Türkei – F. Gülen, langsam kommen Fakten

Es ist ja immer so: die ersten Schreiereien sind allein schon deshalb meistens völlig uninteressant, weil manche Kenner von Hintergründen sich erst später, häufig leise und verhalten, mit Hintergrundinformationen melden.

So auch hier.

Ein früherer Intimus von Gülen, Latif Erdogan, hatte bereits 2009 und auch 2014 bereits Interviews gegeben in welchen er seine Gründe dafür erklärt hat, weshalb er sich aus Gülens Organisation entfernt hat.

Er bestätigte schon damals, dass das reine Gedanken- und Glaubensgut der Hizmet-Bewegung unverdächtig und keineswegs radikal oder anderweitig extrem sei; Gülen betrachtet den türkischen Sufi und Vordenker Said Nursi als Mentor und auch Latif Erdogan bestätigte die Freiheit der Hizmet-Oranisation von Gewalt und Hass. Es habe zu Beginn keine politische Vision in der Bewegung gegeben, so Erdogan; Hizmet sei eine rein spirituelle und im Alltag hervorragend vernetzte Bewegung gewesen.

Allerdings galt Gülen, den in dieser Anfangszeit eine tatsächlich unverdächtige, offene Freundschaft mit Reccep Tayib Erdogan verbunden hatte, schon immer als Pragmatiker. So stellte er sich gegen Erdogans scharfe Reaktion im Nachgang zum Massaker der Israelis auf der „Mavi-Marmara-Mission“, die durch den Feuerüberfall Israels auf zivile Schiffe zehn Todesopfer forderte. Erdogan drehte daraufhin alle Verbindungen zu Israel bis hin zu grundlegenden, diplomatischen Kontakten auf Null. Gülen verurteilte Erdogan dafür und plädierte im Gegenteil für eine ruhige und verständnisvolle Politik in Richtung Israel.

Latif Erdogan betrachtete und beobachtete hier den Beginn eines fundamentalen Risses zwischen Gülen und dem Präsidenten.

Zu diesem Zeitpunkt wurde sich Gülen mit seiner Hizmet-Organisation völlig klar, dass sein Bildungswerk im Verlauf der zurückliegenden Jahre tatsächlich den gesamten Staatsapparat der Türkei mit seinen Anhängern besetzt hatte. Die Schärfe der wohl zunächst lediglich auf intellektueller Basis geführten Diskussion zwischen dem Präsidenten und Gülen nahm 2010 zu; die Hizmet-Bewegung kooperierte nun sowohl mit dem CIA, dem Mossad, als auch mit Neo-Cons; die Organisation wechstelte aus dem Feld der reinen Bildung nun auch in die Politik.

Bereits 1980, Gülen selbst lebte und arbeitete noch in der Türkei, gelangten viele seiner Anhänger infolge des damaligen Militärputsches in die ersten Positionen im Staatsapparat. Sie galten als hervorragend gebildet und spirituell wie politisch gemäßigt – es würde ja auch in Deutschland niemandem verdächtig erscheinen, wenn sich plötzlich viele Anhänger bzw. Mitglieder der Katholischen Arbeiterjugend in Parlamenten und Amtsstuben wiederfänden. Nun aber, nach mehr als dreißig weiteren Jahren, verfügt Hizmet über ein dicht gewobenes Netzwerk seiner Anhänger, die zwischenzeitlich auch hohe und höchste Positionen innehaben.

Zitat aus einem Interview mit Latif Erdogan:

“I agree that it’s a parallel state. At the beginning, our goal was to educate people in religion and morality, but the movement went political when it got bigger. Gulen changed and turned to politics and wanted to be a leader who can rule Turkey. We started on our road together with a spiritual message, but now it’s only secular. He should go back to it,”

(Übers.: „Ich stimme zu, dass es ein paralleler Staat ist. Zu Beginn war es unser Ziel, Menschen religiös und moralisch zu bilden, aber als die Bewegung größer wurde, wurde sie politisch. Gülen änderte sich, wandte sich der  Politik zu und wollte zu einem Führer werden, der die Türkei regieren könne. Wir starteten auf unserem Weg mit einer religiösen Botschaft, aber nun ist sie säkular. Er sollte dahin zurückgehen.“

Gülen unterhält heute eine sehr große, weltumspannende Bewegung – die, da kann und muss man sich beständig wiederholen, definitiv keine radikale oder extreme Botschaft verbreitet. Sie hat aber in der Tat bis vor Kurzem noch viele Tausend ihrer Anhänger in allen Organen des türkischen Staates gehabt – die Säuberungen Erdogans haben diese Unterwanderung, die sich als politisch ausschlaggebend und dominant hätte herausstellen können, beendet. Je mehr Details an die Oberfläche kommen, desto richtiger erscheinen die massiven Korrekturversuche der Türkei und desto weniger scheint Erdogans Aussage, die Gülen-Bewegung sei ein Feind der Heimat, Hysterie oder irrationale Wut zu sein.

