Offener Brief: „völkisch“, Frau Petry, ist ein widerlicher Begriff!

(Alle folgenden Zitate: ZEIT.de)

Den Zwiespalt, was zu einem Tabu erklärt werden sollte oder muss, bin ich in meinem Leben grundsätzlich nie losgeworden. Mit zunehmendem Lebensalter bin ich in dieser Richtung eher unsicherer als souveräner geworden.

Die Errichtung von Tabus hat nämlich immer eine Begleiterscheinung: es werden sich immer sofort Stimmen finden, die sie reflexhaft einreißen wollen. Es gibt ja sogar Strömungen, die Tabus gezielt und massiv ohne jede Sachbegründung verletzen, eben weil sie Tabus sind.

Zahllose Begriffe, Lieder, Bücher, Wortwendungen, die in anderen Gemeinschaften vollkommen unbelastet und kritiklos in Gebrauch sind, stellen sich hier in Deutschland als über alle Maßen befrachtet dar, weil sie ihren Ursprung in der unseligen Vergangenheit Deutschlands haben. Sie haben den Verfolgungs- und Vernichtungswahnsinn nicht nur flankiert, sondern wie psychologische Nachbrenner sogar befeuert. Sie haben rassistische Verrücktheiten mit philosophischer Quacksalberei garniert und die wenigen Deutschen, die nicht freiwillig und begeistert der allgemeinen Hysterie anheimgefallen waren, auch noch innerlich zum Wackeln gebracht. Bücher wie „Mein Kampf“, Lieder wie das „Horst-Wessel-Lied“ haben die Trommeln zum Marsch ins Verderben und tief in die Schuld gerührt.

„Völkisch“, Frau Petry, ist der semantische Kumpel von „Mein Kampf“. Für mich steht diese Vokabel gleichbedeutend mit „brechreizerregend“. Machen Sie den Versuch und Sie werden feststellen, das alle Sätze, die mit „völkisch“ aufgebaut werden, gleichermaßen mit dem Wort „brechreizerregend“ funktionieren.

Man müsse „daran arbeiten, dass dieser Begriff wieder positiv besetzt ist“,sagte sie der Welt am Sonntag. Es sei eine „unzulässige Verkürzung“, wenn gesagt werde, „‚völkisch‘ ist rassistisch“.

Dabei ist das völlig richtig, was Sie da hinsichtlich der von Ihnen festgestellten Verkürzung feststellen! Das Wort „völkisch“ umfasst ganz wesentlich mehr. Es steht für eine Sammlung von durchwegs negativ besetzten und in exakt diesem Sinne auch benutzten Begriffen. Kai Biermann von der ZEIT verweist wie folgt darauf:

Der Historiker Uwe Puschner nennt den Ausdruck in seinem Handbuch zur völkischen Bewegung einen Sammelbegriff für die nationalistisch-antisemitische Rechte in Deutschland.

Nun zu versuchen, dies Wort durch die Hintertür der Dummheit wieder ans Licht zu heben, entlarvt sich selbst – wenigstens dem, den Sie ja nun nicht gerade ansprechen wollen: nämlich dem Wissenden, dem Aufmerksamen, dem Belesenen und Klugen. Da Sie allerdings ausschließlich nur im intellektuell schwach besetzten Unterrand der hiesigen Gesellschaft fischen, können und dürfen Sie sich Hoffnungen darauf machen, dass Ihr Versuch gelingen wird.

Andere wissen es besser:

Die Nachsilbe -isch ist eine Übertragung des indogermanischen -isk. Das Adjektiv diutisc oder theodisk bedeutete ursprünglich „zum Volk gehörig“, es diente in früherer Zeit der Abgrenzung zu lateinisch sprechenden Gelehrten und wurde dann zur Bezeichnung für deutsche Stämme. Völkisch ist somit eine Übersetzung von deutsch.

