Türkei – und die Säuberungsaktionen

Wer auch nur ein kleines Bisschen mehr nachdenkt versteht natürlich sofort, dass ein Staat, der einen Umsturzversuch abwenden konnte, ein sehr intensives Bedürfnis danach haben muss, nach seinen Feinden zu suchen. Alles andere wäre sträflicher Leichtsinn.

Europa hat es sich in seinen pauschalen und reflexhaften Beschuldigungen, Verdächtigungen und Unterstellungen im Hinblick auf die Türkei sehr bequem eingerichtet. Nach vielen zugegebenermaßen überzogenen Handlungen Erdogans fühlen sich viele Türken- und Islamhasser darin bestärkt und nun betrachten sie ganz grundsätzlich alles, was Erdogan auch immer tut, als „Angriff“ – worauf nun auch immer. Er könnte einfach nur Essen gehen und die Zeitungen wären voll von den „Völlereiexzessen eines kranken Islamisten“. Er könnte einem Kind liebevoll über den Kopf streichen und die Tageszeitungen würden titeln: „Erdowahn macht Kinder an – was will er wirklich von ihnen?“

Zu allem Überfluss werden viele völlig falsche, sehr viele halbfalsche und einige schlichtweg erlogenen „Informationen“ in unsere Presse lanciert. Teilweise wird eine neue „Wahrheit“ künstlich geschaffen, in dem man ganz einfach manche Dinge nicht sagt.

Zum einen finde ich in der arabischen Presse eine vielsagende Abhandlung, die tatsächlich innerhalb der Militärführung und Staatsverwaltung erstaunlich viele Gülenisten erkennt. Und wer genauer hinsieht, der erfährt spätestens jetzt, dass die Gülen-Organisation Hizmet in der Türkei und in vielen anderen Ländern bestens vernetzt und vertreten ist. Bisher, und das ist und bleibt Faktum, ist der islamischen Philosophie dieser eigentlich rein religiösen Verbindung nichts vorzuwerfen; von nirgendwo sind in den zurückliegenden Jahrzehnten belastbare Indizien für Hass, Hetze, Verleumdung, Aufruf zur Gewalt oder einiger anderer Phänomenen gekommen. Eher im Gegenteil: die Hizmet-Schulen, die es auch in Deutschland gibt, arbeiten sehr erfolgreich und sind hinsichtlich ihres pädagogischen Auftrags gut beleumundet. Es gibt auf diesen Schulen dieser religiösen Verbindung noch nicht einmal Religions-, sondern nur Ethikunterricht.

Dennoch ist auch soviel richtig: Fetullah Gülen hat vor vielen Jahren in einer Rede das Bild heraufbeschworen, alle relevanten Staatseinrichtungen mit seinen Anhängern durchsetzen zu wollen. Hier gibt es durchaus zwei Lesarten: wenn ein Bischof fordern würde, möglichst viele praktizierende und tiefgläubige Katholiken in die Verwaltung und Politik zu bekommen, gingen hier wohl nur wenige Warnlampen an. Man würde allzu gern konstatieren, dass die eigentliche Absicht des Bischofs wohl nur darin läge, die Politik christlicher und damit fairer, friedlicher zu gestalten. Man könnte dann aber eines Tages plötzlich die Entdeckung machen, dass der Staat theoretisch von einer Person im Schatten, nämlich des Bischofs, aus dem Dunkel heraus gelenkt werden könnte.

Wenn dann nun ein Staatsstreich versucht würde und, sagen wir, ein Magazin aus Österreich würde melden, dass seltsamerweise etliche der Umstürzler praktizierende, tiefgläubige Katholiken mit Bezug auf unseren Bischof seien, müsste man doch wohl wach werden. Es ist weder unwahrscheinlich noch unmöglich, dass die Türkei eine solche Situation gerade erlebt.

Wie soll man das erklären? Es gab vor gut dreißig, fast vierzig Jahren an der deutsch-niederländischen Grenze einmal ein recht lustiges Vorkommnis: plötzlich lief jede Woche ein Dobermann-Hund ohne jede Begleitung über die Grenze. Man ließ ihn passieren, wunderte sich aber. Ab und zu hielt man den Hund an und untersuchte das auffällig glitzernde Halsband, da man verkappten Juwelenschmuggel vermutete. Die Schmucksteine erwiesen sich jedesmal als Glas. Das muss wohl eine ganze Weile so gegangen sein, bevor der Hund wegblieb. Viel später entdeckte man, dass der Hund keine Juwelen schmuggelte – sondern dass hier Rassehunde geschmuggelt wurden.

