Türkei und Ägypten – und die Dummheit

Nicht erst ein arabisches Magazin hat mich auf die Idee gebracht, wie sehr sich einerseits die Bilder beider Länder gleichen und wie extrem entgegengesetzt in beiden Fällen durch Europa und die Europäer breitflächig reagiert wird.

Der ägyptische Putschist al-Sisi schlug vor ziemlich genau drei Jahren ebenso brutal wie blutig zu. Der von ihm angeführte Militärputsch fegte innerhalb von wenigen Tagen Tausende aus dem Leben. Es gibt eine ganze Reihe qualitativ sehr guter Videomitschnitte, wie Heckenschützen mit Maschinengewehren in die Menge halten. Beim Rabaa-Massaker sind Hunderte niedergemäht worden, weitere Hunderte kamen durch wahllose Schüsse in Demonstrationen ums Leben.

Die Kommentare hier in der Presse und im Netz überschlugen sich – allerdings in ihrem Wunsch, der Diktator möge noch mehr, noch sehr viel mehr Demonstranten und Putschgegner töten.

In Ägypten wurden Dutzende von Radio- und TV-Stationen geschlossen, manche gar durch Panzerbeschuss zerstört, journalistische Ausrüstungen wurden auf offener Straße vernichtet, Reporter erschossen. Beinah alle Zeitungen erhielten „Besuch“ vom Militär und wurden unter massiven Todesdrohungen davon „überzeugt“, entweder „freiwillig“ zu schließen – oder sich auf die Seite der Putschisten zu schlagen.

Die Zahl der politischen Gefangenen wird derzeit auf 50.000 geschätzt; die weitaus meisten von ihnen erhalten systematisch keinerlei Kontakt zu Anwälten oder Angehörigen und sind schwerer, schwerster, verstümmelnder Folter unterworfen. Manche verschwinden vollständig und tauchen noch nicht einmal als Leiche wieder auf.

Im Ergebnis wurde der Ägypter mit allen Ehren von unserer Bundeskanzlerin in Berlin empfangen. Weder sie noch sonst irgendjemand hatte seine Aktionen vorher je kritisiert. Auch der Umstand, dass etwa in einem speziellen Fall mehrere hundert Oppositionelle in einem bizarren Gerichts-„Verfahren“ wegen eines einzigen, vorgeblichen Mordes allesamt zum Tode verurteilt worden sind, hat keine einzige (!) europäische Regierung kommentiert.

Das Tottreten der gesamten, innerägyptischen Presse, das ganz offene Niedermetzeln tausender Putschgegner hat niemanden interessiert. Eher im Gegenteil: der ägyptische Diktator ließ über einige Demonstrationen Helikopter aufsteigen; auf dessen Kufen standen außen Schützen, die von oben mit Maschinengewehren wahllos in die Menge feuerten, was mehrfach über Video dokumentiert und aller Welt über YouTube zur Verfügung gestellt wurde. Die USA hatten ein Einsehen, dass ein solches Improvisieren zu Lasten der Tötungseffizienz geht und lieferte Apache-Kampfhubschrauber. Damit hat der Diktator wenigstens nun auch Granaten und Lenkwaffen gegen Demonstrationen von oben zur Verfügung. Nicht bloß Maschinengewehre.

Die privaten, politischen und medialen Stimmen hielten sich mit jeder Kritik zurück. Einige hetzten den Diktator sogar noch weiter auf und feuerten seine Vernichtungsaktionen als „begrüßenswert“ an. Als ich damals über diese Massenerschießungen berichtete, nannte man mich einen „kranken Islamisten“.

