Tragische Türkei

Seit einiger Zeit muss ich erkennen, dass ich Erdogan innerlich viel zu lange die Stange gehalten habe. Sein Wüten unter Presse und Opposition ist seit nun mehr als einem Jahr vollkommen irrational geworden und ist im Grunde durch nichts mehr zu verstehen.

Das war einmal anders – obschon ich vor Jahren bereits ahnte, dass er von vielen Ländern und Staatsleuten angegriffen werden würde. Als er mit seiner AKP damals durchstartete, heulte die halbe Welt auf und überzog ihn mit Lügen, Verdächtigungen, Halbwahrheiten. Man schürte damals Angst. Entsetzt sahen diese Kräfte dabei zu, wie Erdogan tatsächlich aber Frieden mit den Kurden schloss, dem Erzfeind Öczalan die Hinrichtung ersparte, Kurden ihre Freiheit, Sprache und Kultur zuerkannte, ein Demonstrationsrecht und Pressefreiheit einführte und nicht zuletzt, wenn auch ohne große Öffentlichkeit, initiierende Besuche in Armenien startete und eine türkische Schuld am Massaker offen eingestanden hatte.

All das hat er mit dem, was er in den letzten Monaten allein getan hat, im Großen und Ganzen entwertet und hat sein Land wieder zurück in die Versteinerung der Unfreiheit und Angst geführt. Ich durchblicke seinen plötzlichen Hass auf den Prediger Fetullah Gülen nicht im mindesten – ich verstehe ihn einfach nicht. Natürlich gibt es weitaus genug Kritiker Gülens und dessen Aktivitäten werden argwöhnisch beäugt und recht grundlos als „extremistisch“ zurückgewiesen – Beweise für eine Radikalisierung von Muslimen durch ihn gibt es keine. Seine auch in Deutschland ansässigen und tätigen Schulen fallen durch Konservativismus, allerdings keineswegs durch extreme Haltungen und Positionen auf. Eher wird ihnen im Gegenteil attestiert, dass sie eine fundierte und gute Schulausbildung anbieten. Ich selber habe mir noch keinen rechten Reim auf Gülen gemacht; das ist z.T. auch meiner reflexhaften Scheu, meinem automatischen Argwohn gegen alles geschuldet, was auch nur näherungsweise und irgendwie mit Personenkult zusammenhängen könnte. Vor solchen Dingen zucke ich sofort zurück. Man darf lebenden und toten Menschen Respekt nahebringen, man darf ihnen aber grundsätzlich niemals unkritisch folgen und muss sie als das wahrnehmen, was sie sind: keine besseren Menschen als wir selbst, ebenso sterblich, fehlerhaft und in keiner Weise bevorrechtigt oder höher stehend.

Erdogans Rasen und Wüten steht jedoch in für mich geheimnisvoller Weise mit Fetullah Gülen zusammen. Ich halte es für nicht unmöglich, dass Gülen Erdogan einmal intensiv beraten und vor Reaktionen wie denen der letzten Zeit bewahrt haben könnte. Ohne das (falls das stimmen sollte: unverzichtbare!) Korrektiv Gülen driftet durch Erdogan nun die gesamte Türkei ab. Es gibt diesen Zusammenhang definitiv; aus einer persönlichen Freundschaft zu Gülen wurde in kürzester Zeit ganz plötzlich eine unversöhnliche Feindschaft – und damit brach Erdogans Wüten aus, das ist auf dem Zeitstrahl der Ereignisse nachvollziehbar. Aber ich wiederhole mich: ich kann das mangels Einblick nicht beurteilen.

Erdogan kommt mir allerdings, deshalb die lange Vorrede, längst nicht in allen Fragen als irrationaler Wüterich vor und die Sichtweise der Islamophobiker, die all das schon vor über zehn Jahren geahnt oder gar gewusst haben wollen, muss zurückgewiesen werden.

In der Zwischenzeit ist nämlich allerlei passiert.

Wir haben da die schwachsinnige Idee Deutschlands, eine Terrororganisation namens PKK mit großen Waffenmengen zu versorgen – die PKK hat immerhin gut 40.000 Tote zu verantworten und zögerte in ihrer Geschichte keineswegs, mit ihren Anschlägen vollkommen Unbeteiligte zu töten. Als die PKK ultimativ und unter Ausstoßung furchtbarer Drohungen Ankara Waffen abpressen wollte, damit die Stadt Ain al-Arab (kurdisch: „Kobane“) außerhalb türkischen Hoheitsgebiets vor Daesh („Islamischer Staat“) beschützt werden konnte, war diese Erpressung selbstverständlich zurückzuweisen.

