Amüsant: wenn es den Rechten zu rechts wird

Jan Fleischhauer zählt zu den gnadenlosen Neoliberalen und bekennt sich im Grunde selbst dazu. Für ihn zählt nichts als die Kraft des Geldes; Geld wird schon alles richten und hat günstigstenfalls, diese Idee ist wohl die zentrale im Kopf eines Neoliberalen, den Einfluss, Strömungshindernisse einzureißen. Rassismus, Feindseligkeit, Ausgrenzung, Hass – all das kann das Geld am Fließen hindern. Je mehr man davon in immer erreichbarere Entfernung näherrückt, desto größer seine Anziehungskraft und seine Möglichkeit, solche Barrikaden einzureißen. Es grenzt an Zynik: die Gier nach Geld soll die Welt menschlicher machen. Allerdings grenzen auch individuelle, soziale und politische Freiheiten der Konsumenten Geldströme ein – und deshalb finden sich viele Neoliberale wie Fleischhauer zumeist unter Erzkonservativen ein und pudelwohl.

Fleischhauer aber scheint es mittlerweile zu gruseln:

Es ist noch nicht so lange her, dass die Polizei im Süden Badegäste dazu anhielt, sich etwas überzuziehen, weil sie angeblich die öffentliche Ordnung störten. Heute versteht man es im Herzen Europas als Verstoß gegen die „guten Sitten“, wenn eine Frau am Strand zu viel Stoff trägt.

Ich habe in einem Tweet Zweifel geäußert, ob die Zustimmung zu dem Polizeieinsatz wohl überall gleichermaßen geteilt wird.

Für jemanden wie ihn ist das eine überwältigende Erfahrung, die ihn sicherlich nachhaltig verunsichert hat.

Manche Leser vermuteten, ich hätte mein linkes Herz wiederentdeckt und bezichtigten mich der Weltfremdheit.

Zugegeben: wer soll denn da noch mitkommen? Wer definiert belastbare Grenzen, zwischen denen die Wahl der Kleidung unstrittig ist – oder sein soll? Wieviel Stoff ist zuwenig und wieviel zu viel?

Fleischhauer selbst entdeckt die Inkonsistenz in der europäischen Haltung:

Für die meisten Menschen macht es immer noch einen Unterschied, ob man eine Frau zwingt, ihre Blöße zu bedecken – oder ob man sie auffordert, sich auszuziehen, um den guten Sitten zu entsprechen.

Dem ist ja nun wirklich so. Viele Länder und Gesellschaften Europas definieren die Zumutbarkeitsgrenze im Sinne von „zuviel“ oder „zuwenig“ Stoff ganz unterschiedlich; zumeist lassen sie sich von ihren tradierten Werten leiten und die sind nicht allzu selten erzkatholisch oder doch zumindest christlich. Wer sich nun die Verhüllungstraditionen in den Provinzen Europas näher anschaut, der weiß, dass sich Europa selbst viel näher am Rande der Burka bewegt als vielen lieb ist. Ich selbst habe noch Erinnerungen an eine steinalte Frau in meinem Heimatdorf im tiefsten Westfalen, die, in ihrer Meinung der Tradition gehorchend, tatsächlich mehrere, tiefschwarze und bodenlange Röcke und Oberteile trug, die hoch bis zum Unterkinn ragten und dort häufig genug einen Schleier berührten, der den Kopf verhüllte. Als Kinder fürchteten wir uns vor diesem Gespenst, das wegen der Gewänder leise rauschend über die Erde zu schweben schien und eigentlich nie ein Wort sagte. In keinem europäischen Land fehlen genau diese Bilder und nirgendwo gibt es Trachten, bei denen sich die Rocklänge ihrer Trägerinnen über das Knie nach oben bewegen würde.

Was würde wohl die Polizei sagen (den Versuch gälte es tatsächlich einmal zu unternehmen!), wenn sich eine bajuwarische Trachtenträgerin in voller Montur an den Strand legte?

