Türkei – und der Neid

Zunächst reduzierten sich europäische und vor allem deutsche Medien darauf, ihrer „Angst“ um die Demokratie in der Türkei Ausdruck zu verleihen. Das tut gut. Menschen schielen immer gern um sich, ob sie nicht noch jemanden unter sich selbst verorten können, ob da nicht jemand ist, der durchaus noch schlechter dransein könnte als man selbst, denn an eine europäische oder deutsche Demokratie glaubt ja kaum noch jemand. Es muss doch jemand zu finden sein, der noch weniger demokratisch ist als man selbst.

Deshalb schreibt man zwar sehr gern davon, dass Erdogan angeblich „die Opposition auslöschen“ wolle, benennt aber eigentlich nie konkrete Vorstöße gegen konkrete Opposition. Nun ziert man sich in Europa seit Wochen, die jetzt massiv anlandenden Informationen über die tatsächliche Durchseuchung der türkischen Administration durch Gülenisten in die Zeitungen zu tragen. Das wäre nämlich nicht soooo coool, wenn jetzt eingestanden werden müsste, dass Erdogan völlig zu Recht einem massiven Handlungsdruck zu folgen und tatsächlich zu massiven Säuberungen zu greifen hat.

Schon längst sind etliche, erhellende Informationen erhältlich, die in der Tat von hunderttausenden Gülenisten sprechen und viele Stimmen fordern bereits seit Jahren, die Türkei vermittels solcher Durchleuchtungen und Säuberungen gerade vor der Gefahr zu bewahren, die sie beinahe ins Straucheln gebracht hätte. Die „schwarzen Listen“, nach welchen augenblicklich verhaftet wird, lagen tatsächlich seit Jahren vor und spiegeln Erkenntnisse des Geheimdienstes, die längst auch von außen bestätigt worden sind.

Und jetzt das. Noch nicht einmal mehr der SPIEGEL als neues, konservatives Kampfblatt eines ehemaligen BILD-Redakteurs kommt daran vorbei, ein massiv vorgetragenes Volksvotum als solches zu beziffern:

Die Kundgebung auf dem Yenikapi-Platz stand unter dem Motto „Demokratie und Märtyrer“. Neben Erdogans islamisch-konservativer Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) waren auf Einladung des Präsidenten auch Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu von der Mitte-links-Partei CHP und der Chef der ultranationalistischen MHP, Devlet Bahceli, gekommen.

Über soviel Solidarität im Volk kann Merkel nur vor Neid in Tränen ausbrechen – und die schieren Zahlen lassen sie laut dazu aufschluchzen:

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete rund fünf Millionen Teilnehmer. Anwesende sprachen ebenfalls von einer Millionenzahl, hielten fünf Millionen allerdings für übertrieben.

In Deutschland versammeln sich zu ähnlichen Aktionen drei bis vier schwerhörige Rentner – und auch die kommen nur, wenn es Gratiskaffee, Kuchen und bunte Kugelschreiber gibt. „Eine Millionenzahl“. Und der größte Teil seiner politischen Gegnerschaft war dabei.

Für ein beeindruckendes Schauspiel reichte es trotzdem, denn die Menge schwenkte helle Lichter und die türkische Nationalflagge – ein riesiges rotes Meer. Ministerpräsident Yildirim hatte Parteiflaggen untersagt, um eine Veranstaltung über Parteigrenzen hinweg zu ermöglichen

Was für ein scheußliches Bild für Europa.

Noch nicht einmal, wenn etliche Staatsmänner und -Frauen Arm in Arm durch eine ihrer Metropolen marschieren, um ein starkes Bild zu beschwören und den Geist von Solidarität vom Tode auferstehen lassen zu wollen, gelingt dies. Kein Anschlag, keine Rede, keine Versammlung und noch nicht einmal mehr Gratiskaffee und Kuchen oder bunte Kugelschreiber locken genug Rentner für freundliche Bilder, die auch nur eine blasse Illusion von Solidarität aufkeimen lassen könnten.

Erdogan führt uns unsere eigene Geiergesellschaft vor Augen, in der sich kapitalistische Aasfresser über tote Ideale hermachen und auch noch die Reste von den Ideen vom Erdboden vertilgen, die bis heute stereotyp und mit immer gleichen Reden beschworen werden.