Fetullah Gülen transportiert eine islamische Botschaft, die es zu unterschreiben gilt, soviel scheint völlig sicher. Keiner seiner Anhänger wäre je durch Radikalität oder Aggressivität aufgefallen; sie alle sind sanft, dialogbereit, offen, bestens gebildet, zivilisiert und häufig in interreligiösen Dialogprogrammen gerade in Deutschland angenehm aufgefallen. Das ist das Halsband. Ihre schiere Menge und ihr Vertrauen in ihren Prediger machen sie anfällig für mögliche Botschaften der anderen Art.

Gülens Anhänger durchlaufen eine gute, gesunde und wertvolle (Schul-) Ausbildung, die internationalen Standards mehr als gerecht werden. Sie verdanken der Hizmet-Organisation damit einen guten Start in ein gutes, privilegiertes und somit angenehm bezahltes Berufsleben. Sie können für sich umsetzen, ein wegen ihrer Friedfertigkeit und Dialogbereitschaft allgemein akzeptiertes, muslimisches Leben zu leben. Wenn sie dann eines Tages in Lohn und Brot stehen, sind sie auf jeden Fall schon aus Dankbarkeit ohne jedes Misstrauen für Botschaften und Gedanken-„Anregungen“ empfänglich. Immerhin haben sie erlebt, dass man ihrer Bewegung dutzendemale ergebnislos aber sehr argwöhnisch hinterhergeschnüffelt hatte.

Hizmet hat in den zurückliegenden Jahrzehnten eine wertvolle Schnittstelle in der Türkei besetzt gehalten. Da das türkische Abitur auf niedrigem Niveau steht, fällt angehenden Studenten der Start auf einer Universität erheblich schwerer. Hier etablierte sich Hizmet mit einer gern angenommenen Schule, die diesen Brückenschlag leichter gestaltete: Abiturienten schrieben sich dort ein, paukten wochenlang und waren dann in der Lage, die Aufnahmeprüfungen der Universitäten zu bewältigen. Das ist gut, kann man denken, da haben die jungen Leute eine Chance. Vor allem wenn man weiß, dass das von Hizmet religiös transportierte Gedankengut unkritisch, unverdächtig ist.

Aber auf einmal kann man realisieren, dass plötzlich von zehn Staatsangestellten, Militärs und Richtern acht Gülenisten sind. Ein Staat im Staat? Eine brandgefährliche Situation. Die müsste nicht zwangsläufig Sorge bereiten – wenn eben nicht auch außertürkische Einschätzungen und Informationen berichten würden, dass etliche Militärs, die sich dem Putschversuch angeschlossen hatten, ausgewiesene Gülenisten sind.

Wir müssten hier in Deutschland eigentlich ein großes Maß an Verständnis für eine Aktion in der Türkei haben; unser Land hat nach der Kapitulation genau darauf verzichtet und eine lustlose, völlig ineffektive Kampagne der „Entnazifizierung“ gefahren. Im Ergebnis fanden sich Zehntausende steinharte Nazis in Amt und Würden, versehen mit Einflussmöglichkeiten und sehr auskömmlichen Gehältern an den Schaltstellen deutscher Macht wieder. Unsere Geheimdienste waren derart durchsetzt von ihnen, dass man sich dort erlaubte, an „judenfreien“ Orten in der jungen, vorgeblich „entnazifizierten Bundesrepublik“ interne Festlichkeiten durchzuführen. Viele Jahre später entfernte man erst unter großen Mühen einige der furchtbarsten Nazis aus öffentlichen Ämtern – wer mag, darf gern unter dem Stichwort „Affäre Globke“ googeln und staunen. Hunderttausenden von Heimkehrern und Opfern der Nazis wurden durch die Nazis, die in der neuen Republik untergekrochen waren, noch lange nach dem Krieg schwerer Schaden zugefügt. Juden, die tatsächlich zurückkamen und ihr von Nazis geraubtes Eigentum zurückverlangten, wurden fortgeschickt – ihre Enteignung durch die Nazis wurde also aufrechterhalten. Durch Nazis. Über die „Rattenpfade“ schleusten diese Leute ihre alten Kameraden aus SS & Co. unbeschadet nach Lateinamerika etwa, wo sie in Frieden, Freuden und wohlhabend bis an ihr Lebensende unangetastet geblieben sind.

Bevor unsere hauptamtlichen Besserwisser, Schreihälse, Islamophoben und Türkeihasser vom zweiten in den dritten Geheul-Gang schalten, sollten sie sich vielleicht diesen Betrachtungen widmen. Nicht um zu lernen – denn das werden sie nicht.

Aber vielleicht reicht ihr Intellekt wider Erwarten doch dazu, wenigstens aus Vorsicht erst einmal die Klappe zu halten, bevor sie mit ihrer Schreierei wieder einmal ihr Gesicht verlieren.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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