Ägypten – Urlaub im Folterkeller: ein neuer Trend?

Mich machen blogs, Artikel und persönliche Statements von europäischen / speziell deutschen Urlaubern meistens ratlos, häufig zornig, aber immer verzweifelt, die in vollendeter Blindheit nach Ägypten reisen – und dabei ihren Urlaub sogar auch noch genießen können.

Es ist kaum zu unterstellen, dass irgendjemand über die Verhältnisse im Land nicht informiert sein könnte. Es mag sein, dass das wahre Ausmaß des Schreckens nicht ganz klar ist – aber dafür gibt es ja mein blog. Ein paar Fakten tun manchmal ganz gut.

Allein am vergangenen Sonntag fällte die ägyptische Justiz gleich sechs Todesurteile  einschließlich drei Journalisten wegen angeblicher Spionage für Qatar. Wenn man bedenkt, dass Ägyptens Diktator in den zurückliegenden zwei Jahren Dutzende von Journalisten eingesperrt, gefoltert, ausgewiesen und hingerichtet hat ist der Ärger über das vergleichsweise marginale Herumärgern Erdogans mit der Presse Kleinvieh. Da es jedoch augenblicklich politisch opportun erscheint, Erdogan als verrückten Bösewicht medial und politisch auszuschlachten, kann Ägypten hinrichten, wie es will. Deshalb wird es ja in Person des Diktators selbst hofiert, empfangen, lächelnd begrüßt und mit Waffenlieferungszusagen versehen. Ganze U-Boote will Merkel nach Ägypten verkaufen – und gute Kunden vergrault man nicht mit unwesentlichen Kleinigkeiten wie „Pressefreiheit“ oder, schlimmer noch, „Menschenrechten“.

In 2014 fällte die Justiz allein 529 Todesurteile – alle nur für den Mord an einem Polizisten. Nur den allerwenigsten von den Verurteilten konnte überhaupt eine räumliche Nähe zu dem toten Polizisten nachgewiesen werden; wie so oft wurden Beweise der Verteidigung, die die Nichtanwesenheit des Angeklagten am Tatort zum Tatzeitpunkt belegten, erst gar nicht vor Gericht zugelassen.

Später in 2014 wurden weitere 683 Leute unter ähnlich absurden Anklagen in einem Massenprozess pauschal zum Tode verurteilt. 

In 2015 erfolgten sechs Todesurteile wegen „Gewaltanwendung gegen Polizei“. Zu bemerken ist, dass alle sechs Angeklagten nachweisen konnten, zur fraglichen Tatzeit in Polizeigewahrsam gewesen zu sein. Das beeinflusste die Entscheidung des Gerichts in keiner Weise.

Verschiedene Medien berichteten gar über den Fall von Ahmed Qorany Sharara, der zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt werden sollte. Das Besondere daran: Ahmed ist z.Z. drei jahre alt und soll für eine Tat ins Gefängnis, die er angeblich im Alter von 16 Monaten begangen haben soll. Das Kind sollte  verurteilt werden, weil es angeblich bei einer Demonstration der Muslimbruderschaft teilgenommen habe. Ohne einen internationalen Aufschrei hätte die ägyptische Justiz die Absurdität ihres Vorgehens nicht bemerkt – und das Kind wäre zweifellos verurteilt worden.

Selbst eine Handpuppe (!) sollte bereits vor Gericht gezerrt werden – erst im buchstäblich letzten Moment ging der Justiz die Lachhaftigkeit eines solchen Vorgehens auf.

Noch sehr viel weniger als bei Anklagen, die in Todesstrafen münden, achtet die ägyptische Justiz auf unbequeme Detailfrickelei, wenn es um langjährige Haftstrafen geht. Da werden schon mal Urlaubsaufnahmen eines Journalisten samt seiner Familie aus Europa und eine seiner Reportagen aus Somalia als „Beweise“ für „Unterstützung von Terror“ angeführt – die Absurdität, dass keiner dieser „Beweise“ irgendwie mit Terror zusammenstand, focht das Gericht nicht an.

Dafür nehmen auch die verrücktesten wie brutalsten Übergriffe von Polizei und Militär auf Zivilisten konsequent immer weiter zu; erst vor kurzer Zeit erschoss ein Polizist einen Teeverkäufer einfach so auf offener Straße, weil der angeblich zuviel Geld verlangt hätte.