Sowohl die EU als auch die NATO haben der Türkei Erhebliches abverlangt und sich um die Auswirkungen der abgepressten Maßnahmen selten bis gar nicht geschoren. Ein zum Aufmarschgebiet von Armeen degradiertes Land, so war von vornherein erkennbar, muss zwangsläufig eine schwere Schieflage erleiden – und diese wurde u.a. im Grenzgebiet zu Syrien wiederholt durch Granatenangriffe auf zivile Dörfer in der Türkei herbeigeführt.

Dass die Türkei anfangs mit Daesh genau den Falschen bewaffnet hatte, verwundert weiter nicht – hier verweise ich, siehe oben, auf den Schwachsinn des deutschen Bundeskanzleramts, der deutsche Waffen im gesamten Nahen Osten verteilte und natürlich ebenfalls genau den Falschen erreichte und auch auf die USA, die Daesh ebenfalls gezielt (!) bewaffnet und die Gründung des „Islamischen Staats“ überhaupt erst ermöglicht hatte. Die türkischen Waffenlieferungen zu bekreischen und den eigenen Unsinn totschweigen zu wollen, verbessert weder die Lage, noch vervollständigt dies ein objektives Bild von Erdogan.

Auch das Einpeitschen auf türkische Zensur der Presse ist beleibe nicht ohne Beispiel in der angeblich „freien“, westlichen Welt, nur geht es da ein wenig subtiler vor sich. Da schaltet sich schon mal ganz gern und häufig die israelische Regierung direkt ein und übt martialischen, diplomatischen Druck auf westliche Presseorgane aus, um unliebsame Artikel umschreiben zu lassen. Da ruft auch schon mal ein Bundespräsident in einer Redaktion an und stößt Drohungen aus. Aber es ist natürlich schon so: in der von Erdogan geübten Massivität in aller Offenheit und Öffentlichkeit ist Pressezensur dieser Art schon sehr selten und eher in bekannten Despotien beheimatet.

Die ganze „Genozid-Diskussion“ war ein schwerer Fehler, der wieder einmal mangelhaftes Gespür für diplomatisches Verhalten Europas aufzeigt. Die Bemühungen und Bestrebungen Erdogans, recht kurz nach seiner Machtübernahme damals Gesprächsreihen, Kulturaustausche neben weiteren Dialogen mit Armenien aufzunehmen (was das vor ihm regierende Militär verweigert hatte), zielten allesamt auf die Eröffnung eines erneuerten Verhältnisses – wobei dabei schon wenigstens halblaut aber offen die Rede von der „türkischen Schuld“ war. Diese Karte heute laut auf den Tisch zu donnern, bedeutet nichts als Stimmungsmacherei gegen einen scheinbar bereits angeschlagenen Erdogan. Diese Diskussion bestand aus nichts anderem als aus Provokation; auf Basis der längst aufgenommenen Kontakte mit Armenien bestand überhaupt keine Notwendigkeit dafür. Wichtig wäre eine solche Diskussion ausschließlich nur, wenn sich die Türkei generell nur abschätzig, herablassend über Armenien äußern und alle Schuld von sich weisen würde.

In einiger Hinsicht ist Erdogan absichtsvoll in seine isolierte Position getrieben und zu seinen verbalen und sonstigen Ausfällen gedrängt, provoziert worden. Dennoch hat er sich als Staatsmann allein bereits dadurch diskreditiert, dass er dem Druck nicht standgehalten und seine alte, positive wie produktive Linie zugunsten spontaner Aktionen, Gewaltanwendungen und Schreiereien verlassen hat. Er hat sehr viel verspielt, viel zu viel, als dass die Türkei als sensibler Staat, der politisch wie geographisch zwischen allen Welten angesiedelt ist, dies aushalten oder ertragen könnte.

Schade. Auf ihm ruhten nicht wenige Hoffnungen. Er war der erste Staatsmann, der über viele Jahre eindrucksvoll den Beweis geführt hatte, dass muslimische Politiker sehr wohl eine Demokratie errichten und betreiben können.

 

Advertisements

Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
Dieser Beitrag wurde unter Daesh, Demokratie, Deutschland, Extremismus, Geschichte, Gesellschaft, Glaube, Kalif, Krieg, Kultur, Kurden, Leben, Menschenrechte, Militär, Muslime, Naher Osten, PKK, Politik, Präsident, Rüstungsexporte, Religion, Sunniten, Terror, USA, Waffen abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.