Tunesien & Islam – was wir gar nicht wissen wollen

Europa hat es sich hübsch eingerichtet. Wirklich.

Es hat die Welt erfolgreich zweigeteilt und regiert frei nach dem Motto: „Dividere et impere!“, „teile und herrsche“ eben. Die Dummheit der europäischen Bevölkerung hat es den Regierungen sehr leicht fallen lassen. So fallen auch bizarre Vorgänge gar nicht weiter auf – wer sich das ganze Flüchtlings-„Problem“ anschaut und nüchtern wie objektiv analysiert, versteht sehr schnell, was ich meine:

Deutschland allein ist zum drittgrößten Waffenverkäufer der Welt aufgestiegen. Wer an Hergestelltem verdienen will – der muss es auch verkaufen und liefern. Wer jetzt noch glaubt, die Produktion von Waffen sei für irgendeine Regierung irgendein Problem, weil deren Verkauf anrüchig wäre, der irrt gewaltig. Wirtschaftler wissen: es ist eine alte Gewohnheit, für liebgewonnene Produkte eben auch künstlich Märkte zu schaffen. Das Modell hat sich bereits in der Hochantike entwickelt.

Bedarf wird eben gemacht.

Als in Tunesien der „Arabische Frühling“ begann, führte er zum großen Entsetzen Europas zumindest dort tatsächlich zu einem Erfolg. Der gute Kunde Tunesien lief nun Gefahr, aus eigener Anstrengung eine eigene Identität zu entwickeln um eines Tages etwas anderes sein zu können als eine willenlose Bettenburg für urlaubswillige Europäer. Alle Medien, alle Politiker Europas haben sich damals auf Rached Ghannouchi eingeschossen. Er sei, so wurde kolportiert, ein „Islamist“, der Tunesien fort von einer freiheitlichen Demokratie in einen versteinerten, bösartigen Islamismus führen wolle, so wie der ägyptische Diktator und Blutsäufer al-Sisi ihn heute in Ägypten unter tätiger Mithilfe, Waffenlieferungen, Geldüberweisungen aus Europa installiert hat. Tunesien hätte sich nach den Vorstellungen Europas damals entwickeln sollen wie Ägypten heute – und alles wäre gut, berechen- und bezahlbar. Ghannouchi, der nach Beendigung seines Banns aus Frankreich wieder in Tunesien einreiste, wurde sofort mit zahllosen Lügen, Verwünschungen, gefälschten Geschichten und Verdächtigungen überschüttet. Weitab von seinem tatsächlichen Tun, seinen Reden, seinen Entscheidungen und seiner praktischen Politik wurde nur öffentlich und vehement diskutiert, was man ihn ihm auf jeden Fall sehen wollte: einen radikalen Islamisten. Ghannouchi führte die „Ennahda“ an, die islamische Partei Tunesiens und führte sie nicht nur von Erfolg zu Erfolg, sondern erhielt auch aus der gesamten Bevölkerung Tunesiens positive Signale und Unterstützung. Nirgendwo sprach in der Politik seiner Ennahda irgendetwas von extremistisch-islamischen Ideen; im Gegenteil: die europäische Politik reagierte tatsächlich beleidigt und nachhaltig verstört, als sich ihre Schreckensbilder nicht verwirklichten.

Ghannouchi rutschte in einen Black-Out. Er wurde ganz einfach totgeschwiegen. Tatsachen aus seiner Tagespolitik der Ennahda, die mittlerweile aus Tunesien selbst wie auch aus dem gesamten, arabischen Umfeld Unterstützung und Zuspruch erhielt, wurden ganz einfach nie gemeldet. Man wollte sich positive Pressemeldungen sparen, um zu gegebener Zeit mit Verdächtigungen, Geringschätzungen und Verurteilungen wieder einsetzen zu können. Heute erhält die Ennahda Unterstützung selbst aus dem säkularen Lager – und man fragt heute Tunesier und nichtreligiöse, tunesische Politiker lieber gar nicht nach Ghannouchi, weil man auf Fragen Antworten erhalten könnte. Und positive Nachrichten über ihn und seine Politik wären Europa peinlich. Der europäische Bürger darf unter keinen Umständen Gefahr laufen, von bekennend islamischen Politikern ein gutes Bild zu entwickeln. Das darf nicht sein.

