Mein Islam – und der „Zufall“

Oft genug kehre ich durchaus meditierend zu grundlegenden Fragen zurück. Eine davon, die nach dem „Zufall“, hat sich für mich im Zuge meiner diversen Studien und Beobachtungen irgendwie ganz von allein beantwortet und regelrecht davongemacht.

Manch einer hält die Frage, ob es nun einen „Zufall“ gibt oder nicht, für eine Petitesse, der man kaum oder gar keine Zeit widmen sollte. In dieser Frage „versteckt“ sich aber einer der wohl wichtigsten Grundpfeiler des gesamten Islam – deshalb sollte man sich ihr durchaus aufmerksam nähern. Dieser Teilaspekt wird sogar von manchen Muslimen in seiner gesamten Bedeutung unterschätzt, dabei liegt in ihm nicht viel weniger als einer von vielen Gottesbeweisen.

Selbst Säkulare, Laizisten, Atheisten und alle Nichtmuslime fangen sich in der gedanklichen Falle des „Zufalls“! Wenn man an ihn glaubt, kann man kein gläubiger Mensch sein, denn man würde gedanklich (seinem) Gott selbst vollkommene Machtlosigkeit unterstellen, da der „Zufall“ gewissermaßen „parallel“ zu seinen Entscheidungen geschähe, mithin ihn selbst massiv beeinflusste. Ein Gott, der keinen Deut mehr vermag als der Mensch, ist jedoch keiner. Wenn man nicht an ihn, sondern bloß auf die Logik, die Stringenz der Naturgesetze und somit auf die vollkommene Berechenbarkeit von allem setzt, was ist, muss man mit der gleichen Haltung auch an den „Urknall“ gehen. Allerdings gibt keines der Naturgesetze Antwort auf die Frage, was oder wer die Elemente für den „Big Bang“ in Stellung gebracht, konfiguriert, vorbereitet hat und woher diese stammen sollen. Zu schweigen von der Frage, was denn davor gewesen sein soll. Keines der Naturgesetze, denen der gesamte Kosmos gehorcht, ist in der Lage, aus dem absoluten Nichts etwas entstehen zu lassen. Ein völlig materiefreier Raum ohne jede Energiezufuhr kann nicht Energie oder Materie produzieren.

Schauen wir bei Wikipedia:

Von Zufall spricht man dann, wenn für ein einzelnes Ereignis oder das Zusammentreffen mehrerer Ereignisse keine kausale Erklärung gegeben werden kann. Als kausale Erklärungen für Ereignisse kommen in erster Linie allgemeine Gesetzmäßigkeiten oder Absichten handelnder Personen in Frage.

Der erste Satz endet mit einem Wort, das dort zwingend stehen muss: kann.

Menschen, so die allgemeine Überzeugung, können alles. Sie schaffen künstlich Stoffe, die nie zuvor auf der Erde existiert haben, sie fliegen ins Weltall, sie bohren sich tiefer in die Erde als irgendein anderes Lebewesen, sie könnten die ganze Erde mit einem Schlag vernichten. Das war schon Archimedes klar – auch wenn er mit seinem Hebelgesetz in Bezug auf die Erde etwas eigentlich anderes ausdrücken wollte.

Trotzdem beschreibt der Mensch mit dem Begriff „Zufall“ nur die Grenze seiner Möglichkeiten und dokumentiert durch die Benutzung des Worts nur seine Unfähigkeit, die auf ein Ereignis einwirkenden, im Einzelnen ja minutiös nachzubildenden Einflüsse wirklichkeits- und wahrheitsgetreu abzubilden, nachzuvollziehen und dadurch berechnen zu können. Deshalb kommt Wikipedia auch in seinem zweiten Satz zu der Aussage:

Die Erklärung für Zufall ist also gerade der Verzicht auf eine (kausale) Erklärung.

