Terror: substanz- und folgenlose Angst

Wie geht man mit einer Angstsituation um?

Nicht nur in Bezug auf den Terror haben wir eine höchst faszinierende Angstkultur erschaffen. Wir können unser mulmiges Zukunftsgefühl nun beim Namen nennen, wir geben ihm ein Gesicht und wissen, dass es auf arabische Namen hört. Wir haben Angst vor dem Terror.

Ich habe nun zwischenzeitlich weit mehr als nur ein Gespräch geführt und gehört, in welchem mein Gesprächspartner seine Wochenendpläne durchdachte, dann plötzlich die Schultern hängen und hören ließ, dass man das ja dann wohl doch nicht tue. Eine Massenveranstaltung zu besuchen sei nicht angezeigt, da habe man Angst.

Wir lassen es nicht nur zu, dass wir auf einmal Dinge tun und denken, die uns fremd waren und reflexhaft Pläne und Ideen verdrehen, verändern, die vor kurzer Zeit noch völlig selbstverständlich waren.

Die ZEIT widmet mit der Journalistin Nora Burgard-Arp diesem Thema eine ganze, gefühlsgetragene und -betonte Abhandlung die uns zeigt, wie man Angst erfolgreich kultiviert, systemisiert:

http://www.zeit.de/kultur/2016-08/angst-terror-deutschland-mutter-angstforscher-wahrscheinlichkeiten-10nach8

Die hochbeladene Figur einer jungen Mutter wird bemüht; nichts berührt uns so sehr, wie das plakative „Schicksal“ einer jungen Mutter mit ihrem Kinde – wohl tausend Kirchen beinhalten Skulpturen zum Thema und halten inbrünstige Meditationsworkshops mit dem Namen „Gottesdienst“ dazu ab. Nicht nur aufgrund meiner europäischen Kindheit und durchgehenden Prägung berühren solche Geschichten natürlich auch mich: schon oft bildete sich mir ein Kloß im Halse, wenn ich Aufnahmen verzweifelter Mütter sehe und ihre Geschichten höre, die mit bloßen Händen schreiend in rauchenden Trümmern ihres Hauses nach ihren Kindern graben. Gut – das sind nun Geschichten, wie wir sie hier höchst selten lesen, eben weil diese Häuser durch unsere Raketen und Granaten eingeebnet worden sind. Dieses Leid, so die Botschaft, ist zwar auch unschön, aber gar nichts im Vergleich zu dem mulmigen Gefühl unserer jungen Mütter, die im TV von Anschlägen in Deutschland hören.

Wir machen aus unserer Angst (endlich) eine Kunstform, weil unserer „german angst“, wie das Ausland gern spottet, nunmehr echte Ursachen entgegenstehen. Endlich können wir vollkommen demoralisierten, traumatisierten Syrern entgegenhalten: wir haben auch Angst. Jawoll.

Wir gehen zwar nicht mit der Angst um, um sie zu beseitigen. Ob das zuviel verlangt wäre, kann ich nicht beurteilen aber es hält sich in mir der vage Verdacht, dass unsere Angst für uns ein echter Zugewinn ist. Sie kann nun mit einem ungefähren Gesicht und mit Namen belegt werden, die uns Grusel erzeugen. Mehr brauchen wir nicht als Idee zu unserer Angst, denn das wichtigste an der Angst ist für uns die Angst. Es war ja auch über viele Jahre für uns durchaus unangenehm: während wir an den Werkbänken und Fließbändern an Waffen bauten und diese sehr lukrativ verkauften, anderswo kriegerische Auseinandersetzungen angezettelt und tätige Mithilfe am Sturz ganzer Länder geleistet haben, zerriss es unsere Nachbarn durch Anschläge. London – Paris – Brüssel.

Wir haben es uns selbst gegenüber nie zugegeben – aber wir haben es immer gewusst: irgendwie geht die Rechnung nicht auf, dass man immer nur an Kriegen verdienen kann, aber selbst nie Schaden dadurch erleiden muss. Irgendwas stimmte da schon lange nicht. Wir haben natürlich auch alle sehr schnell geahnt, dass Afghanistan ein schwerer Fehler war, der selbst in unseren eigenen Reihen viele Tote forderte und nichts, aber auch gar nichts erreichte.

Europa wird angegriffen. Mit ihm das Sicherheitsgefühl seiner Bewohner. Wir dürfen uns vor dem Terror fürchten, müssen aber lernen, mit dieser Angst offen umzugehen.

