Muslimbruderschaft

 

Die Ziele und Vorstellungen der Bruderschaft decken sich zu wenig mit meinen – und deshalb würde ich ihnen nicht beitreten. Die Bruderschaft vertritt zum Teil sehr konservative Ideen eines Islam, der sich seiner eigenen, aufklärerischen, ja revolutionären Anforderungen nicht bewusst ist und aus Gründen des Unvermögens an verkrusteten Vorstellungen festhält.

Dennoch umfassen die international aufgestellten Communities, die sich unter den jeweiligen Bannern der regional vertretenen Bruderschaften zusammenfinden, gerade mit ihrer Jugend eine starke Triebkraft, mithilfe derer sie den Weg in die Annforderungen unserer Welt bewältigen kann.

Die schwere Schieflage in den Medien, die die Politik der Bruderschaft erfolgreich verpassen konnte, tut ihr Übriges und viele Wahrheiten werden sehr bewußt und von vielen auch zielgerichtet in Vorwurfskanonaden verwandeln.

Ein Beispiel: Obschon wir Europäer gerade mit großer Kraft dabei sind, unsere Demokratie zu einer „Demokratie“ zu verwandeln, weil wir selbst keine Lust mehr dazu haben, uns selbst politisch zu interessieren, wählen zu gehen und zu engagieren, werden wir gegen jeden Verstand jedoch niemals davon ablassen, unser zugrundegehendes Gesellschaftsmodell als das beste zu betrachten, welches Menschen haben können. Und wir sind dazu bereit, diese seltsame Überzeugung auch mit äußerster Waffengewalt auch jeder Weltregion aufzuzwingen. Gleichzeitig, noch während wir mit großen Zerstörungen und Massakern unsere komische Vorstellung von einer Demokratie exportieren, bleiben wir aber selbst den Wahlurnen fern. Wir führen uns selbst ad absurdum – und merken es noch nicht einmal.

Und da sagt der ehemalige Anführer der Muslimbruderschaft in Kairo, Chairat al-Shater, völlig zu recht, dass alle Menschen das natürliche Recht auf Verbindung und Versammlung haben. Das die ganze Welt kein Problem mit einer „Demokratisierung“ hat und die Eroberungs- und Vernichtungsfeldzüge unter dieser Fahne akzeptiert und deshalb auch die Forderung der Muslime nach einer eigenen, umfassenden Gruppierung natürlich völlig gerechtfertigt ist. Zumal die Bruderschaft alle internationalen Standards der Menschen- und speziell auch der Frauenrechte selbstverständlich akzeptiert und dies mit Unterschrift unter ein von der UN vorgelegtes Dokument ebenso schnell unterzeichnet hatte wie alle anderen Parteien, Länder und Gruppierungen auch. Warum soll die Welt eine „EU“ akzeptieren und die Gründung der „Vereinigten Arabischen Länder“ unter islamischer Hegemonie nicht?

Dem Zerrbild zufolge, welches hier aufgebaut worden ist, wird die Geschichte der Bruderschaft konsequent verdreht. Als die ägyptische Diktatur unter Mubarak keine Lust dazu hatte, die Masse an Schmiergeldern um Ausgaben für einfachste und niedrigste, soziale Standards zu verringern, musste irgendjemand einspringen, damit die Leute nicht auf offener Straße an Bagatellkrankheiten sterben, verhungern und wenigstens irgendwie Lesen und Schreiben zu lernen. Die Muslimbruderschaft gründete deshalb nicht erst in den 80’er Jahren insgesamt hunderte sozialer Einrichtungen. Krankenhäuser, Schulen, Arbeitsplätze – die Bruderschaft erhielt die Bevölkerung zu wesentlichen Teilen. Heute behauptet allerdings unsere europäische Presse, all diese Einrichtungen seien einzig zu dem Zweck geradezu arg- und hinterlistig dazu gegründet worden, die ägyptische Bevölkerung zu „islamisieren“. Das kann nur glauben, wer das Land überhaupt nicht kennt. Ägypten musste (vom sechsten Jahrhundert einmal abgesehen) niemals „islamisiert“ werden – ebensogut könnte man behaupten, katholische Kindergärten in Deutschland wären nur dazu da, die Menschen bösartig zu „katholisieren“. Was für ein Unsinn!

Wenn man heute noch immer gegen alle nüchternen und objektiven Erkenntnisse das Rasen und Wüten von Hasan al-Bana, der als einer der Gründerväter in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Muslimbruderschaft ins Leben rief, als Grundidee der heutigen Bruderschaft betrachten will, ist das nichts als ein bizarrer Wunschtraum von Islamophoben. Und völlig sinnlos.

Die Bruderschaft erlebt augenblicklich einen Marsch durch ein tiefes Tal der Tränen. Sie wird mit Dreck beworfen, wo sie angetroffen wird. Ihre Mitglieder werden im eigenen Haus, auf offener Straße und im hellen Tageslicht ganz einfach abgeknallt; zu ihrem Todesurteil reicht heute der bloße Verdacht, ein Mitglied zu sein. Beweise sind unnötig – zu schweigen von Beweisen für Verbrechen, derer sie sich noch nicht einmal schuldig gemacht haben müssen. Ihr einziges Verbrechen besteht aus ihrer Mitgliedschaft und damit aus ihrer Opposition zu einer (ägyptischen) Regierung, die genau für diese Verfolgung von Europa und den USA bezahlt und bewaffnet wird.

Aber dies Tal der Tränen wird eines Tages durchschritten sein. Es gibt auf der Welt keine einzige Idee, die der Strahlkraft des Islam langfristig standhalten würde – oder könnte. Wir erleben im Gegenteil heute die furchtbaren Webfehler des Kapitalismus, der mehr und mehr Geld auf immer weniger Menschen verteilt und immer größere Teile der davon befallenen Bevölkerungen ins Elend überantwortet. Eine angeblich ach so „freie“, „demokratische“ Gesellschaft, die sich in zuvor nie gekanntem Maße vor den individuellen Pflichten einer Demokratie davonmacht und ihre Freiheiten liebend gern von sich wirft.

Ich habe in einigen Interviews mit Führern der Bruderschaft wiederholt die Einschätzung gehört, dass Mächte wie die USA, Europa und Israel als wesentliche Einflussgrößen in mehr oder weniger nahen Zukunft verschwinden können – und wie allein wirtschaftliche Daten zeigen, verlagern sich Machtstrukturen tatsächlich schon jetzt. Die Bruderschaft hat den längeren Atem; sie ist „to big to fail“ und wird womöglich Jahrhunderte überstehen, in jedem Fall aber die augenblicklichen Machtzentren überleben.

Wir reden über mindestens eineinhalb Milliarden Muslime auf der Welt, und sie alle verbindet ein starkes Tau, das viel stärker ist als jedes trennende Moment. Daher ist es natürlich ein schwerer Fehler, die Muslimbruderschaft bekämpfen zu wollen, denn jede  Kugel gegen sie füttert sie nur und jeder Islamophobe, der sie hasst, führt ihr dafür zwei neue Anhänger zu. Das ist kontraproduktiv, das riskiert langfristig die Sicherheit der ganzen Welt. Man muss sich mit ihnen arrangieren, mit ihnen reden, verhandeln, sie mit ihrer eigenen Jugend auf dem Weg der Modernisierung und Reform festhalten, damit sie eines Tages ein machtvoller und wirksamer Partner ist, wenn man sie wirklich braucht.

Nein  – aus mir wird wohl nie ein Muslimbruder. Trotzdem bin ich der Bruder aller Muslime.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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