Mirsad O. – und die Legende vom „Verrat“

Es gibt eine große Menge an Versuchen heute, Muslime mal hierhin, mal dorthin zu zerren. Es vergeht kein Tag, an welchem man nicht von zahllosen Argumenten und „Argumenten“ heimgesucht wird und verführt werden soll. Die Wege in alle Richtungen scheinen alle leicht, logisch, klar. Es bedarf eines im positivsten Sinne geradezu starrsinnigen Überzeugungskorsetts, um dem eigenen Weg treu und allen falschen Verführungen und Verlockungen fern zu bleiben.

„Willst Du für den Islam kämpfen? Für Deinen Glauben? Für Deine Geschwister in Not?“

Na klar will ich das. Wer würde das nicht wollen? Aber da gibt es nun einmal den Qur’an – und diese Schrift beginnt viele Muslime und „Muslime“ auf ihrem Weg zu stören. Deshalb entnehmen sie dem Qur’an nur Stellen, die ihnen Spaß machen und Bestätigungen liefern – während sie den Rest durch Ignoranz unterdrücken und dadurch schänden. Meines Erachtens fällt nicht nur das körperliche Zerreissen oder sonstige Vernichten eines Qur’ans lotrecht in den Abgrund, sondern auch das geistige. Mir ist nur die Möglichkeit gegeben, mich im Rahmen meines eigenen Lebens, meines eigenen Zugriffsbereichs als Muslim zu betätigen. Gewalt ist keine Option dabei.

Der Qur’an existiert nun einmal. Und mich bindet er. Wege des blinden Hasses, der Zerstörung, des Mords, blutiger Massaker und Terros enthält der Qur’an nicht. All diese Wege lässt er nicht zu. All seine Inhalte, die sich auf Gewaltanwendung von Muslimen anderen gegenüber beziehen, sind natürlich in ihrem Kontext zu verstehen und haben mit einem angeblich generell geforderten Krieg gegen Andesgläubige nichts zu tun. Sie stehen allesamt in der Reihe von Versen, die sich mit einer Verteidigungshaltung auseinandersetzen – die sich gegen Andersgläubige richten, die Muslime wegen ihres Glaubens schädigen, vernichten und vertreiben wollen. In diesen Fällen ist ein Verteidigungskrieg gestattet, obschon seine Notwendigkeit in einem sehr aufwendigen und hochkomplizierten Verfahren festgestellt werden muss. Alle führenden und gelehrten Imame wissen, dass nirgendwo auf der Welt eine derartige Situation vorliegt – also definitiv auch keine kriegerische Handlung gegen Andersgläubige vorgenommen werden darf. Ein Kalif kann und darf nur von der Gesamtheit aller Muslime der Welt eingesetzt werden. Das ist ein derart brutal einfacher und belastbarer Grundsatz, dass man als Muslim buchstäblich Bauklötze staunt, dass es Daesh überhaupt gibt. Denn entweder erklärt er, dass nur er selbst aus Muslimen bestünde und alle anderen keine wären oder er ignoriert mehr als eine Milliarde Menschen nebst ihres Willens vollständig. Solange mich der „Kalif“ nicht gefragt hat – solange wird er niemals Kalif sein können.

Ich habe mich letztens sehr intensiv mit meinem Jüngsten ziemlich genau darüber unterhalten, als wir zusammen die Filmversion von Todenhöfers Buch „Inside IS“ gesehen haben und ich genauso fassungslos vor diesen Bildern stand wie er, der kein Muslim ist. Dieser Mensch, der sich empörenderweise als „Kalif“ bezeichnet, sinkt daher auf den Rang eines verrückten Popanzes herab; spirituell bewertet hat bereits die al-Azhar-Moschee zusammen mit einer großen Expertenkommission festgestellt, dass sich dieser Mensch mit unglaublicher Schuld beladen hat.

Und nun wurde Mirsad O. in Österreich als Hassprediger und für die Werbung für Daesh zu 20 Jahren Haft verurteilt. 20 Jahre Haft. Das ist mehr, als direkt für Mord verhängt wird. Mirsad O. wird für seinen Auftritt in einem YouTube-Kanal verurteilt, in dem er zur Teilnahme an Daesh („Islamischer Staat“) wirbt. Kein Muslim, der diesem Werben gefolgt ist, kann sich vor seiner eigenen Schuld verstecken. Im Islam kann man seine Selbstverantwortung niemals abgeben, niemals Schuld auf andere abwälzen und somit auch nicht geltend machen, dass er ja verführt worden sei. Dem Ruf von Daesh zu folgen oder gefolgt zu sein, spricht nur von ungeheurer Dummheit, von Schuld, von Verbrechen und ich sähe nun nichts, was man zur Verteidigung eines solchen Kämpfers vorbringen könnte. Noch nicht einmal „guten Willen“ unterstelle ich ihm.

Mich kostet es nur sehr wenig Mühe und Zeit, das Urteil in der vorliegenden Form zu akzeptieren und es als wirksame Warnung auch für Muslimen zu verstehen. Es wird das Phänomen Daesh nicht besiegen – es kann allerdings weitere Verblendete davon abhalten, den gleichen, falschen Weg zu gehen. Zudem verstehe ich es als wirksame Maßnahme dafür, Subjekte wie Mirsad O. aus dem Verkehr zu ziehen, sozusagen unschädlich zu machen.

Nein – es ist definitiv kein Verrat, wenn sich Muslime gegen solche wie Mirsad O. stellen und sowohl seine Verhaftung, als auch seine Aburteilung begrüßen.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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