Hier erhalten wir die Seligsprechung und die Absolution dafür, dass wir angstfrei unsere Angst pflegen dürfen. Wir beschützen uns gegenseitig vor den Gründen für die Gewalt, die wir jetzt im eigenen Land erleben. Wir lassen uns von Burgard-Arp liebevoll in den Arm nehmen und trösten: „Ja. Du darfst deine Angst genießen. Sie hat jetzt endlich Substanz.“ Wir dürfen nun offen darüber sprechen und müssen uns für unsere Angst nicht (mehr) schämen. Es ist schon ok.

Psychologen und Politiker haben uns ein Mantra geschenkt:

Die Terroristen dürfen mein Leben nicht bestimmen und mir meine Lebensfreude nicht nehmen.

Es läuft wie Balsam über unsere Seele und lässt es zu, erfordert es geradezu, dass wir endlich auch Feindschaft und Wut gegen das Gesicht unserer Angst fühlen dürfen. All diese Flüchtlinge! Die daher kommen, wo wir unsere Waffen absetzen. Aber da müssen wir gedanklich sofort anhalten, weil es ab diesem Punkt unangenehm für uns wird, unsere Angst aber darf keinen unangenehmen Touch erhalten.

Zwar ist es blanke Hysterie, wenn unsere ausgekirchte, heilige Mutter sagt:

Hatte ich Angst, meine Tochter in Deutschland nicht mehr ausreichend schützen zu können? Ja.

…. und keine Fakten bestätigen dies, es nährt aber unsere Angst und macht uns wegen der Angst der Heiligen Mutter so richtig schön betroffen. Das ist toll. Wir haben gerechtfertigte Angst und fühlen Leid für unsere Mit-Mutter, die Heilige.

Allerdings sind wir auch gegen Fakten gefeit:

Beim Essen seien in den vergangenen Jahren jeweils mehrere Hundert Menschen gestorben – mehr als bei Terroranschlägen in ganz Westeuropa zusammen. Natürlich ist es wichtig, dass solche Tatsachen und Zahlen verbreitet werden.

Natürlich ist das wichtig, denkt der Dumme, damit die vermeintlich noch dümmere Fraktion im Lande ruhig bleibt – wir sehen diese Wahrheit als Schlafliedchen, als beruhigendes über-den-Kopf-streicheln. Aber wir, die Klugen, wir wissen das natürlich besser und wissen darüberhinaus: wir dürfen Angst haben. Das dumme Kind, das wir bei Gewitter in den Schlaf gesungen haben, hat selig und ruhig zu schlummern – während wir voller Angst vor dem Blitzeinschlag mit dem Rücken zum Fenster auf unserem Stuhl vor seinem Bettchen kauern und ahnen: es kann jederzeit einschlagen und es ist vorbei mit uns.

Ich werde nicht verdrängen, werde mich nicht unter der Decke verkriechen, sondern unter meinem Bett nachsehen. Ich werde weiterhin Angst haben. Ich werde sie aushalten, sie akzeptieren, aber auch laut über sie sprechen – und lernen, mich an sie zu gewöhnen.

Es ist ein richtiges Abenteuer, sich an Angst zu gewöhnen. Wir entfernen sie nicht, weil wir sie endlich haben dürfen. Deshalb kommen wir auch überhaupt nicht auf die Idee, die Ursachen des Terrors zu bekämpfen und unseren Politikern in die Arme zu fallen, mit denen sie so überreichlich aus unseren Verkaufskatalogen alles und jeden bedienen, der schießen will. Wir fragen nicht danach, wie wir die Wut, die Verzweiflung beseitigen können, die Menschen in unserer Mitte zu Waffen und Bomben greifen lässt – es könnte sich dabei ja herausstellen, dass die Anschläge zurückgehen und unsere Angst eine neue Heimat braucht. Unsere substanzlose Angst.

Wir brauchen diese Angst, denn sie gibt uns endlich einen Grund, Moscheen zu verwüsten, Burkas zu verbieten, Muslime auf der Straße zusammenzuprügeln. Unsere Politik braucht unsere Angst, damit sie sich nicht in Wut auf sie selbst verwandelt und wir umso leichter an triviale, rechtsradikale Phrasen glauben, die unserer Angst ein Gesicht, eine Burka, ein Ziel, eine Moschee gibt.

Wir dürfen dabei nur nicht vergessen, die Angst derer zu vergessen, die voller Verzweiflung bei jedem Tritt ins Freie den Himmel nach unseren Jagdbombern absuchen, die schon ganze Dörfer eingeebnet haben. Solange wir so tun, als hätten wir überhaupt keine Idee, was die Täter in unserer Mitte dazu antreibt, uns anzugreifen, solange können wir unsere Angst genießen. Ja – sprechen wir nur laut über unsere Angst, die vollkommen substanzlose. Schön laut. Dann hören wir die Explosionen in den Städten und Dörfern derer nicht, die wir Tag und Nacht angreifen, damit sie Angst vor uns haben.

 

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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