Die Lüge – und die, die sie brauchen

Alard von Kittlitz hat auf ZEIT-Online einen ebenso beachtlichen wie wichtigen, leider aber vollkommen sinnlosen Artikel geschrieben.

Lügen: Die Erde ist eine Scheibe

Als wäre es eine taufrische, eine soeben erst gemachte Erkenntnis, dass die Unwahrheit längst nicht nur ein übliches Stilmittel aller Politiker und sozialer Netzwerke geworden ist und sich ebenso mühe- wie problemlos selbst nach ihrer vollständigen Enttarnung ungebremst weiter ihren Weg in die Hirne bahnt.

Als hätte die deutsche Gesellschaft in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht selbstverständlich erkennen, bzw. sogar sicher wissen müssen, dass Juden ebenso Menschen und gleichen Wertes sind wie sie selbst, die sich in dem Begriff „Arier“ sonnten und sich aus völlig unverständlichen Gründen für überlegen hielten.

Als hätten alle Gesellschaften Europas im Kalten Krieg nicht auf jeden Fall sicher wissen müssen, dass die so laut heraustrompeteten „Ziele“, die zu dem furchtbaren Rüstungswettlauf geführt hatten, nur hübsche, bunte Bilder für die Doofen auf den Straßen waren und nicht im Geringsten mit den tatsächlichen Plänen zu tun hatten, die damit verfolgt worden sind.

Wenn von Kittlitz sagt:

Und wenn Thomas de Maizière bei Maybrit Illner im Oktober 2015 behauptet, 30 Prozent der vermeintlichen Syrer in Deutschland stammten gar nicht aus Syrien, ohne dass sein Ministerium diese Zahl auch nur ansatzweise belegen könnte (und Nachforschungen im Gegenteil auf einen Anteil von weniger als einem Prozent schließen lassen) …….

dann wirkt dies höchst seltsam auf mich. Beunruhigend im engeren Sinne; von Kittlitz wirkt nicht wie ein unaufmerksamer oder gar zurückgebliebener Schreiberling und hätte sich somit die direkt daran angeschlossene Frage verkneifen müssen die da lautet:

An wen wendet sich der Minister mit dieser Fantasie? Ist das nicht ein sehr bewusster Streichler für den rechten Rand der CDU, für alle, deren gefühlter Wahrheit diese Behauptung entspricht?

Selbstverständlich kocht unser Innenminister sein persönliches und parteipolitisches Süppchen auf Kosten seines Amtes und der Menschen, auf die seine Entscheidungen direkt einwirken. Man muss sich umgekehrt höchstens fragen, zu welchem Zeitpunkt einmal ein Innenminister Deutschlands Aussagen getroffen hätte, die tatsächlich in der gegebenen Form belastbar gewesen wären. Man erinnert sich grausend an einen Schäuble, der in dieser Funktion und völlig außer sich vor dem Bundestag einmal im Rahmen seiner immer abstruser werdenden Argumentation dahin eskalierte (völlig wahrheitswidrig!) zu behaupten, in Deutschland würden Terroristen bereits an „dirty bombs“ oder gar an Atombomben basteln. Er wollte damit seine neuen (Un-) Sicherheitsgesetze durch die letzten Widerstände von Abgeordneten peitschen, damit man in Richtung USA als Dankesgeschenke neue, weitere und viel größere Datenpakete über deutsche Bundesbürger zu Füßen legen konnte. Es drehte sich damals natürlich um weitere Beschnüffelungsprozesse, die man gern installiert hätte.

Die Politik hat ein beständig geringer werdendes Problem: es gibt tatsächlich noch immer Reste von Intellektualität im Land, die ihren vermeintlichen und durch harte wie ganz bewusste Lügen Niedergang noch abwehren. Größtenteils ist das bei Leuten der Fall, die sich eher mittig in linker Richtung gedanklich bewegen, die Rechte ist schon immer von Böldheit durchseucht. Das aber liegt in der Natur der Sache.

Das Verschieben des deutschen Politikbetriebs in Richtung post-truth betreibt vielleicht am eifrigsten Alexander Gauland, beispielsweise indem er sagt, die Bundesregierung versuche, das deutsche Volk durch Migranten zu ersetzen. Das lässt sich nämlich weder be- noch widerlegen.

Rechte sind ganz einfach zu steuern; ihnen fehlt jede geistige Möglichkeit, Behauptungen ihrer Führer kritisch zu hinterfragen und erst recht fehlt ihnen jede Befähigung, solche Behauptungen zur Absurdität zu erklären und mit einem Vertrauensverlust zu beantworten. Sie sind deshalb auf das einfache Kopieren anderer Kopfarbeit dringend angewiesen; ohne Befehle aus ihren Führungsetagen (die zur Not auch ohne jede Erklärung auskommen), ohne kopier- und damit zitierbare Vorlagen sind sie ebenso hilf- wie wertlos.