Wie unangenehm.

Da sind plötzlich Millionen, die wir so gern für „rückständig“, „ungebildet“ und „aggressiv“ halten und die zeigen uns, wozu wir längst unfähig geworden sind.

Rote Transparente, die groß auch über der Bühne hingen, zeigten das Symbolbild der Veranstaltung: ein Zivilist, auf seinem Hemd die türkische Flagge mit Halbmond und Stern, der sich einem Putschisten-Panzer in den Weg stellt.

Unsere „abendländische“ Kultur ist eine des Fortschleichens. Könnten wir uns etwa einen Deutschen vorstellen, der sich zur Rettung der Merkel-Regierung schießwilligen, rollenden und feindlichen Panzern in den Weg werfen würde? Nein. Und warum nicht?

Weil wir uns eine Kultur des Fortschleichens angeeignet haben. Kein einziger von uns ist jemals an irgendetwas schuld und niemand trägt die Verantwortung für unser Versagen. Man könne ja doch nichts ausrichten, sagen die 85 Millionen deutschen Vorzeigedemokraten. Politisches Engagement hindert nur am Genuß des Konsums. Wir müssten auf eine Folge von „Big Bang Theory“ verzichten, wenn wir zu einer Infoveranstaltung gehen würden. Wir verpassen glatt ein Fußballspiel, wenn wir zur Wahl gehen würden. Mit Ausnahme einiger weniger Claqueure, die einen triftigen (Karriere-) Grund haben, bemüht sich kaum jemand in Parteizentralen, auf Versammlungen oder an Infostände.

Wenn die Demokratie jemals in Deutschland angekommen sein sollte, so hat sie sich längst wieder auf den Weg gemacht – weil sie hier niemand will.

Das Volk habe sich mit seinem Akt als Souverän erwiesen, dessen Wünschen, ganz basisdemokratisch, Folge zu leisten sei. So reagierte Erdogan auf Zwischenrufe aus dem Publikum, die laut „Todesstrafe“ skandierten, mit der Aussage: „Wenn das Volk so eine Entscheidung trifft, dann, glaube ich, werden die politischen Parteien sich dieser Entscheidung fügen.“ Eine Entscheidung des Parlaments für die Todesstrafe würde er ratifizieren.

Wir wissen natürlich, dass Erdogan Recht damit hat. Wir können das aber unmöglich zugeben, weil wir sonst der Türkei eine bessere, tiefere und haltbarere Demokratie zuschreiben würden als uns selbst. Das darf nicht sein. Und deshalb muss jede dieser Großkundgebungen, auf denen sich zur Ehre und zum Schutz der türkischen Nation alle politischen Kräfte versammeln, auch irgendwie umzudeuten sein, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Würde das deutsche Volk (und ich behaupte, dass es das tut!) offen  eingestehen, dass es die Todesstrafe wolle, so würden diese Stimmen erdrückt werden.

Wir liefern Bilder von Zäunen, die Millionen Steuergelder gekostet haben, ganze Landstriche von seinen Bewohnern trennen, damit sich unsere Politiker sich ungestört über weitere Maßnahmen austauschen können, wie den Bevölkerungen zum Wohle der Habenden noch mehr abgenommen werden könne und wir haben Bilder von den blutenden Augen eines Rentners, dem auf einer Demonstration gegen unseren Staat von einem Wasserwerfer beinahe das Augenlicht ausgelöscht worden war. Wir haben Videos von prügelnden Polizisten, die unbeteiligte Passanten am Rand einer Demonstration zu Boden werfen und schwer verletzen. Wir haben aber keine Bilder von Versammlungen in „Millionenzahl“, die von den Farben unserer Fahne überstrahlt werden. Es sei denn, es geht um Fußball – aber diese Bilder werden flankiert von denen, die blutende und schlagende Hooligans und verwüstete Straßenzüge zeigen.

Dabei sind wir ja so frei. So wahnsinnig frei. So frei, dass es uns selbst graust.