Das verbindende Glied zwischen der Türkei und Ägypten sind  – die Muslime. Wenn es um ihre Vernichtung geht, kneift Europa schon mal ganz gern ein Auge zu, da nimmt man es mit Menschenrechten, Pressefreiheit und Demokratie nicht so genau. Hauptsache, es wird irgendwie auf Muslime eingeschlagen. Dem türkischen Präsidenten ist seitens der Fakten bisher nicht vorzuwerfen, dass der Ausnahmezustand und die Massenentlassungen (Entlassungen, nicht Erschießungen!) unangemessen wären, da bisher niemand genaue Hintergründe kennt. Sein Vorwurf, der gesamte Staats- und Bildungapparat sei von Gülenisten durchsetzt, kann nicht nur nicht zurückgewiesen werden, er erhält zwischenzeitlich sogar durch parallele Recherchen ein Fundament. Immer mehr Türkeikenner bekennen kleinlaut, dass es nicht nur eine Möglichkeit für eine solche Unterwanderung gibt – sondern sogar etliche Indizien dafür. Einige der Putschisten sind bekennende Gülenisten. Aber wie dem auch sei: für Europa ist längst alles klar. Weil Erdogan ein bekennender Muslim ist und den Islam lebt und propagiert, kann ja nur alles, was auch immer er tut, nur ein Verbrechen sein. Wie ich schon sagte: und wenn er beim Teetrinken gefilmt wird

Aber das ficht die europäische Szene natürlich nicht an. Der ägyptische Diktator sollte auch möglichst viele Muslime töten und wird dafür mit Waffengeschäften größeren Stils seitens einiger, europäischer Staaten bedacht und dafür erhält er 1,5 Milliarden Dollar direkt von den USA, die ohne jede parlamentarische Kontrolle (in USA und Ägypten) direkt in die Taschen des Militärs fließen. Kein Mucks zu dessen Raserei auf Ägyptens Straßen. Nichts. Immer mehr Stimmen werden laut, dass willkürlichen Tötungen, Folter und der Vergewaltigung von den Putschisten zur nachhaltigen Entmutigung aller möglicherweise kritischen Stimmen in Ägypten angeordnet worden sind. Entsprechende Beweise wurden etwa von Menschenrechtsorganisationen öffentlich vorgelegt – werden aber vollständig ignoriert. Viel lieber verhandelt man mit dem Diktator parallel dazu über seine israelfreundliche Haltung und belohnt ihn dafür.

Erdogan dagegen entlässt – und erschießt nicht. Er schließt Zeitungen – aber er feuert keine Granaten hinein. Bisher existiert überhaupt kein belastbarer Beweis dafür, dass Erdogan ausschließlich nur seine politischen Gegner jagt – all diese Behauptungen sind derzeit nur solche. Es geht im Moment bei der ganzen, internationalen Schreierei gegen ihn nur um Behauptungen. Politikforscher sind sich dagegen sehr einig, und selbst die Intergrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, bestätigt dies, dass eine tief- wie weitgreifende Säuberung nach einem Putschversuch natürlich das erste Mittel der Wahl darstellt.

Der ägyptische Pharao dagegen muss die ganze Welt gegen sich haben; bisher hat er Zehntausende an Verhaftungen, Hinrichtungen, willkürlichen wie wahllosen Erschießungen, das vollständige Zertreten aller Presse, Folter und Zerstörungen persönlich zu verantworten. Und das alles geschieht auch noch unter seinen Beteuerungen, das setzt allem die Krone auf, er wolle angeblich „Islamismus“ in Ägypten ausmerzen. Tatsache aber ist, dass gerade unter seiner Herrschaft extremen Fügeln des Islams alle Zügel abgenommen, alle Tore geöffnet worden sind. Noch nicht einmal unter dem Diktator Mubarak, auch nicht unter dem Muslimbruder Dr. Mohammed Morsi, dem ersten, freigewählten Präsidenten, sind auch nur näherungsweise derart krude, bizarre, ja kranke Rasereien wütendsten Islamismus‘ ausgebrochen. Plötzlich wird unter al-Sisi ein Gesetz gelebt, das jahrzehntelang bereits vorlag, aber nie mit Leben gefüllt wurde; plötzlich jagen Islamisten Homosexuelle und Andersgläubige mit Kameras und Holzlatten. Auf einmal gibt es tatsächlich Anklagen deshalb und auch Verurteilungen mit drakonischen Strafen. Aber weil der Diktator von außen eingesetzt, mit Geld und Waffen gefüttert und erfolgreich gegen Palästina in Stellung gebracht werden konnte, bedankt sich Europa brav dadurch, dass wir von diesen extremistischen Umtrieben der neuen Regierung gar nicht informiert werden.