Viele Organisationen mutmaßen zwischenzeitlich ganz offen und offiziell, dass das Mittel der Vergewaltigung insgeheim ein gewünschtes Instrument zur nachhaltigen und vertieften Verängstigung des Volks ist. Sexuelle Übergriffe sind demnach nicht nur erlaubt – sie werden regelrecht gefordert. Schon Mubarak hatte auf das Mittel der Vergewaltigung zur Einschüchterung gesetzt, der aktuelle Diktator reaktiviert diese Politik nur.

Ägyptens Regierung ist vollkommen unberechenbar – und absolut verrückt. Justizminister Ahmed al-Zind schwärmte im Januar öffentlich noch davon, tausende von Muslimbrüdern und alle ihre Unterstützer hinrichten lassen zu wollen – am liebsten alle auf einmal und öffentlich. Und da kämen seiner Ansicht nach schonmal 400.000 Leute zusammen. Er wurde nur gestürzt, weil er in seinem Irrsinn öffentlich auch äußerte, selbst den Propheten Muhammad (saws) zu verhaften, wenn der unter Verdacht geriete.

Wir dürfen uns nicht darüber wundern, dass uns kaum Berichte über Proteste und Demonstrationen auf Ägyptens Straßen erreichen. Da die Polizei für gewöhnlich sofort und häufig mit scharfer Munition auf Demonstranten feuert, begibt sich kaum ein (westlicher) Journalist in die Gefahr und bleibt diesen Demonstrationen fern. Unter der Behauptung, man habe angeblich Waffen gesehen, werden dabei auch schon mal Menschen erschossen, die nichts als eine Rose in Händen hielten. Dabei gibt es sie, diese verzweifelten Kundgebungen, auf denen regelmäßig etliche Menschen ihr Leben verlieren oder auf unbestimmte Zeit in Gefängnissen verschwinden. Wer wissen möchte, wie in diesen Gefängnissen Menschenrechte eingehalten werden, der lese den Obduktionsbericht von Giulio Regeni. Nahöstliche Journalisten sind da unerschrockener; ich finde in ihrer Presse wöchentlich Berichte über Kundgebungen und Proteste, die jedesmal brutal zusammengeschlagen und stellenweise -geschossen werden.

Darüberhinaus werden in letzter Zeit nahezu wöchentlich Attentate, Bomben- und Brandanschläge verübt. Erst letzte Tage wurden gleich acht Zivilpolizisten in Helouan (Vorort von Kairo) durch Maschinengewehrsalven niedergemäht. Obschon regelmäßig Terrororganisationen wie etwa Daesh („Islamischer Staat“) Bekennerschreiben hierzu übersenden, will der Diktator die Urheberschaft unbedingt in der Muslimbruderschaft finden. Das führt natürlich zu einer weiteren Zunahme von Anschlägen, weil sich die wahren Täter nicht ignoriert sehen wollen. Im Ergebnis führt das natürlich zu noch mehr Terror, den der Diktator wiederum zum Anlass nimmt, noch mehr schießen, verhaften, vergewaltigen und foltern zu lassen.

Zugegeben: wenn ich alte Burgen besuche, faszinieren mich Folterkeller auch jedesmal und ich freue mich, wenn ich die Bedrückung des Leids und des Schmerzes dann über die Treppe wieder verlassen kann. Der Schmerz und das Leid aber sind seit Jahrhunderten vergangen, kein Blut klebt mehr an den Folterinstrumenten.

Ich finde Leute aber einfach nur krank, die sich in Folterkellern wie Ägypten einmieten, weil sie die Aussicht aus dem Kellerloch so toll finden und auch noch launige Berichte dazu verfassen. Eine solche Regierung durch die Urlaubskasse zu stärken, spricht nur von …. Entschuldigung ….. dämlicher Ignoranz, verabscheuungswürdiger, innerer Kälte und blindem Egoismus, der außer einem lächelnden Ober und einem gepflegten Hotel ganz bewusst nichts wahrnimmt, nicht sehen will, sich ganz bewusst und zielgerichtet selbst dumm hält.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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