Falluja wird vom „IS“ befreit – ist das nicht toll?

Nein. Ist es nicht.

In den vergangenen zwei Jahren wiederholte sich das Bild dutzendfach: irakische Militärkräfte belagern eine Stadt oder ein Dorf, der dort verschanzte Daesh („IS“) wehrt sich verbissen gegen die Einnahme, entsendet Selbstmordattentäter gegen die Belagerung, nimmt sich die Bevölkerung als Schutzschild.

Seit Jahren wird uns hier verkauft, dass beinahe alle Mittel den Zweck heiligen würden, die riesige Terror- und Verbrechensschmiede des Daesh vom Angesicht der Erde zu tilgen – und man wäre beinahe geneigt, diese Sicht zu teilen. Beinahe.

Wer nämlich hinter die wohlfeilen Presseverlautbarungen, hinter die großmäuligen Versprechungen des Irak, hinter die stellenweise höchst seltsamen Deutungen aus den USA und Europa schaut, der weiß heute schon, wie es morgen weitergehen wird. Wie es weitergehen muss.

Was ist Sache?

Im Irak haben sich seit der Entthronung des Diktators Hussein die durch ihn unterdrückten Shiiten neu organisiert; sie haben sich der Minorität der Sunniten, durch die der Sunnit Hussein uneingeschränkt geherrscht hatte, durch schiere Gewalt entledigt. Viele Organisationen im Irak, die religiös und politisch nur als extremistisch einzuordnen und zu bezeichnen sind, haben sich in aller Ruhe straff organisiert und nicht zuletzt durch die überreichlichen Waffenangebote der USA bestückt. In Baghdad kam es daraufhin zu blutigen Verfolgungsjagden, bei denen Sunniten auf extrem grausame Art zu Tode gefoltert worden sind. Der von den USA geförderte und tolerierte Premier al-Maliki, ein tollwütiger, shiitischer Extremist, führte gut zwei Jahre lang einen breit angelegten Vernichtungskrieg gegen alle Sunniten Iraks.

Viele Bürger großer Städte flüchteten und versammelten sich in der Provinz, die sie glaubten, auch militärisch gegen die Verfolgung durch ihren Premier verteidigen zu können. Al-Maliki setzte zum Teil schwere Artillerie ein, die er mit Dauerfeuer ganze Ortschaften ausradieren ließ. Der bloße Verdacht, dass sich in Dörfern Sunniten verbergen würden oder auch nur könnten, reichte für den Einsatzbefehl. Shiitische Killer ließen sich dabei filmen, wie sie wehrlose Bürger lebendig an den Füßen aufhängten, anzündeten und den verkohlenden Leichnam mit Schwertern in Streifen aufschnitten – „wie Shoarma!“, wie sie in die Kamera grinsten.

In Falluja versammelt sich nicht nur Daesh, denn der Daesh wird verständlicherweise von vielen verfolgten Sunniten Iraks als Verteidiger verstanden und muss vielfach keinen besonderen Druck anlegen, um die Bevölkerung zum Widerstand gegen irakisches Militär und Milizionäre aufzurufen – es geht um ihr Leben. Der Irak betrachtet gefilmte und sonstwie dokumentierte Folter an Sunniten als guten Beitrag zur Demoralisierung derer, die er als „Feind“ betrachtet. Wiederholt war von Massenexekutionen, Verbrennungen, Enthauptungen, Zerstückelungen, Massenvergewaltigungen und Plünderungen die Rede – nur im Westen hält man sich mit solcherlei Berichten ziemlich zurück. Europäische Bürger sollen auch weiterhin glauben, es gehe bei der Unterstützung und Bewaffnung des Irak ausschließlich nur um den Krieg gegen Daesh.

Das mag für europäische und US-zentrierte Interessen auch so aussehen – wenn man wie gewohnt kurzatmig denkt. Denn soviel ist zumindest arabischen, aufmerksamen Beobachtern der Region völlig klar: für die Sunniten des Irak ist Daesh unverzichtbar. Ohne ihn würden sie zu Tausenden abgeschlachtet – wie ja auch in der Vergangenheit geschehen. Kein noch so verzweifelter Aufruf in der internationalen Öffentlichkeit unter Hinweis auf die unmenschlichen Grausamkeiten des Irak gegen die Sunniten wurde je gehört. In größter Not versuchten sich einige Provinzen, in die viele Sunniten geflüchtet waren, über die Erklärung der Selbständigkeit und Autarkie vom Irak zu lösen und wurden unter Wolken von Granaten erstickt. Sowohl Europa als auch die USA haben durch ihre gezielte Ignoranz dieses Irrsinns, den ihr Zögling Irak in Person des von ihnen geduldeten Schlächters al-Maliki über das Land ergossen hat, das Todesurteil über sie gesprochen.

Die Sunniten des Iraks sind Vogelfreie, Rechtlose – und nun erhalten sie auch noch mit dem Verdacht, Daesh zu „unterstützen“, das Stigma von Terroristen. Die, die aus Falluja fliehen, werden über lang oder kurz im Irak den Tod finden. Die, die es nicht tun, auch.

Der Forscher Tallha Abdulrazaq von der University of Exeter’s Strategy & Security Institute geht meiner persönlichen Meinung nach korrekterweise noch viel weiter: er sieht, das die Vernichtung des Daesh ganz zwingend eine neue, nicht minder umtriebige und harte, ja grausame Untergrundbewegung notwendig macht. Um die Vernichtung von Sunniten im Irak zu beenden oder zumindest zu bremsen, in den Fokus der Welt zu bringen, bedarf es einer illegalen, möglichst gut bewaffneten, agilen und entschiedenen Organisation – bisher hat Daesh diesen Platz sehr gut ausgefüllt.

Soweit ist es nun also bereits gekommen, dass man im Daesh tatsächlich auch „gute“ Seiten erkennt – erkennen muss. Das nimmt dem „Kalifen“ nichts von seiner Lächerlichkeit, der er sich als verkleideter, durchgeknallter Karnevalsprinz anheim fallen lässt und seiner ganzen Gruppierung nichts von ihrer Verwerflichkeit und Irrationalität. Das macht keinen Toten wieder lebendig, es kann kein einziges der Verbrechen des Daesh entschuldigen und macht nichts von seiner Widerwärtigkeit insgesamt wett.

Widerlich ist die Politik des Westens, die jetzt bereits erkennbar exakt die Fehler macht, für die sie sich leise murmelnd Jahrzehnte später entschuldigen muss und nun tatsächlich dazu treibt, sogar einem Daesh positive Aspekte abgewinnen zu müssen. In zwanzig Jahren wird eine US-Führung im Angesicht der Massengräber, die heute gefüllt werden, Kränze niederlegen und zugeben, dass man damals leider zu kurz gedacht habe. Man wird eingestehen, dass man heute Leute bewaffnet hat, die niemals hätten bewaffnet werden dürfen. Dafür werden in den nächsten Jahren noch Tausende sterben müssen.

Und dies Blut wird über uns kommen – soviel ist ganz sicher. Die Geschichte wird uns Heutige hart aburteilen, so wie wir all die Millionen blinder, dummer, tauber, desinteressierter, deutscher Bürger aburteilt, die sich in Bezug auf die Nazi-Zeit mit der wohlfeilen Erklärung entschuldigen wollen, sie hätten angeblich nichts von alldem gewusst.

Wir schauen wieder einmal zu.

Äääh nein. Das stimmt nicht.

Wir schauen gezielt weg.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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