Für die Augen der Europäer findet in Ägypten angeblich ein „Streiten gegen Terror und Islamismus“ statt; das genügt völlig, um von den großen Industrienationen gesegnet und in allen Ehren aufgenommen zu werden. Und deshalb begrüßt Europa das massenhafte Sterben von Muslimen in Ägypten – und deshalb sind alle Maßnahmen Erdogans, dem bekennenden, politischen Muslim, selbstverständlich immer verboten, gefährlich, extremistisch, islamistisch.

Nur wenige Tage hat es gedauert, bis sich alle westlichen Regierungen einig und unisono in Verurteilungsschreiereien verfallen waren. Lächerliche Kleinigkeiten wie Beweise etwa braucht niemand, denn hier geht es darum, eine islamische Partei zu diskreditieren, und da darf man schon mal fünfe grade sein lassen. Niemand fragt sich, weshalb sich denn wohl selbst regierungskritische Stimmen unter Erdogans Fahne versammeln und keinen interessiert es seltsamerweise, dass weiteste Kreise unter Kurden Solidarität mit ihm bekennen. Da dies nicht ins Bild passt, wird es auch nicht diskutiert. Die Doofen in unserem Europa giften ohnehin schon seit vielen Jahren gegen Erdogan und sie beteiligen sich nur zu gern an den substanzlosen Diffamierungen – weil sie es ja sowieso „schon immer gewusst“ haben wollen. So eben wie Nazis, die damals wie heute, also seit ungefähr schon zweihundert Jahren „schon immer gewusst“ hatten, dass Juden gefährliches Ungeziefer sind. Aber das ist das altbekannte Heer der kleinen, dummen Dreckwerfer, aus denen sich im Übrigen auch die niedlichen kleinen Trolls rekrutieren, die mich ganz gern ab und zu mit ihrem geistigen Unrat, ihrem Unvermögen, ihrer intellektuellen Hilflosigkeit bedenken wollen.

Ein intelligenter, aufmerksamer Beobachter ist momentan daran zu erkennen, dass er sich abwartend verhält, solche dummen Schreiereien zurückweist und der Belege, Beweise, harrt, die ganz sicher in nicht allzu ferner Zukunft öffentlich werden und entweder die eine oder die andere Annahme bestätigen werden.

Die nahe Zukunft wird sehr faszinierend: während Europa gemeinsam die Türkei als „Despotie“ bezeichnet, die angeblich die Menschenrechte missachte, die Freiheit mit Füßen trete, ihre Gegner ausmerze und auch sonst nichts Akzeptables, nichts Produktives zuwege bringt, wird der „Flüchtlingsdeal“ aufrecht erhalten werden – was natürlich niemanden stört, denn dieser „Unrechtsstaat“ wird auch weiterhin Fliehende davon abhalten, unsere satte, dumme Wohlfühlzone durch den Effekt der eigenen, gewinnlerischen Politik verunsichern zu lassen. Das geht dann schon klar. Wie schon gesagt: unsere Verlogenheit, Dummheit und Heuchelei ließe Erdogan straflos auf offener Straße und vor laufenden Kameras Babies erschlagen – solange er bloß die Flüchtlinge bei sich behält, wird er bekreischt, aber bezahlt.

Da fragt man sich langsam, wo man eigentlich tatsächlich „Unrechtstaaten“ finden kann.

( @ meine treuen Trolls: Scheuen Sie sich nicht, mich wieder mit einer Flut von Unflätigkeiten zudecken zu wollen. Ich lösche die Dinger ungesehen – aber Ihnen geht es vermutlich besser, wenn Sie einmal auf „Abschicken“ geklickt haben. Mich freut ja, dass Sie mich so treu und zuverlässig lesen – da können Sie im Nachhinein nicht mehr behaupten, Sie hätten nix gewusst. So wie es eben Gewohnheit unter Nazis ist.)

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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