Aleppo und Gaza – Geschwister im Leid

Seit einigen Wochen staune ich über die Berichterstattung in Bezug auf die furchtbaren Schicksale der Bewohner von Aleppo zugegebenermaßen maßlos.

Der Schrecken in dieser Stadt sowie in einigen Regionen Syriens ist mit Worten kaum zu beschreiben und ich bin überzeugt davon, dass die weitaus meisten von uns (mich einbegriffen!) an den Eindrücken von dort zerbrechen würden, wenn wir nur den Mut zu einer Reise dorthin hätten.

Laut SPIEGEL-Online beschreibt der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes die Verhältnisse und die Situation dort mit drastischen Worten:

Der Kampf um die geteilte syrische Metropole sei „zweifellos einer der verheerendsten städtischen Konflikte der Neuzeit“, erklärte IKRK-Präsident Peter Maurer „Nichts und niemand in Aleppo ist sicher“, fügte er hinzu. „Ständig gibt es Beschuss, mit Häusern, Schulen und Krankenhäusern in der Schusslinie. Menschen leben in einem Zustand der Angst. Kinder sind traumatisiert. Das Ausmaß des Leidens ist immens“, sagte Maurer.

Uns juckt das alles aber nur wenig – bis gar nicht. Niemand von uns würde eine derartige Situation ertragen, wie sie dort in Aleppo herrscht und die von Waffen nebst Munition aus unseren Fabriken noch um ein Vielfaches verschärft worden ist. Es interessiert uns nicht.

Das ist aber nicht der Umstand, der mich so erstaunt. Das völlige Desinteresse unserer Bevölkerung an dem Leid, welches sie weltweit in ihren Fabriken vorbereitet und anrichtet, ist schon lange eine ebenso furchtbare wie altbekannte Gewohnheit.

Nein – ich staune darüber, dass die seit nunmehr Jahrzehnten in vergleichsweise regelmäßigen Abständen zum Ziel vernichtender Bombardements gemachte Stadt Gaza in unserer Presse im Vergleich zu Aleppo zur Randnotiz verkommt. Dabei ist der Horror bei diesen Angriffen um nichts geringer als der, dem die Menschen in Aleppo heute ausgesetzt sind.

Einsatz von Chemiewaffen? Schon vor Jahren bombardierte Israel Gaza mit Phosphor-Brandbomben, deren Feuer durch nichts zu löschen ist und das sich tief in menschliches Fleisch hineinfrisst. Der langsame, über Stunden andauernde und extrem qualvolle Feuertod der davon getroffenen Menschen lockte seinerzeit kaum einen Journalisten an seine Kamera oder an seinen Notizblock. Das waren offiziell wie öffentlich tatsächlich ganz unerwünschte Nachrichten; sie galten damals als unappetitlich und waren dem herzlichen Verhältnis zu Israel definitiv nicht förderlich. Die Schreierei um die „Fassbomben“ von Assad und seine Giftgaseinsätze wirken im Vergleich zu den israelischen Verbrechen an Gaza allzu schrill, verrenkt, bizarr und dadurch heuchlerisch und verlogen. Auch der Umstand, dass die von Israel verfeuerten Brand-Streubomben „made in USA“ sind, gelangte in Europa überhaupt nicht in die Medien.

Hierzulande werden Informationen darüber, dass israelische Soldaten bei der Bestattung eines Kameraden mit einer als „Ehrensalut“ abgefeuerte Salve aus Kanonen gezielt und absichtsvoll private Wohnbereiche vernichteten und zahlreiche Todesopfer unter Zivilisten gefordert hatten, einfach gar nicht gemeldet. Dies zu tun, hätte erfordert, Israel zur Rede zu stellen, mit Sanktionen zu überziehen oder doch zumindest zu bedrohen – und selbstverständlich Waffenlieferungen einstellen zu müssen.

Worin der Horror in Aleppo dieser Tage den übertreffen soll, den Gaza zum wiederholten Mal erleben musste, das bleibt im Dunkeln. Dabei ist es höchstwahrscheinlich, dass in Aleppo wenigstens nicht in vollem Bewusstsein auf Kinder etwa geschossen wird – in Israel stellt sich das anders dar. Israelische Streitkräfte haben gemäß augenzeugenaussagen von vier Nichtisraelis, die zur Dokumentation des Vorfalls auch noch Kameras einsetzten, immerhin gezielt und absichtsvoll auf spielende Kinder gefeuert. Ebenso auf Krankenwagen, die im Einsatz waren und wiederholt auf Krankenhäuser. Israelische Scharfschützen beschießen bei den jeweiligen Massakern in Gaza gezielt Hilfskräfte, die erkennbar und ebenfalls gut dokumentiert völlig unbewaffnet waren.

Durch die mittlerweile vielen Raketen- und Bombenangriffe Israels auf Gaza-Stadt sind Erdreich und Trümmer zwischenzeitlich von giftigen Rückständen aus den verwendeten Sprengstoffen vollkommen verseucht und Missbildungen, spontane Todesfälle und Totgeburten unter den Kindern Gazas sind sprunghaft angestiegen. Das Leben in Gaza ist giftig geworden.

Aber für Gaza hat noch niemand „humanitäre Korridore“ gefordert. Im Gegenteil. Sowohl Deutschland als auch die USA haben eil- und dienstfertig die Waffenläger Israels aufgestockt, damit die Kanonaden ungestört fortgeführt werden konnten. Kaum irgendeine NGO, irgendeine der zahllosen „Schutz“-Vereinigungen haben angesichts der großtechnischen, Wochen andauernden Vernichtungsbemühungen Israels gegen Gaza jemals einen „Waffenstillstand“ gefordert. Noch nicht einmal, als eine Rakete von Israel ein Wohnhaus in Gaza traf und dabei eine ganze, deutsche Familie auslöschte, fühlte sich unsere Bundesregierung bemüßigt, auch nur leise Kritik zu üben. Deutschland hat mit seinem eisigen Schweigen zu dem Kriegsverbrechen die Familie ein zweites Mal getötet.

Das Sterben in Gaza interessiert niemanden – aus welchen Gründen auch immer wirft sich unsere Medienlandschaft auf die Massaker in Aleppo und möchte vielleicht damit einfach nur vergessen machen, dass wir an den Massenhinrichtungen Israels in Gaza selbst und ganz persönlich Mitschuld tragen.

Wozu eigentlich? Das Sterben in Syrien und in Aleppo interessiert hier doch auch niemanden.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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