Diese Strategie so zu beschreiben ist keine Unterstellung, keine Bösartigkeit meinerseits – sondern durch einen mittlerweile hervorragend durchdokumentierten Vorfall in Richtung der ägyptischen Muslimbruderschaft gut bekannt: der britische Premier hat als Liebesdienst dem ägyptischen Diktator gegenüber eine Untersuchung beantragt, die der ägyptischen Muslimbruderschaft nicht nur Nähe zum Terrorismus belegen, sondern auch deren Anstrengungen beweisen sollte, islamistischen Terror verbreiten zu wollen. Der Schuss ging nach hinten los und förderte ein nüchternes Ergebnis zutage, dass diese Beweisführung nicht nur nicht geführt, sonder der Bruderschaft überhaupt keine Anhängerschaft zum Terror nachgewiesen werden konnte. Der ägyptische Diktator hätte eine solche britische Untersuchung für seine Innenpolitik des Terrors, der harten Unterdrückung und Beseitigung jedes politischen Gegners gut brauchen können. Seinere eigenen Regierung hätte niemand in der Welt eine solche Untersuchung abgekauft. Unter tatsächlich höchst dubiosen „Begründungen“ hält Cameron die Untersuchung unter Verschluss. Sie darf nicht veröffentlicht werden. England bemüht sich zusammen mit Frankreich, Deutschland und Italien um äußerst lukrative Rüstungsaufträge – Deutschland hat beispielsweise bereits Verträge zur Lieferung von U-Booten abgeschlossen. Dafür hat Merkel den Diktator unter allen Ehren als Staatsmann offiziell in Berlin begrüßt. Vielleicht war das der Kardinalfehler des Diktators: Merkel würde ihm die gewünschte Untersuchung wahrscheinlich gern, schnell und zuverlässig geliefert haben, denn irgendwie merkt die deutsche Bevölkerung noch weniger als die britische, wenn sie vorgeführt wird.

In Tunesien funktioniert das alles zum großen Ärger Europas nicht. Der Ennahda und Rached Ghannouchi ist nirgendwo irgendwie irgendein Radikalismus nachzuweisen und noch nicht einmal oppositionelle, säkulare Stimmen Tunesiens liefern zitierbare Vorwürfe. Zum großen Entsetzen Europas zeigt sich Tunesien als hart geschlossene, zur Demokratie, zum Frieden und Stabilität überzeugten Linie und bestätigt die Mehrheitsregierung der Ennahda als erfolgreich, legitim und breitflächig gewünscht.

Aber das will hier nicht wirklich irgendjemand wissen. Der gemeine Muslim ist per sè als Freiheitsfeind, als Frauenverprügler, als Schreihals und Mittelalterfreak wahrzunehmen und so wird alles reflexhaft zurückgewiesen, was eine politische Gemeinschaft von Muslimen positiv darstellen könnte. Wir schauen alle weg. Viel lieber ist uns die ebenso bizarre wie idiotische Sichtweise, nach welcher angeblich der Islam nicht mit der Demokratie vereinbar sei. Und keiner versteht, dass dies eine künstlich erzeugte „Argumentation“ ist, die ausschließlich nur durch Hinweise auf ein paar versprengte Schreihälse „belegt“ werden kann, die kein halbwegs klarer Muslim teilt. Nein – wir wollen auf unser negatives Islam-Bild nicht verzichten, weil es unser Leben so schön einfach gestaltet und ein prächtiges Verdienen mit Waffen ermöglicht. Unser Leben wäre um sovieles schwerer und schwieriger, wenn wir plötzlich die Wahrheit realisieren und Muslime als gleichberechtigte und gleichwertige Menschen wahrnehmen würden.

Niemand hier in Deutschland hat deshalb Nachricht davon, dass Rached Ghannouchi sogar noch einen Schritt weitergegangen ist und als gläubiger, praktizierender, bekennender und politischer Muslim selbst die Säkularität der Politik einfordert. Völlig verrückt: das verhält sich als wenn Angela Merkel einen scharfen Schnitt zwischen Kirche und ihrer „C“DU einfordern und umsetzen würde. Nichts kann oder konnte Ghannouchi zu diesem Schritt zwingen, ist er doch mit seiner bisher gefahrenen Strategie höchst erfolgreich gewesen und hat in allen Bevölkerungsteilen Tunesiens Solidarität dafür erfahren. Nichts und niemand würde ihn daran hindern können, voller Stolz der Weltöffentlichkeit zu sagen: „Seht her. Tunesien kann und tut, was es nach eurer Auffassung gar nicht kann: die Errichtung eines freien Staates unter der Regierung bekennender Muslime und der gleichzeitigen Implementierung des Islam.“

