USA – Vorbild, und was für eins!

Vor fast vierzig Jahren vermittelte mir ein Lehrer eine faszinierende Erkenntnis: so ziemlich alles, was heute in den USA geschieht, wird uns in etwa zehn, spätestens fünfzehn Jahren auch erreichen. Diese Prognose hat sich bestätigt; von der Mikrowelle über den Afro-Look bis zu den Hippies schwappte immer alles in der vorbeschriebenen Periode über den großen Teich und erreichte uns. Manchmal haben uns solche Wellen amüsiert, ab und zu bereichert, oftmals zum Kauf animiert – und durchaus auch tief erschreckt.

In nur wenigen Disziplinen kehre sich die Welle um. Lange, bevor sich die USA schemenhaft daran erinnerten, dass Schwarze nach der letzten Lehre der Biologie tatsächlich doch Menschen seien und einen von ihnen glatt zum Präsidenten gekürt hatten, haben wir schon eine Frau auf den mächtigsten Stuhl des mächtigsten, europäischen Landes gesetzt.

Obamas Wahl, so argwöhnte ich damals schon bei seiner ersten Inthronisation, war ein schrecklicher Unfall. Wie den Republikanern das passieren konnte, ist bis heute nicht durchgehend geklärt.

(Ich überlasse dann und wann zitierend im Fluß meiner Gedanken das Wort Deborah Bolling, die in der ZEIT einen faszinierenden Kommentar dazu geschrieben hat.)

Man nehme Trumps Motto: Make America Great Again. Es ist ein nostalgisches Betteln, die Uhr zurückzudrehen. Zurück zu einer besseren Zeit, die lange vorbei ist. Aber wann genau war sie eigentlich?

Die weißen Männer verstehen darunter womöglich eine Zeit, in der die meisten von ihnen solche Versammlungen mitten am Tag, mitten in der Woche, gar nicht besuchen konnten. Eine Zeit, bevor die Technologie des 21. Jahrhunderts gutbezahlte Jobs vernichtet und die Mittelschicht verstümmelt hat.

Wie konnte das nur passieren? Was Bolling klugerweise mitbelichtet ist der Umstand, dass die USA technologisch mit Beginn der 90’er Jahre ins Hintertreffen geraten sind und immer öfter Waffen als Verkaufs-„Argumente“ für ihre Produkte einsetzen mussten, weil mangelhafte und ungenügende Investionen in neue Technologien ausgeblieben sind. Deshalb bauen sie bis heute beispielsweise immer noch schreckliche Spritsäufer als Autos – und können diese immer schlechter verkaufen. Die dazu notwendigen Unmengen Öl haben sie sich zusammengeschossen.

Alles befand sich in ihren Augen in der „gottgewollten“ Ordnung; alles war gut durchsortiert, andere Ethnien, Hautfarben und Ungebildete schienen durch den ungebremsten Kapitalismus zuverlässig aus Macht- und somit Einkommenssituationen ausgeschlossen. Was frustriert sein sollte und keine Hoffnung haben durfte – hatte auch keine. Man hielt sich ein paar Alibi-Schwarze, ließ eine handverlesene Auswahl auch ab und zu ein wenig mitgenießen, teilte aber, wie schon seit Jahrhunderten, den insgesamt kaum angeknabberten Kuchen unter der weißen Elite auf. Der immer etwas schmutzige wie lästige Unterrand weißer Loser solidarisierte sich keineswegs mit anderen, sondern trug sein Los zumeist peinlich berührt schweigend. Da war man schon weiß und trotzdem arm? Wie unangenehm.

Vielleicht war das die Ursache für den größten, politischen Verkehrsunfall seit Anbeginn der USA. Jedenfalls glaubte man den Unterrand der Frustrierten Amerikas sehr zuverlässig so arm, dass ihm jede Politik zugunsten der Sorge ums tägliche Auskommen zuwider war. Und alles schien gut, ruhig, ungestört und nach alter, rassistischer Denkweise schön ordentlich. Sklave blieb, was weder weiß noch gebildet war und still schämte sich, was weiß, erfolglos, ungebildet und daher dämlich war. Und niemand erkannte, dass die Entwicklung, die man selbst bewußt herbeigeführt und genährt, gefüttert hatte, aus dem Ruder lief:

Herausgekommen ist nun Trump, der unqualifizierteste Präsidentschaftskandidat, den es je gab.

