Der Unsinn mit „politischem Islam“

Wer Muslimen vorwirft, einen „politischen“ Islam zu leben, der lässt im Grunde faszinierende Rückschlüsse auf seine eigene Persönlichkeit zu. Ein gestern unter Bekannten geführtes Gespräch inspirierte mich zu diesem Nachdenken:

Was ist das, oder was könnte das sein, ein „politischer“ Islam und wie geht man mit der Idee um, Islam sei keine Religion, sondern eine „Ideologie“?

Für mich verhält sich das, als wenn man einem Rad vorwürfe, rund zu sein.In ähnlicher Weist ist Islam selbstverständlich „politisch“ – ein kantiges Rad würde irgendwie nicht viel Sinn machen.

Keine Gesellschaft kann ohne etwas existieren, was ich einen Minimalkonsens nenne: die Akzeptanz grundlegendster, unverzichtbarer Werte – es kann ja nicht sein, dass in Form von Bürgerentscheiden und Wahlen jedesmal aufs Neue in der Gemeinschaft vereinbart zu werden hat, dass Mitmenschen keinesfalls beseitigt werden dürfen. Nehmen wir ein Beispiel: wir steuern mit unserem Auto am späten Abend auf eine ziemlich verlassene Kreuzung zu. Soeben setzt eine sehr alte Dame einen Fuß auf die Fahrbahn, um sie zu überqueren. Dem Gesetz und unserem Empfinden nach kommt es uns nicht in den Sinn, sie zu überfahren, wir halten an. Das ist Minimalkonsens.

Solange sich das Individuum nicht entgegen diesen Konsens, den wir u.a. auch in unseren geschriebenen Gesetzen wiederfinden, stellt, kann es verfahren wie es das möchte. In unserem Beispiel kann ich anhalten, aussteigen und der alten Dame auch über die Straße helfen – dies zu tun, trüge in der Tat u.a. auch einen politischen Akt in sich. Damit würde ich den grundlegenden Sinn unseres Minimalkonsenses übertreffen und nach keiner Maßgabe würde man mir diese Freundlichkeit verbieten wollen.

Nun weiß ich ja sehr wohl, wovon ich da rede: mir selbst wurde im Nahen Osten wohl dutzendfach völlig ungefragt und ungebeten Hilfeleistung gestellt. Kaum, dass irgendjemand erkannte, dass ich ein Problem hatte, sprang man mir bei, erkundigte sich – und half „mal eben“. Und das ging zuweilen deutlichst über kleine Handreichungen hinaus.

Islam erfordert Einmischung, Beteiligung ins Gemeinwesen; er verlangt von Muslimen, sich für menschliche, gesellschaftliche Probleme in seinem Zugriffsbereich zu interessieren. Im Grunde muss das eine generelle Forderung aller Religionen sein – denn eine, der das Handeln seiner Individuen in der Gemeinschaft förmlich egal ist, ist wertlos. Im wahrsten Sinne des Wortes!

Wenn es kein „politisches Christentum“ gibt, dann frage ich mich, wovon alle „C“DU-Mitglieder durchdrungen sind, was ihre Geisteshaltung, ihre Absicht ist. Denn gerade das meint Säkularität natürlich keinesfalls: die vollkommene Entwertung jeder Religion im Gemeinwesen. Und wenn somit kein Christ einer spirituellen Ideologie folgt, demzufolge sein Handeln unberechenbar bzw. auf den Minimalkonsens reduziert ist, dann ist er als Christ im Gemeinwesen wertlos. Erst das Individuum, welches sich von seiner Religion in seinem täglichen Handeln, Sprechen und Denken lenken lässt, ist ein berechenbarer Mensch – und zumeist übertrifft seine Überzeugung den Minimalkonsens, und das nicht unerheblich.

