aber nicht der Fall.

Wir haben eine existierende Realität. Wir mögen sie uns alle anders wünschen – aber die Wirklichkeit ist die, die ist. Und Israel ist genauso Realität wie Palästina; dieser Erkenntnis entkommt einfach niemand. Wer die eine oder die andere Identität auslöschen will, begeht Völkermord und macht sich schuldig vor jedem Menschen und vor der Geschichte. Und dies Thema, für das soviele schon gestorben sind, erträgt keinen Spaß und kein „Ich wollte ja bloß…… Ich hab das ja nicht so gemeint.“

Es ist hohe Zeit dafür, allen Hetzern und sonstigen, kranken Fanatikern in der ganzen Regionen alles Schießgerümpel aus den Händen zu nehmen und sich auf die Zukunft zu besinnen. Und die existiert nur in einem gemeinsamen, arabisch/israelischen Staat. Viele Kolonialmächte haben sich im Laufe der Zeit ihren eigenen Verbrechen aus ihrer eigenen Vergangenheit gestellt und nicht wenige von ihnen leben heute in Frieden mit der indigenen Bevölkerung zusammen. Und es ist häufig mehr als bloße Koexistenz; es ist eine Form von Vermischung, wie sie nur  wünschenswert sein kann auf einer Erde, die nach dem Atomzeitalter auf den Kosmos schaut und Anstrengungen unternimmt, einen globalen Konsens zur Rettung der eigenen Heimatwelt zu erzielen. Aber wir, die übrige Welt, wir müssen dies moderieren. Nur Waffen, Konsumgüter und ein fragwürdiges Solidaritätsgefühl dorthin zu exportieren, reicht schon lange nicht mehr. Und wie wir sehen, sind die direkt Beteiligten selbst offensichtlich absolut unfähig, ihren irrationalen Konflikt zu bearbeiten. Aus ihren eigenen „Bemühungen“ resultierten bisher nur Tote und Tränen, Bombenkrater und Gräber, Schreierei und Fäusteschütteln.

Nennen wir es dereinst vielleicht Israstina oder von mir aus Palrael – mir egal. Solange eines dieser Gebäude in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommt.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Israel – allerlei Geschichts- und Wortspielchen

  1. Tourix schreibt:

    Ich hatte mal ähnlich wie sie gedacht, aber mit zunehmenden Informationen hat sich dass geändert.
    Das wesentlichste Argument für das israelische Vorgehen ist: Das die Israelis / bzw. die Juden sich geschworen haben, dass sie sich niemals wieder wie ein Schaf zum Henker führen lassen werden
    (wie im dritten Reich geschehen).
    Man kann über die Details sicher diskutieren und manches kritisieren, aber man muss auch noch berücksichtigen, dass wir hier nur einen Bruchteil von dem erfahren, was in Israel und Palästina vorgeht.
    Z. B. wurden mal 2 Raketenangriffe mit ein paar Scud-Raketen vom Gaza-Streifen auf Israel berichtet. Die Tatsache aber war, dass damals weit über 100 Raketen auf Israel flogen.
    Wenn sie sich tatsächlich über die Details informieren wollen, dann empfehle ich ihnen den Heplev-Blog.

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    • echsenwut schreibt:

      Sie haben ja größtenteils Recht …. und ich habe einen ganz ähnlichen Weg wie Sie genommen, wenn auch mit „umgedrehtem“ Ausgang. Als junger Hüpfer hatte ich mich nachhaltig um die Möglichkeit bemüht, für die „Aktion Sühnzeichen“ meinen Zivildienst in einem israelischen Kibbuz abzuleisten. Leider gab es damals für mich keinen freien Platz mehr. Aus Gründen, die sich mir erst buchstäblich Jahrzehnte später nach und nach erschlossen, lagen mir damals Land und Leute wirklich sehr am Herzen.
      Aber mir ging es wie Ihnen: je mehr ich mich um objektive Informationen bemühte, desto intensiver erhielt ich Kontakt und Einblick – und habe mich furchtbar erschrocken. Natürlich stimme ich Ihnen zu (und Sie werden weder in meinem blog noch in meiner Seele etwas anderes finden!), dass die ersten Siedler in Israel voll von furchtbaren Traumata waren. Es waren schwerpunktmäßig auch nicht einmal sie, die aus diesem Israel nachhaltig einen Verbrecherstaat gemacht haben, der Menschenrechte mit Füßen tritt und mit seinen „Feinden“ kaum noch anders umspringt als das nationalsozialistische Deutschland mit ihnen. Israel versteht es, eine ungeheure Vielzahl von „Vorfällen“ medial zu ersticken, die in ihrer Gesamtheit leider ein furchtbares Bild vervollständigen. Das Fass lief für mich vor etwa zehn Jahren über: ich hatte über eine verlässliche Organisation eine umfangreiche Lebensmittelspende in den Gaza-Streifen gelenkt und mich nach guter, muslimischer Art darüber unglaublich gefreut, dass ein oder zwei Familien davon dankbar in Gedenken an den unbekannten Spender essen konnte. Nur etwa zwei Wochen später legte Israel dies Gebiet unter schweres Feuer und vernichtete unterschiedslos mit Raketen und großkalibrigen Kanonen mehrere tausend Menschen. Nur wenige davon, ein verschwindend geringer Bruchteil, zählte zu den Extremisten. Das beinah genauso Schlimme an diesem Massaker aber waren die Kreischereien in Israel, die Freudentänze, wenn begeisterte Zuschauer vom israelischen Gebiet aus die schweren Explosionen in den Wohngebieten verfolgten und Treffer mit besonders großem Vernichtungs-„Erfolg“ mit Jubeln und Klatschen begleiteten. Allerspätestens da verlor ich sämtliche Tagträume und die Eisenklammer, die Israel mit seinen unterdrückten und geschönten Berichten der Welt um den Kopf legt, sprang ab. Israelische, jüdische Extremisten würden nun höhnisch auflachen – Sie dürfen mir aber glauben: ich bin ganz bestimmt ein WIRKLICHER Freund Israels und in einiger Hinsicht sogar sein Bewunderer. Deshalb ja mein leidenschaftliches Engagement: ein FREUND packt seinen Freund und schüttelt ihn verzweifelt, bettelt und schreit ihn an, wenn er bemerkt, dass dieser plötzlich furchtbare Verbrechen begeht.
      Ich bemühe mich höchst intensiv um Objektivität und frequentiere (noch nicht einmal zu neutralen Informationszwecken!) überhaupt GAR KEINE grenzwertigen oder gar extremen Medien. Daher glaube ich tatsächlich, dass mein Bild von der Region das nüchternere und klarere ist. Mir geht es darum, den Freund zu schütteln, aufzuwecken und zum Innehalten zu bringen – nicht, ihn zu vernichten.

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