Wir benutzen das Wort „Zufall“ also als provisorische Schublade für Phänomene, für die wir mangels Fähigkeit und Kompetenz keine kausale Erklärung finden können. Obschon sie selbstverständlich existiert, da die Welt ihren Naturgesetzen gehorcht, die in sich vollkommen logisch und mathematisch exakt aufgebaut sind. Deshalb ist es auch kein „Zufall“, dass die Rechnung „4 x 5“ eben „20“ ergibt. Für ein Vorschulkind stellt sich die Situation natürlich anders dar: wenn es beim Picnic als eines von fünf Kindern aus einer Packung von zwanzig Bonbons vier davon erhält, dann staunt es vielleicht, dass plötzlich alle Kinder gleich viel Bonbons haben. Es wäre vielleicht spielerisch auf das gleiche Ergebnis gekommen, würde aber wohl kaum die mathematische Gesetzmäßigkeit dahinter dabei entdeckt haben. Das Kind würde einen Erwachsenen bei der Aufteilung beobachtet und den Rechenvorgang nicht verfolgt haben, es hielte also die gleichbleibende, gerechte Anzahl von Bonbons in den Händen seiner Kameraden für einen „Zufall“.

Gehen wir einen Schritt weiter ins Detail: am vergangenen Wochenende befanden sich in Norwegen über 300 wilde Rentiere auf einer Weide und drängten sich eng zusammen, als ein Gewitter losbrach und Blitze auf sie herabfuhren. 300 und mehr Tiere starben dadurch auf einen Schlag.

„Zufall“?

Ein Meteorologe hätte die armen Tiere vorher warnen und ihnen mitteilen können, dass sich am Platz ihres Aufenthalts „mit größter Wahrscheinlichkeit“ in „nächster Zukunft“ ein martialisches Gewitter mit bedrohlichem Potenzial entwickeln würde. Er hätte aufgrund seiner Satellitenbilder und Berechnungen die Bildung, den Zug und die Größe des Unwetters nach-„bauen“ und wahrscheinliche Szenarien für die unmittelbare Zukunft entwickeln können.

Ein Biologe hätte nach Inaugenscheinnahme des Platzes und der Bewegung der Herde mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen können, dass sich die Tiere ziemlich genau dort aufhalten würden, wo es geschah. Und hätte es einen objektiven Mediator gegeben, der diese Erkenntnisse miteinander verbunden und ausgewertet hätte, wären die Rentiere ganz sicherlich noch am Leben. Es wäre klar gewesen, dass der Blitzschlag keineswegs „zufällig“, sondern im Gegenteil ebenso tatsächlich berechenbar war wie der Umstand, dass sich die Herde zum Zeitpunkt des Ereignisses ziemlich genau dort aufhalten würde, wo es auch geschah.

Diese Betrachtungen arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten. Wir können die maßgeblichen Treiber des „Rentierunglücks“ zwar identifizieren, aber eben nur näherungsweise für die Zukunft berechnen. Für weitergehende Ergebnisse einer Vorhersage etwa, wann genau und mit welcher exakten Intensität der Blitz auf welchem Quadratmeter niederfahren würde, reichen weder unsere Formeln, noch unsere Technologien aus.

Wir können das im Quran nachlesen. Denn dort wird den Menschen gesagt, dass er über alles verfüge, was ihm Wissenserwerb verschaffen und dennoch gewisse Grenzen dabei mangels Befähigung nicht überschreiten könne. Wir können, sollen und dürfen Apparate bauen, unsere Mathematik weiterentwickeln, denn genau das entspricht den Möglichkeiten, mit denen uns Allah „ausgestattet“ hat. Muslimen ist vollkommen klar, dass der Mensch deshalb vielleicht morgen schon weiß, was er heute nur ahnt oder Postulate, wie er sie gestern noch formuliert haben mag, morgen einreißen muss.