Religiöse Hysteriker mit Regierungs- bzw. Entscheidungsverantwortung stellen für jeden Staat maximale Gefahr und Bedrohung dar. Wir sehen in anderen Fällen wie z.B. Israel, zu welchem Irrsinn religiös Verblendete neigen, wieviel Gewalt sie anwenden und säen, was für eine Spur von Irrsinn und Tod sie hinter sich herziehen. Meiner Meinung nach darf und sollte jede Regierung religiös empfindende Menschen in sich tragen, da sie durchwegs hochstehenden, humanitären Werten folgen und auf diese verpflichtet sind. Es darf aber kein Staat Elemente seiner Gewaltenteilung zur ausschließlichen Domäne spezieller Glaubensrichtungen ausliefern.

Wenn die Berlinerin Betül Ulusoy als Mitglied der Jungen Union und als praktizierende Muslima nun davon gesprochen hatte, die Türkei müsse von „Dreck“ und „Schmutz“ befreit werden, dann sieht sie die Verhältnisse dort m.E. schon sehr korrekt. Hysterie, Irrsinn, Radikalität sind in der Politik grundsätzlich immer extrem schädlicher und gefährlicher Dreck und Unrat. So akzeptabel, so hochqualitativ die Ausbildungen in der Hizmet-Organisation auch sein mögen, so stellen sie dennoch im Hinblick auf die Staatspolitik der Türkei einen möglicherweise gefährlichen Erreger dar, der mit einer religiösen Wahnidee nach der Macht würde greifen können.

Es gilt noch weiter abzuwarten. Sobald sich jedoch herausstellt, dass sich die Säuberungen tatsächlich konkret gegen die Hizmet und nicht gezielt gegen politische Gegner richten, sollten sie weiterlaufen. Wir werden noch Zahlen geliefert bekommen und neue Einzelheiten hierzu erfahren. Erst gestern wurde seitens Ankara noch einmal versichert, dass es hier keineswegs um die Entfernung von Demokratie, sondern lediglich um die Entfernung einer Bedrohung gehe. Da wir von großen Demonstrationen gegen die Regierung hören, die trotz des Ausnahmezustandes ablaufen, scheinen ur-demokratische Werte aufrechterhalten zu werden.

Die neuen Faktenlagen finden sich in deutschen und europäischen Medien entweder gar nicht oder nur als Randnotizen wieder. Das große Heer der Phobiker, die sich längst auf Erdogan eingeschossen haben, sollen nicht mit Informationen verunsichert werden, die ihren Lieblingsfeind entlasten könnten. Diese Einzelheiten werden ihnen vorenthalten; dies geschieht nicht bösartig, sondern folgt dem Charakter unserer Presse: die Menschen wollen das nicht lesen. Erdogan hat ein kranker Islamist zu sein und so wird geschrieben, veröffentlich und verkauft, was diese Leute auch nachfragen. Meines Erachtens ist es beinahe ein Zufall, dass sich diese Meinungsströmung auf Europas mit dem Ziel der Regierungen deckt, die Türkei weiterhin zu isolieren bzw. isoliert zu halten.

Man würde sich ganz unglaublich schnell mit einer Militärregierung geeinigt, in Windeseile einen Haufen von Wirtschafts- und Kooperationsverträgen gegengezeichnet haben weil man darauf vertraut, dass bezahlte Putschisten viel effektiver auf den Straßen ihres Landes auch mit brutaler Gewalt durchdrücken, was anderswo erdacht worden ist. Es wäre ein Traum Europas gewesen: Israel mit dicken Kissen eines bezahlten Putschstaates im Norden und mit Ägypten einen im Süden zu flankieren. Willenlose Regierungen, die vollkommen unfähig zu einer erfolgreichen Bekämpfung schwerster Wirtschaftskrisen sind und deshalb am Geldtropf hängen, sind Wunsch-„Partner“.

Das Weinen und Heulen etlicher europäischer Politiker in Bezug auf die Türkei unserer Tage besteht aus Krokodilstränen und dem aufrichtigen Entsetzen, es entgegen allen Hoffens und Bangens noch immer mit einer selbstbewussten, türkischen Regierung zu tun zu haben, die nicht fernsteuer- oder bezahlbar ist. Aus diesem Grunde wird weder die Bundesregierung, noch Europa Begütigendes oder Beruhigendes, geschweige denn Fakten in die Medien spielen. Sie alle brauchen die Schreiereien der Dummen gegen Erdogan – und sei es als Pflaster für ihre eigenen Wunden.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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