Von Kittlitz sieht das ganz ähnlich:

Es geht nicht mehr darum, ob eine Partei glaubwürdig ist, es geht darum, ob sie dem Wähler nahe ist, und zwar in dem Sinne, dass sie über die Welt so redet, wie der sie selbst erlebt oder gern sehen will, unabhängig von gegebenen Realitäten. Die post-truth -Politik hat das begriffen, allen voran die AfD, unter deren Anhängern das Misstrauen gegenüber dem Establishment – „Wir sind das Volk“, „Pinocchio-Presse“ – am stärksten ausgeprägt ist.

Natürlich passiert dies auch Linken – allerdings in ganz erheblich geringerem Maße. Während die Blödheit bei Rechten zwingend notwendig möglichst bis ins Optimum fortgeschritten sein muss, weil sie sonst unmöglich Rechte sein könnten, bildet diese Klientel bei den Linken eine beinahe vernachlässigenswerte Minderheit. Zumeist handelt es sich dabei um einzelne Versprengte mit einer saftigen Profilneurose weil sie sich einbilden, man wirke durch das Linkssein vielleicht intelligenter als man ist.

Von Kittlitz traut sich beinahe schon in die unmittelbare Nähe der richtigen Idee; immerhin dräut ihm bereits, dass es womöglich nicht an böser Absicht von Politikern, sondern an der wachsenden Verdummung der Bevölkerung liegen könnte, dass sich der Bedarf an möglichst trivialen Denkmustern und einfachen Rezepten sprunghaft auswächst und das Bewusstsein, dass eine Gesellschaft wie die unsere keine solchen Trivialitäten verträgt, immer mehr ins Abseits gedrängt wird.

Georg Diez als SPIEGEL-Kolumnist hat den Sprung über diese gedankliche Hürde nicht geschafft, wirft genervt den Bettel hin und geht ins Ausland. Er kündigt dies ebenso wortgewaltig wie pathetisch im Rahmen seiner Kolumne selber an – und zeigt in eben diesem Text, wie sehr er sich scheut, sich selbst die richtigen Antworten zu geben:

Einfache Antworten sind das Signum eines autoritären oder sogar faschistischen Zeitalters – und wie wir hier gelandet sind, an der Grenze zumindest, verfolgt von einem oft menschenverachtenden Radikalismus, das erstaunt mich immer noch: All die Jahre, die ich diese Kolumne geschrieben habe, gute fünf Jahre, es ist die Epoche des Umbruchs, immer noch mit offenem Ausgang.

Nein – er stellt sich aus Angst vor der richtigen Antwort nicht die richtige Frage. Er möchte so gern die Schuld am Entstehen der „einfachen Rezepte“ irgendwie der Politik zuschreiben. irgendwie.

Die radikale Rechte kam nicht aus dem Nichts, und auch die nicht so radikale Rechte oder alle, die ihre Antwort in autoritären Bewegungen suchen, bis hin zu einem Kandidaten Trump, sind einerseits aus den speziellen Umständen heraus zu verstehen.

Die Konsequentheit des Diez’schen Denkens zeigt sich hier wasserklar: autoritäre Systeme erwachsen aus „speziellen Umständen“ und erzeugen dadurch „einfache Antworten“, was wiederum zu „menschenverachtendem Radikalismus“ führe. Auf die Idee, dass der dumme (Nicht-) Wähler die Politik geradezu in die Richtung treibt, mit „einfachen Antworten“ zu agieren, kommt Diez nicht. Für ihn ist der Wähler das unschuldige Schaf. Ich erinnere mich daran, dass ich selbst vor Jahrzehnten in meiner damaligen Partei regelrecht zornentbrannt in einer Vorbereitungsrunde für einen Wahlkampf die Abkehr von Veröffentlichungen forderte, die mit hoch- und höchstgeschraubten Endlossätzen Wähler informieren wollten. Das läse doch niemand, donnerte ich damals und wedelte dabei mit einem „Konkurrenz“-Produkt einer anderen Partei im Comic-Format.

Wenn der Wähler nach nichts anderem mehr fragt und nichts anderes, komplizierteres verträgt, dann müssen auch wir halt Comics malen!

(Wenn ich mich da einmal selbst zitieren darf.)

Schon vor dreißig Jahren fragte niemand nach wissenschaftlich / politisch / humanistisch sauber ausgearbeiteten, seitenlangen Nachweisen und Erörterungen, warum eigentlich wir ein Grundgesetz und Freiheiten brauchen, wie diese zustande gekommen sind und in die Zukunft befördert werden könnten. Abgefragt wurden Losungen, Merksätze, Parolen. Die drei großen Volksparteien setzten damals schon auf solche, die zur Not auch besoffen gegrölt werden konnten. Der kleine Parteisoldat musste nicht begreifen, sondern nur als Masse verfügbar sein. Ihn würde wohl kaum hochrangige, möglichst ausländische Presse nach dezidierten, intellektuell gut ausgearbeiteten Grundsätzen fragen, sondern man würde ihn höchstens als Teil einer grölenden Masse filmen. Markig hingeschmetterte Parolen erläutern kann der durch Klüngel und Filz gebildete Vorstand.