Der „Zufall“ existiert nicht, weil alle Elemente, die zu einem Ereignis führen, dessen Verbindung mit einem anderen Ereignis als „zufällig“ wahrgenommen wird, tatsächlich aber seit langem hätte bekannt sein können. Und da die Mathematik in dieser Richtung gnadenlos und konsequent aufgebaut ist und gestern eine Vorausberechnung für heute hätte ergeben können – dann wäre genau diese Berechnung auch bereits vor zehntausend Jahren möglich gewesen. Konkret gesagt, würde man schon zur Zeit des Pyramidenbaus vorausgesagt haben können, dass am 28. August auf einer norwegischen Wiese 320 Rentiere durch einen Blitz ums Leben kommen würden. Damit hätte die Vorausberechnung für jede individuelle Entität jedes beteiligten Rentieres nebst seines gesamten Stammbaums fix und fertig, perfekt vorgelegen.

Und da kommt der Augenblick meiner Erkenntnis ins Spiel, in dem mir das soeben Gesagte vollständig bewusst wurde: ich entdeckte in Ägypten eine ganz besonders fotogene Katze, die sich unbewusst für mich perfekt auf einem niedrigen Mäuerchen in Positur gelegt hatte und in die Sonne blinzelte.

„Wenn ich das vorher geahnt hätte, dann hätte ich jetzt meine gute Kamera dabei.“

dachte ich und verstand in diesem Moment, dass ich, wenn ich nur dazu befähigt wäre, diesen Moment im Voraus hätte berechnen können. Natürlich hätte ich um die Katze gewusst, schon Jahre zuvor ihre Farbe gekannt und zum Anbeginn aller Zeiten hätte längst festgestanden, dass ausgerechnet ich in ausgerechnet diesem Moment ausgerechnet diese Katze entdecken würde.

„Die Federn sind gehoben, die Tinte ist getrocknet!“ ist demzufolge längst eine meiner Lieblingswendungen – und natürlich ist sie eine islamische. Es steht deshalb längst fest, was in Zukunft geschehen wird; wer über die notwendigen Apparate und Befähigungen verfügt, der weiß heute längst, was in zehn, hundert, zehntausend oder zwei Millionen Jahren geschehen wird. Und das für jedes einzelne Individuum, für jeden einzelnen Stein, jeden Wassertropfen, jede Taube, jede Bakterie, jede Wolke am Himmel. Und es ist möglich, das zu tun, ohne für einen einzigen Moment Glaubensmärchen zu vertrauen und den Boden rein objektiver, wissenschaftlich sauber errungenen Wissens verlassen zu müssen.

 

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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2 Antworten zu Mein Islam – und der „Zufall“

  1. seidwalk schreibt:

    @ „Natürlich hätte ich um die Katze gewusst, schon Jahre zuvor ihre Farbe gekannt und zum Anbeginn aller Zeiten hätte längst festgestanden, dass ausgerechnet ich in ausgerechnet diesem Moment ausgerechnet diese Katze entdecken würde.“

    Wenn Sie schon vorher von der Katze gewußt hätten, dann hätten Sie sie auch nicht entdecken können, denn sie war schon entdeckt.

    Die ganze Zufalls-Falle baut sich mit der Sprache auf. Deswegen ist in der Wiki-Definition auch nicht das „können“ das entscheidende Wort, sondern das „spricht man“ in „Von Zufall spricht man“ und das in doppelter Hinsicht: es beschreibt den Sprechakt und im „man“ die soziale Übereinkunft darüber. Andere Sprachen haben ganz andere Begriffe dafür. Das Italienische kennt z.B. coincidenza, caso, casualitá und accidente und jedes meint ein anderes Phänomen.

    Auch die Wissenschaft meint sagen zu können, was die Zukunft im Großen und Ganzen bringen wird. So wird die Erde sich der Sonne nähern, diese in 5 Mrd. Jahren „verglühen“ und von diesem wunderschönen Plätzchen nichts mehr übrig bleiben. Ist das dann Allahs Plan?

