Israel – über den Unsinn der Herkunft

Historiker wissen, was für ein Blödsinn ein Volk verzapft, welches sich auf seine vorübergehende Herrschaft über einen Landstrich beruft und glaubt, daraus heute einen Herrschaftsanspruch herleiten zu können. Der Versuch, Teilen dieser Landschaft nach Jahrhunderten ganz anderer Nutzung durch ganz andere Völker wieder die damals gebräuchlichen Namen verleihen zu wollen, ist ein Indiz einer schier unerträglichen, jeder Ratio und jeder Scholastik zuwiderlaufenden Starrsinnigkeit.

Fern jedes Nationalismus‘, jeder religiösen Zugehörigkeit, sondern basierend auf nichts anderem als auf Fakten muss solchen Versuchen selbstverständlich durch völlige Verweigerung der Nutzung dieser historischen Namen entschieden entgegengetreten werden. Schließlich gibt es heute auch kein „Gallien“, kein „Germanien“ mehr – und zu recht würden sich Franzosen und Deutsche dagegen wehren, ihr Land auf diese Weise bezeichnet zu sehen. Selbstverständlich existiert daher natürlich auch weder ein „Judäa“, noch ein „Samaria“. Die Übung, viele Jahrhunderte hinwegwischen zu wollen, in welchen die gesamte Gegend der Levante und darüberhinaus von ganz anderen Kräften beherrscht wurde als von jüdischen oder israelischen, verfängt lediglich bei intellektuell eher schwach Aufgestellten. Obschon exakt diese die Zielgruppe derer darstellen, die solche üblen Gerüchte, Hetzereien, Falschinformationen und bizarren Schlüssen daraus multiplizieren. Es funktioniert ja auch. Wie seinerzeit die Nazis, die Begriffe aus fremden Sprachen entfernen und große Teile Osteuropas mit Anlehnungen an eine frisierte Geschichte als „ursprünglich deutsch“ verkaufen wollten, möchte die extremistische Seite Israels heute Tausende und Abertausende von Quadratkilometern Geländes judaisieren.

Die Idee der „Judaisierung“ der Region entspringt nicht etwa wenigen, verrückten Hirnen – angesichts der Geschichte, die der Begriff der „Arisierung“ mit sich gebracht hatte, würde man sich das fraglos wünschen. Die Judaisierung des Gebiets ist mehr oder weniger offiziellere Sprachgebrauch der israelischen Regierung. Immerhin stolperte der französische Konzern Veolia darüber und die Tatsache, dass es genug schriftliche Dokumente gibt, die dem Projekt „Light Rail“ eben genau diese Absicht beigesellt, war für Veolia denn doch zu unappetitlich. Veolia hätte als einer der Auftragnehmer das Projekt, Teile des Westjordanlands exklusiv, ausschließlich nur für Israelis mit Jerusalem zu verbinden, der schriftlich von der Regierung fixierten „Judaisierung“ des Westjordanlands Vorschub geleistet.

Sogar der Versuch verschiedener Betonkopfisraelis, die in Form wahrhaft übelsten Rassismus und Faschismus aggressiv und ganz bewusst provokativ von „Judäa“ und „Samaria“ reden, den Palästinensern generell eine eigene, historische Beweisbarkeit und Identität abzusprechen, ist schärfstens zurückzuweisen. Bisher äffte man in diesen Kreisen, Palästina habe es angeblich nie gegeben; noch nicht einmal die halbwegs gesicherte Vermutung von Historikern, Palästina ginge auf die legendären „Philister“ zurück, hat diese Rassisten beeindrucken können.

Nun aber hat man einen Philisterfriedhof gefunden und einwandfrei als solchen identifiziert. Siehe da: das Volk der Philister ist aus der Bibel heraus in den Rang eines historisch verbrieften und gesicherten Faktums gewechselt. Und wieder war es einmal nichts mit der Behauptung, man könne zwar ein Israel, jedoch kein Philister-/Palästinenserland in der Geschichte identifizieren.

Diese Schreierei, Israel sei angeblich „heiliges Land“ für Juden und diesen exklusiv zugesprochen, ist unerträglich. Ich warte auf den Bürger von Worms, der seinen deutschen Pass zurückgibt und einen von „Burgund“ ausgestellt haben will. Denn er hätte, wenn man in dieser Frage israelisch denken wollte, ganz unbedingt recht: Worms war einst die Hauptstadt der Burgunder. Neben zahllosen Deutschen, die in den letzten tausend Jahren zugewandert waren und somit keine Burgunder sind, müssten Muslime, Juden, Türken und alle anderen Nichtburgunder ausgewiesen werden – Deutschland würde „burgundisiert“. Da die Kimbern, die Teutonen, die Falen (Vorsicht! West- und Ostfalen!), die Cherusker und Vandalen eine etwas andere Sicht auf die Dinge hätten, würden Kriege über diesen Schwachsinn ausbrechen. Wer einem Israeli ein angeblich „heiliges Recht“ auf das Gebiet zusprechen wollte, müsste eine solche Forderung konsequent und selbstverständlich auch jedem Burgunder, jedem Friesen, Hessen, Sachsen und allen anderen zusprechen! Den Scheibenwischer möchte man machen über soviel Schwachsinn!

Für mich ist das am Ende des Tages sehr, sehr einfach: wer immer von „Judäa“ oder „Samaria“ spricht und damit keine Historie, sondern angebliche Gegenwart beschreiben will, outet sich als israelischer Nazi, als durchaus gefährlicher, verblendeter Betonkopf. Wer sich heute auch noch selbst als „Arier“ betrachtet und eine „deutsche Geschichte“ beschwört, die es in der dargestellten Form nie gegeben hat, tut dies ja bekanntermaßen auch. Wo wäre da schon ein Unterschied?

P.S.: In vollendeter Satire und Zynik muss der Ruf: „Israel muss Ashkelon räumen und an Palästina abtreten!“ laut werden. Nach SPIEGEL-Online war Ashkelon eine Philisterstadt und nach israelischer Regierungs- und Hetzerphilosophie haben dann Israelis dort nichts zu suchen. Ashkelon ist somit „heiliges Philister-, also Palästinenserland“ – klingt komisch, oder? Warum eigentlich?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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