Damit ist das Adjektiv „völkisch“ nur von inzestuös durchsetzten, rückständigen und natürlich bildungsfernen Bergstämmen zu gebrauchen, die ihren einzigen Zugangspass verbissen gegen jeden Zutritt verteidigen und ihre Kerzen noch aus Rindertalg ziehen. Nur die totale Isolation gegen alle Außenwelt ließe es zu, von einer geschmiedeten Gemeinschaft zu sprechen, die die Vokabel „Volk“ verträgt. Für diejenigen, die in der Realität unseres globalisierten Miteinanders auf der ganzen Welt ausgehen und isolationistische Bestrebungen als Feind einer friedlichen und wertegetragenen Koexistenz betrachten, kann ein „Volk“ gar nicht mehr existieren. Weil es heute bereits faktisch gar nicht mehr existiert.

Sie sollten einmal in ihrer eigenen Ahnenreihe forschen – ich könnte Ihnen garantieren, dass Sie den einen oder anderen Zuwanderer aus mehr oder weniger großer Entfernung in tieferer oder näherer Vergangenheit auffinden werden. Und schon sind Sie selbst nicht mehr Teil Ihres „Volks“ – so wie Sie es verstehen. Denn sollten Sie jemals Geschichtsunterricht gehabt haben würden Sie wissen müssen, dass ausgerechnet das heutige Deutschland quer durch die zurückliegenden, drei Jahrtausende grundsätzlich immer nur ein Durchmarschgebiet diverser Stämme war, die sich temporär niederließen und sich fröhlich mit allem mischten, was eben so vorbeigewandert kam. Da is nix mit „völkischer Reinheit“ und schon mal überhaupt nichts von festgeschriebenen, tradierten Werten festzustellen.

Bis heute ist völkisch, wie das Deutsche Wörterbuch vermerkt, „im Parteigezänk mit dem Klange eines Schlag- und Kampfwortes behaftet“, das besonders oft dazu benutzt werde, um den „Rassengegensatz gegen die Juden“ zu betonen.

Das wird ganz sicherlich Ihr nächstes Ziel sein, Frau Petry: die Renaissance der Begriffe „Volksgemeinschaft“, „Volksverräter“ und „Volksfeinde“. Wenn Sie dies erreicht haben, wird es Ihnen ein Leichtes sein, den Hass der Minderbemittelten auf Juden und allerdings auch auf Muslime zu versammeln. Hunderttausende von dummen Menschen werden Ihnen applaudieren, da bin ich mir sehr sicher. Ich würde mich aufrichtig schämen, in solchen Reihen Claqueure zu haben. Sie werden die „Kriegsfibel“ von Bert Brecht ganz bestimmt kennen, denn darin ist ein Text, der Sie meint. Er ist von einem Foto Adolf Hitlers überstanden und darunter steht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Auch Sie werden natürlich die Antwort auf die Frage schuldig bleiben, wo Sie die Grenze zwischen denen, die Ihrer Ansicht nach zu „Ihrem Volk“ zählen und denen, die das nicht mehr tun, gezogen sehen wollen. Im Zweifelsfall werden Sie diese Grenze nach Ihren persönlichen Verhältnissen ziehen; im neunzehnten Jahrhundert vielleicht, weil Ihre Vorfahren im achtzehnten eingewandert sind oder im siebzehnten, weil sie den Weg hierhin bereits im fünfzehnten geschafft hatten. Und wenn Sie Ihre eigenen Schädelmaße nehmen und datentechnisch fixieren lassen, dann werden diese eben für Sie der „Ariernachweis“ sein, den Sie zum Maßstab für „Ihr Volk“ einsetzen wollen, nicht wahr?

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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Eine Antwort zu Offener Brief: „völkisch“, Frau Petry, ist ein widerlicher Begriff!

  1. Ideologische Wurzeln des Nationalsozialismus im deutschen Bürgertum

    Lange vor Hitler entstand in Deutschland aus dem vaterländischen völkisch-nationalistisches, rassistisches und imperialistisches Gedankengut. Ein Beispiel dafür ist ein Gedicht von Felix Dahn:…
    https://stahlbaumszeitfragenblog.wordpress.com/2015/08/26/ideologische-wurzeln-des-nationalsozialismus-im-deutschen-buergertum/

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