Und der Schritt, den Ghannouchi geht, ist selbst für ihn persönlich folgenreich: er will ein Verbot für Imame, als solche in die Politik einzutreten und umgekehrt. Imame haben ihre spirituelle Aufgabe als islamische Gelehrte in der Gesellschaft aufzugeben, wenn sie in die Politik wechseln wollen und Politiker können keine bleiben, wenn sie als Imam im Islam dienen wollen. Ghannouchi ist selbst gefragter Prediger und wird auf diese Verbindungen und Privilegien verzichten müssen, wenn sein Vorstoß von der tunesischen Politik und Bevölkerung akzeptiert und umgesetzt wird.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Tunesien & Islam – was wir gar nicht wissen wollen

  1. echsenwut schreibt:

    Vielleicht haben Sie ja recht. 😉
    Ich weiß, daß ich Maximalforderungen stelle: unsere Gesellschaft bietet jedem alle Entfaltungs-, Bildungs- und Informationsfreiheiten und sie lebt im Wesentlichen von der Produktion wesentlicher Industrie- und Rüstungsgüter. Das verleiht jedem Bundesbürger neben einem relativen, global aber sehr hochstehenden Lebensstandard, eine rundum gesicherte Versorgung, Frieden aber auch die Verpflichtung, sich für den Hintergrund seiner Versorgung intensiv zu interessieren. Zumal, wenn sich sein Staat zu Werten wie Humanität, Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit verpflichtet.
    Aber eben genau das tun die Bürger nicht. Sie akzeptieren freudig die reichen Gaben aus einem Geschäft, dessen Hintergründe sie aufgrund frei gewählter, eigener Blindheit nicht kennen – sie verweigern die Zurkenntnisnahme unangenehmer Details energisch. Es gibt einfach keine Entschuldigung fürs Weghören. Wenn wir u.a. auch wegen der Waffengeschäfte gut leben müssen wir realisieren, was durch unsere Produkte geschieht und überlegen, ob uns unser Wohlleben soviel wert ist, dass wir dafür ganze Dörfer ausradieren.
    Das untergegangene, deutsche Reich hat aus dem Irrsinn Methode gemacht: nebenbei lakonisch zu erwähnen, man habe angeblich ja auch „gar nichts gewusst“ und sei ebenfalls bloß tragisch uninformierter, gezwungener Mitmarschierer gewesen, reichte zur Absolution, die man sich nur zu gern gegenseitig zugestand. Da hatte jeder gelernt: pass bloß auf, dass du nichts merkst. Solltest du etwas gemerkt, aber nichts unternommen haben, trägst du öffentlich genau die (Mit-) Schuld, die du hast.
    Ich nenne das „bewusst und aus niederen Gründen herbeigeführte Dummheit“, die angestrengt darauf verzichtet, allzu triviale Aussagen argwöhnisch genauer zu hinterfragen. Viele gehen aus platter und trivialer Dummheit nicht wählen, manche aber gehen ganz bewusst nicht – um in der angenehmen Position gewohnheitsmäßiger Meckerer zu gehen und sagen zu können: „Da. Jetzt habt ihr den Salat – ICH habe die ja NICHT gewählt!“
    Im Falle Tunesiens kann man sehr leicht die Dummen von den Aufmerksamen, Beteiligten und aufrichtig Interessierten unterscheiden: wer heute Rached Ghannouchi als „rückständigen, terrorverliebten Islamisten“ beschreibt, hat sich unangenehmerweise selbst als Idiot geoutet. Niemand kann heute noch sagen, er käme ja an keine objektiven Informationen, denn das wäre platt gelogen. Alle zur Vervollständigung des eigenen Bildes notwendigen Informationen liegen förmlich auf der Straße und sind innerhalb weniger Augenblicke zu erhalten.
    Ich halte es für eine Verpflichtung, sich seriös und vollständig zu Themen zu informieren, zu denen man eine Meinung äußert und es gibt eine ganze Reihe Themen, zu denen man eine haben muss.

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  2. WoMolix schreibt:

    In einem Punkt widerspreche ich wehement.
    Da da heißt es ganz am Anfang: „Die Dummheit der europäischen Bevölkerung hat es den Regierungen sehr leicht fallen lassen“
    Ich und viele andere sind auch „europäische Bevölkerung“. Ich halte mich aber nicht!!!!!!!!! für DUMM und auch einen Großteil der europäischen Bevölkerung NICHT.
    Was sicher richtig ist, ist, dass die Bevölkerung sehr tendenziös und selektiv Informationen im Sinne von mächtigen Interessensvertretern, von unseren Medien verbreitet werden. Der Otto-Normalverbraucher hat im Hamsterrad kaum die Zeit, die weggelassen oder manipulierten Informationen nachzurescherschieren, und dann auch noch sich zu engagieren, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Das als DUMM zu bezeichnen halte ich für dumm.

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