Hauptsache, wir erschaffen ein Wort:“Amokattentat“

Na – dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Wenn man etwas sieht und ihm ein Wort verleiht, dann tritt das Phänomen dahinter ins offene Licht und man könnte Maßnahmen ergreifen. Was man nicht sieht und nicht benennt, das macht Angst.

Und nun haben wir die Raserei mit der Axt in eine semantische Hülle geschlagen:

Amokattentat.

Fühlen wir uns jetzt besser? Lernen wir dadurch jetzt, genauer hinzuschauen und versuchen wir etwa, Fragen zu beantworten, die wir uns ganz absichtsvoll bisher nicht gestellt hatten? Treten wir der Antwort jetzt näher, weshalb zum Donnerwetter ganz plötzlich völlig Unverdächtige ausrasten, zu irgendeinem Alltagswerkzeug greifen und töten?

Nein. Das tun wir nicht.

Warum auch. Immerhin umhüllen wir uns mit dicken Lagen Gleichgesinnter, die uns mit ihrer eigenen, gespielten und gewollten Ahnungslosigkeit einen gnädigen und mitfühlenden Mantel stillschweigender Kumpanei umlegen und uns darin bestärken, dass wir doch die Guten sind, die aller Welt helfen und dass wir erschüttert sein dürfen, weil uns keine Dankbarkeit, sondern Tötungsabsicht entgegengebracht wird. Ja, reden wir uns gegenseitig ein, wir dürfen Angst haben. Wir dürfen Wut spüren, wir dürfen diejenigen, die mit den Mördern etwas gemeinsam haben, in Sippenhaft nehmen, beschuldigen, verdächtigen – und verraten, alleine lassen.

Niemand nimmt uns in die Verpflichtung, über uns selbst, die Taten unserer Gemeinschaft, unsere Politik nachzudenken. Niemand. Keiner verlangt uns ab Rechenschaft abzulegen, weshalb wir im Namen des Friedens Tausende von Tonnen Waffen an diejenigen liefern, die uns das meiste Geld, die größte Macht anbieten – ganz egal, welche Überzeugungen sie vertreten und welch furchtbare Verstöße gegen jedes Menschenrecht sie durchziehen. Nein, wir entschuldigen uns mit der selbstangerichteten Blindheit, die uns verbietet, uns um die Hintergründe von soviel Leid zu bekümmern.

Es interessiert uns überhaupt nicht, was die Motive des jungen Afghanen waren. Wir halten ausschließlich nur für ein Problem, dass uns jemand angreifen könnte. Unsere Schuld interessiert uns nicht.

Dabei fällt uns das schreckliche Ungleichgewicht nicht auf – weil wir uns seine Wahrnehmung einfach verbieten. Eine Art furchtbares, allgemein verordnetes, eisiges wie tödliches Schweigen eint uns. Wir wollen überhaupt nicht wissen, wie oft ein Junge vom Feld kommt und sein Elternhaus in Trümmern vorfindet. Wie er verzweifelt versucht, seine toten, zerrissenen und blutenden Eltern unter Tränen aus der Ruine zu ziehen. Es war eine deutsche Bombe, aber das wollen wir nicht wissen. Weil wir uns vorstellen könnten, wie wir uns in der Situation dieses Jungen fühlen würden – und das ist uns unangenehm.

Was würden wir wohl in dieser Lage tun? Das, was wir diesen Jungen abfordern, wenn sie zu uns kommen? Brav sein? Uns integrieren? Gute, deutschfreundliche und grundgesetztreue Deutschlandfans werden? Würden wir das? Drehen wir das doch mal um und denken uns, dass ein afghanischer Heckenschütze in unserer Stadt unserem Kind aus Langeweile in die Genitalien schießt. Einfach so. Aus Bock. Aus Langeweile. Oder denken wir uns, dass unsere Frau niederkommt und einem alpdruckhaften Gewebsbündel das „Leben“ schenkt, weil die gesamte Umwelt mit uranangereicherter Munition verseucht ist und das Kind unrettbar im Mutterleib geschädigt hat. Wir stellen dann fest, dass wir dies Schicksal mit Hunderten anderer Familien teilen, die vollständig traumatisiert irgendetwas beerdigen, was häufig genug noch nicht einmal Ähnlichkeit mit einem Menschen hat.