Da ist er plötzlich ärgerlich, ja gar bedrohlich präsent, der Unterrand der Glück- wie Erfolglosen, der Ungebildeten, der Unterprivilegierten. Besoffen von dem Drang, noch irgendjemanden, irgendwas wenigstens unter sich selbst verorten zu können, greifen sie nun die anderen Unterprivilegierten, Glück- und Erfolglosen an, weil die zumindest zu allem Unglück auch noch eine andere Hautfarbe haben. Dabei hat man als noch so wenig ambitionierter Weißer in den USA doch den Anspruch geerbt, auf jeden Fall besser dastehen zu müssen als ein Schwarzer.

Er [Trump] hat alle Vorstellungen von Zivilisiertheit zunichte gemacht und jede noch so kleine Gelegenheit ergriffen, um andere zu beleidigen: Muslime, Mexikaner, Afroamerikaner, Immigranten, Frauen, Kriegshelden, Parteikollegen, Medien, Generäle, Richter, Gouverneure, Behinderte. Niemand entkommt seinen ätzenden Zuschreibungen. Und seine Anhänger, mürrische, machtlose Männer und Frauen, suhlen sich in seiner Unverschämtheit. Sein Hass besänftigt ihren eigenen Hass.

Es darf ja Armut, Elend, Entrechung, Versklavung geben – aber doch nicht für Weiße!

Der Witz aber, den meine eingehenden Zeilen ankündigen, kommt erst jetzt:

Gerissen wie sie sind, haben die republikanischen Eliten seit mindestens 40 Jahren gezielt die weniger gebildeten und ärmeren Wähler angesprochen, Leute wie die Männer in Abingdon. Die  gewählten Führer versprachen, sich um die sozial konservativen Anliegen der Unterschichtswähler zu kümmern.

Wie das mal wieder passt: in den neunziger Jahren setzte der Trend deutscher „Volksparteien“ zur dramatischen Verflachung ihrer politischen Aussagen ein. Ich entsinne mich hervorragend an die nicht enden wollende Empörung meiner Frau, die auf einem „C“DU-Plakat den Spruch fand: „Sicherheit ist wählbar“. Gerade die Konservativen und Rechten griffen zu immer schlimmeren Postulaten, markigen Parolen, eingängigen Platitüden, die zur Not auch besoffen gegrölt werden können und fingerten damit nach den Unterprivilegierten und Ungebildeten. Sie waren, wie wir sehen, ganz erschreckend effektiv und ernten viel mehr, sehr viel mehr, als sie je gesät hätten. Das Bildungssystem ist dazu absichtsvoll ruiniert worden, damit unsere Schulen mehr Unbrauchbares emittieren, woraus ganz prima genau das Prekariat zu schmieden war, was wir heute haben. Sie wollten eine Masse, die zur Kritik nicht (mehr) fähig ist und in ihrer Not ums tägliche Brot zuverlässig verfangen bleibt. Sie wollten einen möglichst dicken, schmutzigen und verfügbaren, gesellschaftlichen Unterrand – und sie haben ihn erhalten. In erschreckend größerem Ausmaß, als wahrscheinlich beabsichtigt. Dieser Unterrand ist nun tatsächlich zu allem fähig, allerdings lässt er sich willig von sehr viel bösartigeren Rattenfängern einsammeln.

Trump ist meiner persönlichen Meinung nach nur ein Idiot. Die weitaus gefährlicheren Rattenfänger von AfD („Alles für Doofe!“) & Co. hier in Europa hingegen sind weiter entwickelt.

Die republikanischen Eliten tun gerne so, als hätten wir den Rassismus hinter uns gelassen; ein afroamerikanischer Präsident mit Harvard-Abschluss zeige das ja. Doch mit fast chirurgischer Präzision hat Trump den Finger in die Wunden der weniger wohlhabenden, weißen Arbeiterschicht gelegt, die geglaubt hatte, sie sei als nächstes mit sozialen Belohnungen dran – und nicht ein dahergelaufener Schwarzer mit komischem Namen.

Die Pointe ergibt sich, wenn man bloß aus dem hervorgehobenen Satz ein paar wenige Worte austauscht:

Doch mit fast chirurgischer Präzision haben die Rechtsradikalen in Deutschland den Finger in die Wunden der weniger wohlhabenden, „biodeutschen“ Arbeiterschicht gelegt, die geglaubt hatte, sie sei als nächstes mit sozialen Belohnungen dran – und nicht ein dahergelaufener Migrant mit komischem Namen.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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