    Und was den Menschen betrifft: die Fähigkeit der Selbsttötung – deswegen hielt Camus das für die einzige philosophische Frage – führt jeden Gedanken an Prädestination ins Absurde.

    Empfehle dazu die Lektüre: Arthur C. Danto: Analytische Philosophie der Geschichte

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    • echsenwut schreibt:

      Ja – Sie haben recht: hätte ich vor Jahren schon von der Katze gewusst, so würde ich sie natürlich nicht entdeckt, sondern sie gezielt aufgesucht haben. Soviel Genauigkeit muss sein.
      Wie könnten wir davon reden, dass das vermutliche Verglühen der Erde Allahs Plan wäre? Das würde voraussetzen, dass wir alles, was bis dahin im Kosmos geschehen würde, fix und fertig berechnet hätten und WÜSSTEN, dass uns bis zum Erreichen dieses Moments nichts anderes auf der Erde widerfahren könnte/würde. Das ist jedoch nicht der Fall – uns könnte ein gewaltiger Asteroid die Welt weit vor Ablauf dieser Frist auseinanderreißen. Bis jetzt haben wir maximale Schwierigkeiten, auch nur die Bahn bekannter und womöglich in dieser Hinsicht relevanter Himmelskörper annähernd gut zu berechnen. Da unser kleines Sonnensystemchen hier und da immer wieder einmal von Wanderern besucht wird, die von wesentlich weiter her zu uns kommen, ist uns jedwede Vorberechnung schlicht unmöglich. Wir reden hier von einer Frist, die umgekehrt auf dem Zeitstrahl notwendig war, aus einem rasenden Gas- und Glutklumpen das zu formen, worauf wir heute stehen. Völlig unmöglich vermuten zu wollen, was uns innerhalb von 5 Mrd. Jahren so alles erwartet! Vielleicht bauen wir eine neue „Arche“ und erhalten eine andere Erde zugeteilt? Vielleicht sind wir morgen schon alle tot?

      Mir wäre nicht ganz eingängig (obschon ich zugegebenermaßen Camus noch nicht gelesen habe!), warum die Fähigkeit der Selbsttötung jede Prädestination ad absurdum führen solle/könne. In Bezug auf göttliche Entscheidungsgewalt ändert diese Fähigkeit nichts. Wenn ich morgen entscheide, mich selbst zu entleiben, so kann das mein vorbestimmtes Schicksal sein – auch wenn es sich auf Basis rein physikalischer Berechnung und mit unseren stark eingeschränkten Möglichkeiten (!) nicht heute bereits abzeichnen würde.
      Nebenbei: Dieser Diskurs ist innerhalb des Islam ein höchst anregender und oft leidenschaftlich diskutierter: „Habe ich als Individuum nun nach dem Quran einen eigenen Willen – oder eigentlich nicht, da ja alles vorbestimmt ist?“
      Menschliche Reaktionen basieren nicht grundsätzlich auf reiner Logik – und daher entziehen sie sich nüchterner Betrachtung nach auch meistens der Vorberechnung. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass gerade Beobachtungen und Untersuchungen unserer Reaktionen in den letzten Jahren verblüffenderweise darlegen, dass unsere Entscheidungen, die wir mit unserer Emotio glauben getroffen zu haben, allzu häufig Reflexe sind, deren Parameter tatsächlich doch im Vorfeld bekannt waren und damit theoretisch hätten vorausberechnet werden können.
      Wie Gallileo mit seinem sehr einfachen, selbst gebastelten Teleskop auch, so verfügte natürlich auch Camus über einen sehr einfachen, selbst gebastelten Werkzeugkoffer, mit welchem er zu seinem Schluss kam. Wie wir sehen, gerät diese Denkweise stark ins Wanken und als Postulat (!) möchte ich den von Ihnen zitierten Schluss nicht gelten lassen. Man wird ihn womöglich noch relativieren oder einen anderen an seine Stelle setzen müssen.

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