„Angst“ – von unseren Behörden gemacht

Wir genehmigen uns viele menschliche Ausfälle mit der Entschuldigung, wir hätten angeblich Angst.

Angst ist toll. Sie ist der Trumpf beim Skat, der doppelte Sechser beim Würfeln, eine tolle Abkürzung. Wenn man Angst hat, bewältigt man den Weg zur zerstörerischen Aggression in einem Hui – und keiner kann einem was. Weil Angst zum Opfer macht, Kurzschlusshandlungen begründet, Tötungen und Zerstörungen straffrei gestaltet. Angst ist erstrebenswert, sie ist ein Freifahrtschein und deshalb ziehen sich viele das Angstkäppchen über, wenn sie andere angreifen wollen. Einfach weil sie Bock auf Terror haben und vor allem geil auf die Angst anderer sind. Was im einfachen Leben als ein uninteressantes, erfolgloses, leistungs- und verstandesfreies Männchen und obendrein auch noch ohne schweres Auto vor sich hinvegetiert, das zieht sich seine Angst von der Garderobe und geht zerstören. Wie unglaublich armselig. Wie verachtenswert.

Vor dem Landgericht Hagen wurde nun einem dieser kleinen, unwesentlichen Männchen, 26 Jahre alt, das Angstkäppchen wieder vom Gesicht gezogen und nach Feststellung des Gerichts kam darunter eine ganz triviale, vermutlich noch verachtenswertere Fratze des Ausländerhasses zum Vorschein.

Er hatte einen Brand in einer Flüchtlingsunterkunft gelegt; als Feuerwehrmann war ihm vermutlich trotz offenbar stark eingeschränkten Intellekts vollkommen klar, dass sich Dachstuhlholz zusammen mit Benzin und einem entzündeten Streichholz durchaus destruktiv auf ein Haus auswirken kann.

(Zitat: ZEIT.de)

Als Motiv gab er an, es sei immer erzählt worden, dass alle Flüchtlinge kriminell seien. Dadurch seien bei ihm immer größere Ängste entstanden, er habe schlaflose Nächte gehabt.

26 Jahre alt. Und so furchtbare Angst, die er durch „Erzählungen“ bekommen haben will. Das ist natürlich vollkommen abstrus und blödsinnig. Diese Legende macht aber den feigen und blöden Täter zum Opfer, zum armen, dummen Opfer, das sich vorgeblich gar nicht mehr anders zu wehren weiß.

Ein biederer, verängstigter Bürger, der aus Angst vor den Fremden in der Nachbarschaft zur Tat schritt – so deuteten die Behörden die Tat. Das lag auch an fehlerhaften Ermittlungen. Der Hagener Staatsschutz hatte die Fotos und Videos auf den Handys der Angeklagten als unverdächtig eingestuft, obwohl sich darunter zahlreiche Bilder und Textnachrichten mit rechtsradikalem Gedankengut befanden.

Seit Jahrzehnten existiert zwischen Kriminal-, allen anderen Bundesbehörden und der rechtsradikalen Szene eine stillschweigende Kumpanei. Wie der NSU-Ausschuss und zahlreiche darüberhinausgehende Informationen zeigen, unterstützt die Bundesregierung die Szene mit erstaunlicher Zähigkeit, viel Geld, Sprengstoffen und persönlicher Unterstützung in geradezu liebevoller Manier. Bekanntgewordene, platte Ausländerfeindlichkeit wurde durch reichliche Unterstützungszahlungen an Einzelne organisiert. Gemäß Aussage eines solchen Radikalen wäre ihm die Gründung einer rechtsextremen, als gefährlich eingestuften Bewegung ohne die hohen Überweisungen und Bargeldübergaben aus den Händen deutscher Kriminalbehörden überhaupt nicht möglich gewesen.

(Zitat: SPIEGEL.de)

In Rostock haben Betrunkene zwei Ausländer angegriffen und fremdenfeindlich beschimpft. Wie die Polizei mitteilt, warteten die Opfer am Montagabend gerade auf einen Bus, als die beiden 32-jährigen Täter sie angriffen, zu Boden schubsten, schlugen und mit volksverhetzenden Parolen überzogen.

Auch das waren natürlich nur gute Jungs, die eben Angst haben. Sie fürchten sich dermaßen vor den Ausländern, dass sie sie zu vernichten versuchen.

Jedenfalls würden die Behörden das ganz gern so sehen; ihnen passt der wohlfeile Hass in deutschen Plattköpfen sehr gut ins Konzept. Hier gibt es eine ganz realistische Chance, unter dem Deckmäntelchen der „plötzlichen Angst“, die Teile der bisher vorgeblich nicht radikalen, normalen und unauffälligen Bevölkerung befallen haben soll, auch weiterhin für Anschläge, Zerstörungen und Verletzung von Ausländern Sorge zu tragen. Es bietet sich halt so an: Menschen, die vorher politisch in keiner Richtung je aktiv waren und die auf einmal von solch starken Ängsten infiziert werden, kann man nicht im Vorfeld enttarnen. Also werden die gefährlichen Anschläge kurzerhand zum Werk solcher Menschen erklärt – und durch massive Mithilfe werden Beweise, die eine seit langem bestehende Verbindung der Täter mit rechtsradikalen Kreisen zweifelsfrei darlegen, einfach unterdrückt. Peng. Aus.