Heute, über dreißig Jahre später, heute verstehe ich meinen eigenen Webfehler im Denken von damals. Und heute verstehe ich, dass ich das Untergangsglöcklein für die Demokratie schon damals hätte läuten hören können.

Die linke Ratlosigkeit hat ihren Ursprung in der fehlenden Antwort auf die neoliberale Revolution der Achtzigerjahre und auf den Fall der Mauer.

Die linke „Ratlosigkeit“ hat nie und zu keinem Zeitpunkt je existiert – da macht sich Diez der von Kittlitz’schen „Lüge“ strafbar auch wenn ich ihm zugestehe, sich die Vergangenheit ohne jede Bösartigkeit so zurechtgestutzt zu haben. Die „Ratlosigkeit“ war das Ergebnis der von den jeweiligen Bundesregierungen aus den Hälsen der Linken herausgeschnittenen Zunge; es gab zu jedem Zeitpunkt linken Denkens schon immer Aspekte, Einsichten, Fakten und Berechtigung genug, korrekte Antworten auf die Umstände zu geben – sie wurden allerdings nach und nach von Rechts, von der Regierung und von der damals in Angst vor Links aufgelösten Opposition vergiftet, bevor sie geäußert werden konnten. Man benutzte die uralte Kommunismusangst und beschwor die uralten Bilder, man spielte absichtsvoll mit Assoziationen, halben Wahrheiten und ganzen Lügen – das war nichts als ein Schutzreflex des Kapitals, welches seinen Mittelfinger von hinten durch Hälse steckt und nach vorn wie eine Zunge im Mund aussehen lässt.

Es war so einfach. So erschreckend einfach. Ein bisschen halblautes Murmeln, die Linke würde vom Verfassungsschutz beobachtet, ein paar halbrichtige, saftige Überschriften in der „BILD“, ein bisschen „ungeschicktes“ Plaudern von Politikern in Richtung der Presse und in Talk-Shows – und schon war die Linke eine unappetitliche, radikale Kraft, die uns alle ins Unglück stürzen will.

Wie könnte eine Demokratie im 21. Jahrhundert aussehen, die sich von den Zwängen eines Kapitalismus befreit, der im 17. und 18. Jahrhundert entstand, der im 19. und 20. zu voller Macht wuchs und der im 21. Jahrhundert womöglich die vollkommen falschen Antworten parat hält, Antworten von gestern für die Probleme von morgen?

Sie könnte gar nicht. Sie kann nicht, solange ihre Gesellschaft jedem ein ausreichendes Auskommen verleiht und Sicherheit garantiert – denn ohne jede unmittelbare und sehr bedrohliche Gefahr wird sich kein Mensch jemals für politische Fragen, geschweige denn Freiheit einsetzen. Das lehrt die Erfahrung: wer sich heute vor Schulen stellt und Schüler morgens nach ihrer Lust auf Bildung fragt, erntet Gelächter, ab und zu einen Mittelfinger, Abwinken und häufig ein Fingertippen an der Stirn. Wer sich in einem entsetzlichen Krisengebiet an die Schule stellt, sieht Tränen der Freude derer, die zur Schule gehen dürfen und die derer aus Verzweiflung, die nicht gehen können. Wer in einer menschenverachtenden Diktatur Leute nach ihren Träumen und Sehnsüchten fragt, wird häufig gesagt bekommen: „Ich möchte zur Wahl gehen.“, während er hierzulande eine ganze Reihe Ausreden mit dem Inhalt zu Ohren bekommt, wie doof, wie verzichtbar und wie langweilig Wahlen sind.

Diez versteht (noch) nicht, dass von Kittlitz Recht hat – und in weitaus größerem Ausmaß, als ihm selber schwant: hier bei uns hat Bildung keinen Wert für die Persönlichkeit von Menschen, sondern sublimiert sich ausschließlich nur in Stücken Papier, die als Eintrittskarten für Karriere dienen. Sie ist zu anderem nichts nütze und wer gesellschaftliche Handicaps hat und deshalb nicht an Bildung und Karriere partizipiert, der versucht mit besoffenem Grölen lauter, blöder Parolen andere zu sich hinabzuziehen.

Wahlen sind für diese Leute nur durchorganisierte Formen gegenseitigen Steigbügelhaltens bis in die Schaltzentralen der Macht und haben mit ambitionierter Politik für unsere Zukunft und unsere Kinder nichts zu tun. Deshalb winken die Doofen auch ab, wenn sie wählen sollen und quaken, sie würden ja doch nichts „gegen die da oben“ unternehmen oder ausrichten können.

Die Demokratie vernichtet sich selbst aus sich selbst heraus, wenn ich das dem davoneilenden Herrn Diez noch zurufen darf. Da sie die Freiheit installiert hat, sich auch aus ihr verabschieden zu dürfen und nicht teilnehmen zu müssen, wirft sie sich selbst ihren eigenen Stolperdraht in den Weg. Sie wird unter dem Druck des besoffenen Grölens und der einfachen Antworten von Rechts zusammenbrechen müssen – denn das, genau das, ist ihr eingebauter Webfehler.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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