Aber all das wollen wir nicht. Wir erwarten, dass die „Empfänger“ unserer Waffenlieferungen, die ihr gesamtes Leben, ihre Familien, ihr Hab und Gut ausgelöscht haben, fröhliche, dankbare und vor allem grundüberzeugte Vertreter unserer Kultur und Gesellschaft sind. Sollten sie allerdings unter ihrem Verlust leiden, dann klassifizieren wir sie eben als undankbar, verstockt, rückständig, bösartig, aggressiv.

Wenn G.W.Bush mit einer geradezu krankhaft bizarren Religiosität im Kopf und Maul eine gute Million Menschen unter Lügen hinrichtet, dann versammelt sich heute eine „Irakgeberkonferenz“ und die ganze Welt sammelt ein bisschen Geld, um den Krieg der USA im Irak weiterzuführen. Die deutsche Regierung hat wegen der über hundert Menschen, die durch deutsche Schuld beim Kunduz-Massaker umgebracht worden sind, nicht nur jahrelang würde- und ehrlos über jeden einzelnen Cent einer geradezu schäbigen „Entschädigung“ gestritten, sondern den Täter, Oberst Klein, darüberhinaus auch noch zum General gemacht. Weil uns das alles nicht interessiert.

Das ist alles so weit weg. Wir schrauben, nieten, schweißen an unseren Waffen, winken ihnen auf ihrer Reise in die Krisenregionen der Welt hinterher, machen Feierabend, trinken unseren Kaffee beim Grillen auf der Terrasse und beklagen uns, dass das Werk unserer Produkte plötzlich an unserem Vorgarten vorüberläuft und uns nicht liebt. Wie undankbar.

Wir schlagen uns zwar gegenseitig mit Holzlatten die Schädel wegen Nichtigkeiten ein – Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit anderer, die durch uns furchtbare Verluste erlitten haben, erkennen wir nicht an. Viel lieber rätseln wir in eine Richtung von der wir ahnen, dass sie die falsche ist. Wir suchen die Schuld in einer Religion und wollen überhaupt gar nicht wissen oder gesagt bekommen, dass sie beliebig austauschbar und nur ein Vorwand ist. Wir beschimpfen die, die uns das sagen, weil sie uns wecken könnten. Wir verachten diese Kritiker, weil wir für uns beschlossen haben, dass unser neuer Wagen und unsere Fernreise ausreichende Indizien für die Bevorrechtigung unserer Kultur liefern. Wir sind die, die Waffen bauen und nicht die, die daran sterben. Wir sind oben. Wir sind gut. Wir sind klug.

Deshalb sind alle anderen, die durch unsere Hände sterben, immer die Benachteiligten, die Bittsteller, die Rückständigen und vor allem die Schuldigen. Sie sind schlechter. Niedriger. Sie haben zu funktionieren und zu gehorchen. Denn wir sind die, die Waffen bauen, wir sind die mit den neuen Autos, die mit dem Bier, dem Fußball – und die mit der Ahnungslosigkeit, die wir so lieben und brauchen.

Vor allem brauchen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Hauptsache, wir erschaffen ein Wort:“Amokattentat“

  1. wsfdsffdsf schreibt:

    Vielleicht schreibe ich noch eine Erwiderung, jeder Satz ist aber so grundfalsch, verlogen und deppert, dass der Text fast uferlos werden könnte, deswegen nur eine private Frage: Termin beim Neurologen schon gemacht?

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    • echsenwut schreibt:

      Leider kenne ich weder Ihren Namen noch Ihre Adresse – wie soll ich da einen Termin für Sie vereinbaren? Ich bin überzeugt davon, dass Sie schnelle und umfassende, psychiatrische Hilfe benötigen, aber vielleicht wenden Sie sich besser doch an Ihre Angehörigen. Bis Sie behandelt werden, schreiben Sie gern Ihre „Erwiderung“; das kann als Beschäftigungstherapie helfen und hält Sie davon ab, anderen und woanders Schaden anzurichten. Ich lösche sie ungesehen, aber das Gefühl, zu irgendeinem Kontakt zu haben, hilft Ihnen sicherlich auch so.

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