Scharfe Kritik übte Erdogan an den deutschen Behörden, weil er sich vor einer Woche nicht per Videoschalte an seine Anhänger bei einer Demonstration in Köln wenden durfte. Kurdischen Extremisten sei es dagegen in Deutschland erlaubt worden, per Videokonferenz zu senden. „Wo ist die Demokratie?“, rief Erdogan.

Selbstverständlich war das Verbot der Videoschalte Zensur. Und nichts anderes als stahlharte, unverbrämte und offene Zensur. In einer Zeit, in der beleidigende Bücher und Heftchen angeblich veröffentlicht werden müssen, weil sonst sofort als „Demokratie“ und „Rechtsstaat“ untergehen, in einer solchen Zeit müssen unliebsame Bilder verboten werden, weil sie uns vielleicht aus unserem verrenkten und bizarren Traum wecken könnten. In unserer völlig perfekten Demokratie, in unserem blitzsauberen Rechtsstaat gilt für den einen natürlich längst nicht das, was für andere gilt:

Eigentlich hatten die Veranstalter der Kundgebung in Köln geplant, Erdogan live auf einer Großleinwand zu zeigen. Dies war jedoch angesichts der aufgeheizten Stimmung verboten worden.

Die „aufgeheizte Stimmung“ ist natürlich nur für Türken gefährlich, eine „aufgeheizte Stimmung“ in Bezug auf einpeitschende Bücher und Heftchen, die den Islam beleidigen sollen, ist für europäische Rechtsradikale natürlich grundsätzlich niemals gefährlich. Die können ja gar nicht zu den Anschlägen aufgestachelt werden, die sie ja dann tatsächlich in rasant angestiegener Zahl und Schwere begangen haben. Natürlich nicht. Wie denn auch.

Ich weiß nicht, ob Peter Gauweiler homosexuell oder nationalsozialistisch – oder gar beides gleichzeitig ist. Irgendwann, in den 80’er Jahren glaube ich war es, forderte er „Läger“, in denen man AIDS-Kranke „konzentrieren“ könne und heute fällt ihm ein, dass es soviele „junge, kräftige“ Migranten in Deutschland gäbe, dass sie vom Staat zu Handlangerdiensten zwangsverpflichtet werden könnten. Mir wäre nicht bekannt, dass er jemals etwa der Türkei empfohlen hätte, deutsche Rentner mit Dauerwohnsitz in Antalya in „Lägern“ zu „konzentrieren“ oder ihnen vom türkischen Staat befehlen zu lassen, sie mögen sich zum Putzen der Stadt einfinden.

Das ist ja sowieso immer was gaaaaanz anderes. Wie die „BZ“ schreibt:

Ein Faltblatt des deutsch-türkischen Freundschaftsklubs Alanya gibt Auskunft über die Sprachkenntnisse der [deutschen] Einwanderer: nicht mal ein Prozent kann sich auf Türkisch verständlich machen.

Das sind ja auch bloß Türken – die sollen sich mal mit ihrem Land nicht so haben und am besten alles genauso machen, wie es die Deutschen wollen. Ein türkischer Einwanderer in Deutschland, der nur schlecht Deutsch spricht, ist immer ein dummer Ignorant, der sich nicht integrieren (pardon: unterordnen) will. Ein deutscher Einwanderer in der Türkei, der nur schlecht Türkisch spricht – nun ja, der darf das, weil er ja alles bezahlt. Und eine Nation ist bezahlbar. Wenigstens, wenn man Deutscher ist. Und weil der Deutsche seine Steuern zahlt, die er nicht hinterziehen kann, hat er eben seine Nation, seine Nationalität bezahlt – und dann muss gut sein. Auch noch für sie einstehen zu sollen, das geht denn doch zu weit.

Und da rauscht es ….. das Meer von roten Fahnen mit dem Halbmond und dem Stern. Und es rauscht deshalb in unseren Ohren. Was wir da sehen ist das Bild, was wir so gern von uns selber sähen: ein Bild einer einigen, stolzen und kraftvollen Nation.

Der Haken daran ist bloß: wir müssten uns ja selbst mit unserer eigenen Fahne zu einer solchen Versammlung hinbegeben und für unser Land einstehen. Und das, ohne anschließend einen saftigen Stundenlohn ausbezahlt zu bekommen. Und genau deshalb fallen all diese Bilder aus.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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