Mammut & Mensch – wo wären da „Werte“?

Gestern abend erklärte eine Wissenschaftlerin in einer Dokumentation ihre Faszination, anhand einer hervorragend erhaltenen Mammut-Mumie, der konkreten Fundlage und der durch Labor und Mikroskop erhobenen Befundlage  nicht nur die letzten Stunden, sondern offenbar auch das gesamte Leben des Tieres erzählen zu können. Videoaufnahmen des toten Tieres ließen tatsächlich das Majestätische und gleichzeitig Tragische erkennen.

Es war wohl eine knapp sechzig Jahre alte Kuh und man hatte nachvollzogen, dass sie wohl insgesamt in ihrem Leben 8 Kinder bekommen hatte, bevor sie mit den Vorderbeinen im Sumpf an einem Teich tief einsank. Auf diese Weise hilf- und wehrlos, wurde sie, noch lebend, von offenbar mächtigen Räubern angegriffen und starb dadurch einen grausamen Tod. Der Rest ihrer Herde ist wohl weitergezogen – und, erdgeschichtlich betrachtet, kurze Zeit später ist ihre gesamte Art ausgestorben. Fortan gab es keine Mammuts mehr auf der Erde.

Diese Wissenschaftlerin gehörte zu dem Kreis derer, die mit besonders großer Spannung auf die Übermittlung von Genmaterial aus diesem Fund in der Hoffnung gewartet hatte, ausreichend vollständige Sequenzen daraus extrahieren und womöglich sogar daraus klonen zu können. Es hatte nicht sein sollen. Das überstellte Material enthielt zwar viel, aber leider nur höchst lückenhafte Gensequenzen. Mit der heute gesicherten und auch recht sicheren Technik ist damit kein Mammut zu klonen.

Das ficht jedoch andere Wissenschaftler nicht nur nicht an, sondern scheint sie geradezu herauszufordern. So tritt denn auch ein moderner Dr. Frankenstein an und beabsichtigt, die fehlenden Gensätze durch künstliche Programmierung zu ersetzen … ein wenig hiervon, ein wenig davon, ein Gensatz von irgendeinem Lebewesen, das langes Fell hat vielleicht, Hauptsache, das Wesen, welches daraus irgendwann einmal das Licht der Welt erblickt, hat irgendwelche Ähnlichkeit mit dem, was man sich so unter einem Mammut vorstellt.

Aber ich stelle mir höchst erstaunt die Frage, was das soll.

Aus welchem Grunde sollten wir heute Mammuts herstellen? Um sie zu essen? Um aus ihrem Fell Bettvorleger zu machen, ohne die wir wohl nicht existieren können? Brauchen wir ihr Blut, damit die Menschheit eine Zukunft hat? Oder würden wir ein solches Tier produzieren, bloß weil wir es können? Das elegische Ende dieser Dokumentation, welches von neuen Mammutherden auf der Welt schwärmt und in der Schlusseinstellung ein animiertes Tier vor kitschiger Berg- und Eiskulisse in den Himmel trompetet, ließ mich einigermaßen erschrocken und ratlos zurück.

Ein solches Tier wäre ja nicht „nach Hause gekommen“, nachdem es jahrtausendelang vor der Tür hätte warten müssen und sich im Schmerz nach uns verzehrt hatte. Es gibt keine Neanderthaler mehr, keine Säbelzahntiger – es gibt gar nichts mehr in dieser Welt, wie sie die Mammuts gekannt und wohl auch gebraucht haben. Und im engeren Sinne wäre es gar kein Mammut, sondern nur ein bemitleidenswertes Kunstwesen, das aus verschiedenen Reagenzglasinhalten, Computerprogrammen, Genmaterialien ganz anderer Tiere und ein wenig Grunderbsubstanz von Elefanten und den Genstücken der Mammutkuh zusammengesetzt wurde. Was würde ein solches Tier auf der Erde für einen Sinn haben – wenn es denn wider Erwarten überhaupt einigermaßen gesund und lebensfähig wäre und sich nicht qualvoll von seinen ersten Stunden an in seinen baldigen Tod zu schleppen hätte.

Für mich sind solche Gedanken und „Spiele“ soviel wert, als würde jemand ernsthaft darüber nachdenken, braven Milchkühen Kiemen anzuzüchten. Einfach nur mal so um zu gucken, was wohl passiert und ob ein solches Tier possierlich wäre. Oder wir basteln uns landgängige Haie, damit der Zuhälter von nebenan keine langweiligen Kampfhunde mehr halten muss.