So geschehen beim Männlein aus Altena, das nun durch die Anstrengungen der Nebenkläger im Verfahren von einem „besorgten Bürger“, über den es angeblich überhaupt gar keine Hinweise auf Verbindungen zu extremen Kreisen gegeben haben soll, zu einem primitiven, dummen Hassaugust mit langjährigen Verbindungen in gleichgesinnte Kreise verwandelt wurde.

(Quelle: ZEIT.de)

Ein biederer, verängstigter Bürger, der aus Angst vor den Fremden in der Nachbarschaft zur Tat schritt – so deuteten die Behörden die Tat. Das lag auch an fehlerhaften Ermittlungen. Der Hagener Staatsschutz hatte die Fotos und Videos auf den Handys der Angeklagten als unverdächtig eingestuft, obwohl sich darunter zahlreiche Bilder und Textnachrichten mit rechtsradikalem Gedankengut befanden.

Während auffällig oft seitens der Bundesbehörden und ihrem Obersten, de Maiziere, öffentlich, breit und tief diskutiert wird, wie man die vielen getarnten Terroristen aus dem Flüchtlingsstrom prüfen, kontrollieren, verhaften und ausweisen kann, werden gleichzeitig die weitaus meisten der Terroristen aus rechtsradikalen Kreisen Deutschlands wortwörtlich ent-schuldigt. Sie sind ja gar keine, sie sind ja alle bloß „besorgte Bürger“, die „voller Angst“ und „Verzweiflung“ Brandsätze werfen, Menschen verprügeln, in Horden jagen.

Auch im Falle des Altena’schen Männleins hätte dies beinah geklappt:

Hätten die Nebenklageanwälte der syrischen Familien nicht selbst Tausende Handydateien der Angeklagten gesichtet, wäre das womöglich nie bekannt geworden.

… und der groteske Hasszwerg von Altena wäre auch nur ein „besorgter Bürger“ gewesen und ganz sicherlich mit einer höchst milden Strafe davongekommen. Vielleicht drei Stunden Papieraufsammeln im Park.

Die Grauzone der deutschen Terroristen, die in der Vergangenheit auf diese Weise bereits davongekommen sind, weil die bundesdeutschen Kriminalbehörden samt ihres obersten Chefs konsequent genug Beweisquellen entweder vernichtet oder ignoriert haben, ist zahlenmäßig völlig unbekannt:

Schon im vergangenen Frühjahr, als die Bundesanwaltschaft nach langem Zögern das Verfahren gegen eine rechtsextreme Gruppierung aus dem sächsischen Freital an sich zog und Ermittlungen wegen des Verdachts der Bildung einer rechten Terrorzelle einleitete, war von der Analyse des Bundeskriminalamtes nicht mehr viel übrig geblieben. Mit dem Urteil im Fall Altena hat sich die These vom angeblich unideologischen Tätertyp aus der Mitte der Gesellschaft endgültig erledigt.

Es wäre auch wirklich zuviel verlangt, wenn die mittlerweile jahrzehntelange, mühevolle Arbeit des Verfassungsschutzes, des Bundeskriminalamts und des Bundesnachrichtendienstes für die Katz gewesen sein soll – bloß weil ein paar Nebenklägeranwälte plötzlich Beweise erheben, die die genannten Behörden sehr bewusst ausgeblendet, allerdings ungeschickterweise nicht vernichtet hatten. Dabei ist das für den Moment peinlich, für die Zukunft allerdings völlig unschädlich – und der Dienst nach Vorschrift kann weitergehen, der sich auch weiterhin geradezu liebevoll um den Aufbau einer rechtsradikalen, bewaffneten und gefährlichen Szene bemüht. Wir haben das beim NSU-Ausschuss gesehen: es gab immer nur einen kurzen, mediealen Schluckauf, wenn wieder einmal von „plötzlich verschwundenen“ oder bis zur völligen Unleserlichkeit geschwärzten, unvollständigen Akten die Rede war. Es verursachte nur ein Glucksen, aber beileibe keinen Aufschrei, als exakt die Akten, die interessante Detailinformationen beinhaltet hatten, wenige Stunden vor ihrem Transport in den Ausschuss vernichtet worden waren.

Es wird so bleiben: alle rechtsradikalen Exzesse in Deutschland sind grundsätzlich immer nur Ausdruck von „Angst“ von „besorgten Bürgern“. Die Trupps, die mittlerweile prügelnd, zündelnd, beleidigend und bedrohlich durch das Land ziehen, werden auch weiterhin mit Geld und Wegschauen bedacht.

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Über echsenwut

Ein Islamkonvertit; Ehemann, Familienvater, arbeitet im Marketing, unsterblich verliebt in Ägypten. Die Eule, mit deren Bild er gern kokettiert, steht für den Buchstaben "M" in den altägyptischen Hieroglyphen - und damit für das Initial seines Vornamens. Überaus leidenschaftlich in allem, was er tut; immer viel zu laut, zu präsent, engagiert. Man sagt: intelligent. Ich auch. :-)
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