Dieser Minimalkonsens beschäftigt sich nur und ausschließlich mit der Frage, welche Schäden er von Menschen durch Menschen verbietet und womit er eine Zuwiderhandlung bedroht. Er ignoriert dagegen völlig, womit, wodurch einem (Mit-) Menschen das Leben erleichtert, verbessert werden könnte. Somit ist das öffentliche Leben auf Deutschlands Straßen für Muslime nicht ansatzweise so gestaltet, dass er ohne beständige Kompromisse hier leben könnte – er ist von einem gewaltigen „Plus“ auf den Minimalkonsens direkt angewiesen.

Für einen Muslimen reicht es eben nicht aus, rechtzeitig zu bremsen, wenn eine alte, unsichere und ängstliche Dame natürlich genau zur falschen Zeit die Straße überqueren will. Denn lediglich das entspräche dem gesellschaftlich hier verankerten Minimalkonsens. Ein guter Muslim wird immer anhalten und aussteigen, um der Dame über die Straße zu helfen. Damit erwirbt er Lohn bei Allah, er engagiert sich im Gemeinwesen, er ehrt die Dame – und übt das, was von Islamophobikern so gern „heiliger Krieg“ genannt wird, den Dhjihad eben. Djihad beschreibt ganz genau das, wovon ich spreche; er ist das „Realisieren des ‚Plus‘ auf unseren Minimalkonsens“ und hat mit einer gewalttätigen Auseinandersetzung so gar nichts zu schaffen.

Selbstverständlich kann, darf und muss ich sogar als Muslim politisch Mitbestimmung einfordern, denn Islam verlangt eine Regierungsform, die sich eben dadurch kennzeichnet, dass kein Regierender im „luftleeren Raum“ agieren darf. Wenn ich also als Politiker eine entsprechende Rede halte, dann bin ich „guter, überzeugter Demokrat“ – von meinem Glauben gestützt und geleitet, der immer nach dem „Plus auf den Minimalkonsens“ fragt. Hier wird Islam dann natürlich zwangsläufig „politisch“ und könnte, wenn der Begriff nicht so absichtsvoll verzerrend und missbräuchlich in dieser Richtung verwendet würde, sogar als „Ideologie“ verstanden werden.

Es ist komisch, sehr komisch, dass man solches so detailliert niederlegen muss. Sind wir in unserer Gesellschaft soweit gekommen, dass wir solche Selbstverständlichkeiten so genau analysieren müssen? Sind die in Europa sonst vertretenen Religionen mittlerweile so ausgeleiert, hilflos und inhaltsleer, dass ihre Faszination über das sonntägliche Weihrauchschnuppern und Kirchenliedersingen nicht hinausgeht und keinerlei Auswirkungen im praktischen, täglichen Leben hat?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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4 Antworten zu Der Unsinn mit „politischem Islam“

  1. ebenso schreibt:

    Ein Idealzustand, der nur auf dem Papier funktioniert, taugt nichts.

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    • echsenwut schreibt:

      Was für ein Schwachsinn! Dann schaffen Sie mal alle Maschinen ab, denn die funktionieren ideal nur als Zeichnung. Dann gehen Sie mal allein für immer in den Wald, weil es nirgendwo auf der Welt einen haltbaren, nachhaltigen Idealzustand in menschlichen Gesellschaften gibt. Sie wollen bloß zetern und nicht nachdenken, geschweige denn zuhören oder (selbst-?) kritisch prüfen. Damit reihen Sie sich ein in die Reihe von Millionen Dummköpfen, die kreischen, maulen, beleidigen, zerstören.
      Ende der Durchsage.

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  2. ebenso schreibt:

    Wie gut der der Islam, politisch oder nicht, funktioniert, kann man in den Ländern betrachten, in denen er Staatsreligion bzw. kulturell prägend ist.

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    • echsenwut schreibt:

      So kann man das m.E. nicht sehen: Islam beschreibt einen „Idealzustand“ – wie die Demokratie ja auch. Das viele, oder vielleicht sogar die weitaus meisten, damit ihren Schindluder betreiben, richtet sich gegen diese Leute – aber doch nicht gegen die Demokratie! Die Sache als solche ist weit besser als ihre (lautstarken) Verfechter.

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