Dieses „Mammut“, welches Dr. Frankenstein zusammenstellen will, hätte mit einem Mammut nichts zu tun. Alle Wesen auf der Erde haben bereits im Mutterleib, ob als Ei oder als Embryo, auf geradezu wundersame Weise ein hohes Maß an Erinnerungen, Wissen und sogar Erfahrung, deren Zustandekommen bis heute nicht ansatzweise erklärbar ist. Als meine Frau vor vielen Jahren noch Hunde gezüchtet hatte, haben wir dies Phänomen diverse Male bestaunen können. Wir hatten einmal eine Hündin namens Bambi; sie war sehr zierlich, immer fröhlich, aber zugleich auch recht angstvoll. Sie hatte ein ganz besonderes Wesen. Und obschon wir jeden Wurf prinzipiell von dem ersten Tag der Tragzeit der Hündin an und auch noch lange nach der Geburt tierärztlich kompetent begleiten ließen, verstarb Bambi zu unserem größten Entsetzen wenige Stunden nach der Geburt ganz plötzlich. Sie hatte ihre Kinder kaum gesehen und so haben wir die drei mit Fläschchen, Bäuchlein streicheln mit Ringen unter den Augen großgezogen – sie alle hatten das Wesen ihrer Mutter. Sie alle liebten das gleiche wie sie, erschraken auf die gleiche Weise und führten sogar bei den gleichen Knabberstängchen das gleiche Tänzchen auf wie sie.

Wir Muslime sagen, dass alle Menschen zunächst als Muslime auf die Welt kommen und eigentlich alles wüssten. Nur der Umgang im Heranwachsen, unsere Erziehung, unser Umfeld „verbiegt“ uns und lässt uns längst Gewusstes schnell wieder vergessen. Aber wir haben Geschichte, wir haben Eltern, wir verfügen über ein vollständiges und (zumeist) gesundes Erbgut. Wir sind Geschichte.

Und wenn wir von einer Entwicklung sprechen und dabei die Schöpfung durch Allah negieren, stellen wir uns selbst ein Bein: wenn sich etwas ent-wickelt, so war es zuvor auf-gewickelt, nicht wahr? Dafür aber hat jemand etwas aufgewickelt, was im Innersten längst geschaffen war und für eine gesetzmäßige, somit vorgegebene Entwicklung vorbereitet. Wäre der Entwicklungsvorgang einigermaßen einem Zufall überantwortet weil sie Wicklung planlos vonstatten gegangen wäre, würde man von einer Ent-Wirrung sprechen müssen.

Dies „Mammut“, welches ja gar keines wäre, hätte keine Geschichte, keine Eltern, keine Aufgabe – und somit wäre es eine sinnlose, künstliche Kreatur, die aus überheblichem Spaß geschaffen worden wäre. Es gelingt uns noch nicht einmal, wenigstens die meisten lebenden und lebendigen Arten des Lebens auf der Erde zu beschützen und vor dem Untergang durch unsere Handlungen zu bewahren. Weshalb sollten wir eine neue Kreatur erschaffen? Eine, die tatsächlich zuviel und fehl am Platz wäre weil es die Welt, die es brauchte gar nicht mehr gibt und eine solche auch weder herstellbar und demzufolge auch nicht auffindbar ist? Es wäre von vornherein ein unglückliches Tier voller Leid und Einsamkeit; da es nunmal kein Elefant ist, wird und kann es sich nie in Gesellschaft von Elefanten einfügen oder glücklich sein. Und das unterstellt noch, dass es nach all diesen Zusammenwürfeleien aus diversen Genmaterialien körperlich gesund wäre – was ich stark zu bezweifeln wage. Eher nehme ich an, dass es vom ersten Atemzug an einem qualvollen, baldigen Tod entgegendämmert, weil auf jeden Fall so einiges „schiefgelaufen“ sein wird, was natürlich vorher „niemand ahnen“ konnte.

Selbst ein echtes Mammut, welches zu hundert Prozent aus dem Genmaterial herstellbar wäre, würde keinen lebenswerten Platz, kein unbeschwertes, freies Leben haben. Man würde es beglotzen, wahrscheinlich in einen Zirkus zwingen und mit lustigen Tüchern behängen, man würde es als Zeichen der Macht des Menschen auf Paraden laufen lassen. Nach meiner Meinung hat alles seinen ihm gegebenen Platz, seine Zeit, seinen Sinn und seine Aufgabe – vom Sandkörnchen bis zum Elefanten. Die Zeit des Mammut jedenfalls ist vorüber.

Lasst sie in Frieden tot sein – all die Mammuts, Dinosaurier und sonstiges, dessen Existenz Menschen so fasziniert. Ich denke, nicht nur als Muslim, dass es ein schwerer Fehler und gar Sünde wäre, solche Experimente durchzuführen. Wenn wir Menschen uns selbst schon als vornehmste Art auf diesem Planeten wahrnehmen und jedes Recht jedes Menschen weit über dem jedes Tieres steht, weshalb gelingt es uns dann noch nicht einmal, unsere eigene, ach so gerühmte Art vor uns selbst zu beschützen? Sollten wir nicht zuerst einmal Frieden unter uns selbst, dann mit diesem ganzen Planeten und zuletzt mit speziellen Vertretern unserer Flora und Fauna machen? Vielleicht erst einmal das Vernichten stoppen, bevor wir das Erschaffen versuchen?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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