Aber darum geht es nur den Verblödeten, die auf unseren Straßen genau die graue, verständnislose und blökende Masse darstellen, die ihre jeweiligen Vordenker zu Speeren ihrer eigenen Macht formen. Sie werden benutzt, wie humane Schafherden in der Geschichte schon immer benutzt worden sind – nur mit dem Unterschied, dass das blöde Schaf von heute erkennen könnte, dass es benutzt wird. Natürlich wissen die Führer der Rechtsradikalen um die Harm- und Bedeutungslosigkeit einer Burka, zumal sie alles andere als ein „Sicherheitsrisiko“ darstellt. Unsere deutsche Gesellschaft wird von Burkas ungefähr so intensiv bedroht, wie sie am Hindukusch verteidigt werden soll – nämlich gar nicht. Es hat in ganz Europa noch nicht einen einzigen Anschlag durch eine Burkaträgerin gegeben und garantiert auch keinen einzigen, sonstwie aggressiven, geschweige denn gewaltsamen Übergriff. Aber das ist unerheblich. Die Burka wird zur Fahne, auf die geschossen werden muss; sie steht nur höchst sinnbildlich für die Unterschiedlichkeit von Menschen, die hier nicht ertragen wird. In Deutschland grassiert das wahnwitzige Bild, dass nur der totale Zwang zur Freiheit Freiheit bedeuten könne und deshalb werden vermeintlich Unterdrückte unter Außerkraftsetzung ihrer Freiheit durch brutale Gewalt zwangsweise „befreit“.

Weil das nicht nur absurd klingt, sondern natürlich auch ist, tritt deutlich zutage, dass die Burka nur ein Vehikel darstellt; ein Anfasser, mithilfe dessen Angriffe auf Leute authorisiert werden, die nicht so sein wollen wie die große, graue, blökende und blöde Masse hier. Der Inhalt von Burkas ist wehrlos und so traut sich selbst das dünnste und lächerlichste Männlein zu einem Angriff.

Manchmal schimmert die Wahrheit durch:

Die „New York Times“ berichtete über einen Fall in Cannes, in dem eine Frau unter den abfälligen Kommentaren der Umstehenden gezwungen wurde, mit ihren drei Kindern den Strandbereich zu verlassen. „Geh dahin zurück, wo du herkommst“, lautete einer der Sätze.

Da sind sie, die massiven Anzeichen einer umkippenden Bevölkerung, die vom Zügel gelassen und von ihren Führern instruiert worden sind. Diese Anzeichen gab es in den Dreißiger Jahren, als diejenigen, die anschließend nix gemacht und von nix was gewusst haben wollten, plötzlich Juden aus Straßenbahnen warfen und sie bespuckten. Es ist dabei gar nicht seltsam, dass niemand der heutigen Schafe diese Parallele sieht – sie sind einfach zu blöd dazu. Ganz einfach.

Der größte Teil der Strecke ist geschafft. Es hat lange gebraucht, die Menschen nach dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands in einem neuerlichen Anlauf wieder in diese Startposition zu bugsieren. Viel Anstrengung war notwendig, dennoch wurde das wichtige Etappenziel geschafft, an welchem Menschen plötzlich einzig und allein aufgrund ihres Aussehens fortgeschickt werden sollen. Die Wahrnehmung für das „Anderssein“ ist zum siebten Sinn für Deutsche geworden und hat seit jeher, wohl aus der Merkel’schen, „christlich-jüdischen“ Tradition heraus, ein Gespür dafür entwickelt, welcher Mensch gut und wertvoll und welcher verzichtbar ist:

(Zitat: bento, Magazin des SPIEGEL, aus einem Interview)

Und dennoch muss ich mir immer wieder dieselbe Frage anhören, wenn ich jemanden neu kennenlerne: ‚Woher kommst du?‘ Wenn ich antworte, dass ich in Deutschland geboren bin, kommt die nächste Frage: ‚Und deine Eltern?‘ Auf meine Antwort, dass meine Eltern aus Bosnien kommen, folgt dann oft nur: ‚Also bist du keine Deutsche‘.

Es gibt nur eine einzige Medizin gegen Angst, Wut, Hass und Gewalt – und die hat den Namen „Wissen“. Die Arznei hat leider hierzulande höchst unerwünschte Nebenwirkungen; sie macht wach, erhöht die innere Abwehr gegen allzu eingängige, feindselige und hasstriefende Tiraden und führt zu latenter Toleranz.

Deshalb wird ihr Gebrauch hierzulande auch nicht empfohlen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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